25 Jahre friedliche Revolution
Dienstag, 02. Dezember 2014, 18:10 Uhr
Ein Blick auf den Herbst 1989 in Bad Frankenhausen warf man in der Unterkirche von Bad Frankenhausen...
Unter diesem Motto wurde für den 6. November 2014 in die Unterkirche Bad Frankenhausen eingeladen mit der Aufforderung: Wir erinnern uns: Was bewegte uns? Wie sehen wir das mit dem Blick von heute?
In einer Arbeitsgruppe mit Teilnehmern, die damals im Herbst 1989 diese beiden Zusammenkünfte in der Unterkirche und die Kundgebung auf dem Markt organisierten, wurde der Abend der Erinnerung vorbereitet.
Im Altarraum gab es wie am 6. November 1989 einen Sandhügel mit einer brennenden Kerze.
Pfarrerin Magdalena Seifert eröffnete den Abend mit Gedanken zu 25 Jahre friedliche Revolution mit Blick auf die Frankenhäuser Ereignisse:
Auf den Tag genau heute vor 25 Jahren hatte die evangelische Kirchgemeinde eingeladen hier in unsere Unterkirche zu einem Informationsabend über die gesellschaftlichen Aufbrüche, die im Herbst `89 an vielen Stellen zu spüren waren.
Und viele waren gekommen. Sehr viele. Die Kirche war gefüllt bis auf die Emporen.
So ist dieser 6.November 1989 ein wichtiger Tag in der Geschichte unserer Stadt Bad Frankenhausen. Und er ist es auf jeden Fall wert, einen Platz im Gedächtnis unserer Stadt zu behalten.
In den Medien ist in den vergangenen Wochen und Monaten manches aus dieser bewegten Zeit vor 25 Jahren aufgegriffen worden und wieder in Erinnerung gerufen worden.
Dabei sind 25 Jahre gemessen am Lauf der großen Geschichte nur eine kurze Zeit.
Doch andererseits sind 25 Jahre eine ganze Generation.
Unsere Jugendlichen können über die DDR und unser Leben in ihr nur etwas erfahren, wenn wir es ihnen erzählen.
Und da merken wir: 25 Jahre sind eben doch auch eine lange Zeit.
25 Jahre sind schon mehr als die Hälfte der 40 Jahre, die die DDR bestanden hat.
Und mit diesem Abstand an Jahren verändern sich zuweilen auch die Erinnerungen.
Manches wird verklärt. Anderes wird dramatisiert. Es verschieben sich die Schwerpunkte. Und manches fällt in der Erinnerung zusammen, obwohl es in der damaligen Zeit noch nicht zusammen zu denken war.
Mir fällt das im Moment auf, wenn sich in diesen Tagen vieles in den Medien schon auf den 9.November konzentriert und auf die Öffnung der Grenze.
So weit waren wir aber Anfang November 1989 noch gar nicht.
Darum sind die ganz persönlichen Erinnerungen ein großes Gut.
Und darum wollen wir heute Abend unseren Blick auch nicht nur auf den 6.November 1989 richten, sondern noch ein Stück weiter zurück auf das Jahr 1989.
Denn jedes Ereignis hat seine Vorgeschichte. Und besonders in diesem Jahr 1989 gab es manches, was sozusagen notgedrungen auf den Herbst zugelaufen ist.
Begonnen hat unser Abend mit einem Orgelspiel unserer Kantorin Laura Schildmann.
Sie hat mit dem eingangs gespielten Stück bezug genommen auf ein Lied aus dem evangelischen Kirchengesangbuch mit dem Titel: Wach auf, wach auf, du deutsches Land, du hast genug geschlafen. Das Lied stammt aus dem Jahr 1561 so atmet es noch den Geist der Reformation, die nicht nur kirchenpolitische Umbrüche mit sich gebracht hat, sondern auch gesellschaftliche. Dieses Lied ist am 6.November 1989 hier in der Unterkirche gesungen worden: wach auf, wach auf, du deutsches Land
Und es erzählt meines Ermessens vieles über die Stimmung in dieser Zeit.
Es hatte sich so vieles angesammelt an Unmut, an Ungeduld und an dem Gefühl es muß sich etwas ändern in unserem Land.
Es waren viele Dinge, die uns bewegt haben:
die fehlende Freiheit, seine Meinung zu sagen
die Grenze um unser Land, die uns zusätzlich die Möglichkeit genommen hat, uns frei zu bewegen, frei zu reisen
ein Bildungssystem voller Reglementierungen
das Mißtrauen des Staates zu seinen Menschen
die Verfolgung Andersdenkender
die Macht des Staatssicherheitsapparates
ein unverantwortlicher Umgang mit unserer Umwelt
der Verfall unserer Städte
große wirtschaftliche Probleme. Die DDR Wirtschaft konnte schon lange nicht mehr Schritt halten mit dem sogenannten Weltmarkt.
In diesem Zusammenhang scheuten sich Partei und Regierung nicht, sich ideologisch ganz schön zu verbiegen, wenn zum Beispiel zur Beschaffung von Devisen politische Häftlinge verkauft wurden.
Solche Widersprüche zwischen Propaganda und Wirklichkeit gingen den Menschen zunehmend auf die Nerven.
Dazu kamen Bewegungen in den Nachbarländern, die uns aufhorchen ließen
die Solidarnosz in Polen, Öffnungen in Ungarn und in der Tschechoslowakei.
Und ganz wesentlich Glasnost und Perestroika Offenheit und Veränderung.
Wenn die in der großen Sowjetunion diskutiert werden durften, warum dann nicht auch bei uns?
Das war eine der Fragen, mit denen wir die objektiven Zusammenhänge herunter holten auf die persönliche Ebene.
Wir hatten das Gefühl: dazu können wir etwas sagen. Das betrifft uns. Hier ist unsere Stimme wichtig.
Und da kommen die Kirchenräume ins Spiel.
Denn die Kirchen boten im wahrsten Sinn des Wortes Raum, um etwas sagen zu können.
Das hatten sie innerkirchlich schon länger getan. Seit 1980 gab es die Friedensdekade. Daraus entstand die Tradition der Friedensgebete. Es gab die Ökumenische Versammlung für Frieden und Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung. Mit diesen Themen traten die Kirchen nun zunehmend auch in die Öffentlichkeit.
Und sie öffneten ihre Räume.
Nicht alle Kirchgemeinden haben ihre Räume für Diskussionen geöffnet auch das muß man sagen. Aber viele haben es getan.
Und ich stelle mir vor, daß viele, die kamen und keine kirchliche Bindung hatten, nicht nur darüber überrascht waren, daß sie sich nun in einer Kirche vorfanden,
sondern auch darüber, wie oft die Worte der Bibel genau übereingestimmt haben mit unseren Erwartungen nach Veränderung und Erneuerung.
Wenn es zum Beispiel in der Bergpredigt Jesu heißt: Selig sind, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit. Oder: selig sind die sanft Mutigen.
Sanft mutig sein ohne Gewalt. Aber bei dem bleiben, was wahr ist und gerecht.
Die Kerzen, die zu den Versammlungen und Demonstrationen des Herbstes 1989 gehören, sind dafür ein Zeichen.
Wer eine Kerze in der Hand hält, kann keine Waffe in die Hand nehmen.
Kerzen sind ein Zeichen des Friedens. Und zugleich ein Symbol dafür, Licht ins Dunkle zu bringen.
Das dunkle ans Licht bringen. Das zur Sprache bringen, was wahr ist und gerecht.
Und zugleich ein Licht auf dem Weg sein. Eine Orientierung geben.
Kerzen sind auch hier in unserer Unterkirche angezündet worden in den Novembertagen 1989
Und mit den Kerzen zusammen wollen wir uns noch einmal besondere Ereignisse des Jahres 1989 vor Augen führen bis hin zu den Versammlungen im November hier in unserer Stadt
Wir laden Sie ein, sich in Gedanken mit auf den Weg zu machen und sich auch den Fragen zu stellen, die uns bei der Vorbereitung wichtig waren:
woran erinnern wir uns?
was bewegte uns damals?
und wie sehen wir das mit dem Blick von heute?
Da in einer schnelllebigen Zeit sich die Ereignisse oft überstürzen, wurden danach im Zeitraffertempo die wichtigsten Ereignisse des Jahres 1989 noch einmal benannt:
7. Mai: Kommunalwahlen in der DDR mit nachweislichen Wahlfälschungen, die durch mutige Bürger und kirchliche Gruppen nachgewiesen wurden (Pfarrerin Magdalena Seifert)
Studentenprotest in Peking (Pfarrerin Magdalena Seifert) Ende August Ausreisewelle in Ungarn (Superintendent i.R. Dieter Bornschein)
14. September: Eröffnung Panorama (Marion Haas)
30. September: Ausreise aus der Prager Botschaft (Pfarrerin Magdalena Seifert)
Montagsdemonstrationen in Leipzig mit Schwerpunkt 9. Oktober (Barbara Huth)
4. November: Kundgebung auf dem Berliner Alexanderplatz (Peter Zimmer)
Exemplarisch für die genannten Ereignisse soll im Folgenden der sehr persönliche Bericht von Superintendent i.R. Dieter Bornschein zu der Ausreisewelle in Ungarn stehen:
Was war damals vor 25 Jahren? Was bewegte die Menschen, ja was hat sie veranlasst wegzugehen und ihre Heimat zu verlassen? Warum haben wir uns damals am 6. November 1989 hier in der Unterkirche versammelt? Menschen wollten wissen und vor allem auch selbst mitbestimmen wie es überhaupt weitergehen kann mit der damaligen DDR. Wir erlebten ja eine kleine Völkerwanderung von Ost nach West. Viele wollten einfach weg, um ein Stück eigenes Leben und Freiheit zu erleben. Jede noch so mit Leben auszuprobieren. Als am 19. August 1989 die Grenze zwischen Ungarn und Österreich für einen Tag lang geöffnet wurde, nutzten auch viele Ostdeutsche diese Gelegenheit, in die BRD zu kommen. Ab 11. September wurde dann der Grenzübertritt auch über die damalige CSSR für DDR-Bürger möglich. Das war eine Ausreisewelle ungeahnten Ausmaßes. Von einem Einzelbeispiel will ich berichten, das mich selbst unmittelbar mit hineingenommen hat in die damaligen Ereignisse.
Da kam Anfang August ein Brief aus Ungarn mit folgenden Worten: Sehr geehrte Familie Bornschein! Bitte teilen Sie meinen Eltern (Namen und Adresse) mit, dass ich zur Zeit in der westdeutschen Botschaft in Budapest bin. Sie sollen sich keine Sorgen machen. Es wird alles gut. Sie sollen auch Tante .benachrichtigen. Wenn meine Angelegenheit durch ist, komme ich erst mal wieder zurück. Das kann einige Wochen dauern. Alles bitte vertraulich behandeln. Und noch etwas. Meine Eltern werden sicher brieflich überwacht. Deswegen schreibe ich an Sie. Haben Sie vielen Dank. Die Absenderadresse ist natürlich fingiert. Mit freundlichen Grüßen
Wir fragten: Was war damals vor 25 Jahren? Was bewegte die Menschen im November 1989? Wo kamen wir her? Darauf gibt es aber noch eine andere Antwort. Nicht so negativ, nicht so mit Unsicherheiten und Ungewissheiten. Denn wir kamen her von den Friedensgebeten der Kirchen, auch hier in Bad Frankenhausen mit den Kerzen, die uns ein Zeichen der Hoffnung waren. Wir kamen her von den biblischen Texten wie Schwerter zu Pflugscharen und dem Ruf aus Leipzig. KEINE GEWALT und wir kamen her von den Offenen Kirchen und Räumen, in denen Menschen den Mut hatten, das zu sagen, was damals viele bewegte in den äußeren und inneren Nöten ihres Lebens. Da kann man nur sagen: GOTT sei DANK.
Nach dem ersten Teil des Erinnerns an die Ereignisse vor dem 6. November berichtete Pfarrer i.R. Martin Göttsching über die damaligen Vorbereitungen zu diesen Veranstaltungen in Bad Frankenhausen.
Von 1978 bis 1990 war Martin Göttsching Pfarrer in Bad Frankenhausen und bestens mit den Sorgen und Nöten in den Gemeinden vertraut. Er hatte junge Leute um sich in einem Hauskreis geschart, die dann sehr engagiert diese beiden Veranstaltungen in der Unterkirche vorbereiteten und mit gestalteten. Da Pfarrer Göttsching als Baupfarrer in der Region herumkam und als Sekretär des Thüringer Kirchentages auch außerhalb Bad Frankenhausens tätig war, hatte er viele Informationen aus erster Hand, die man in den offiziellen Medien nicht vorfand. Er konnte an diesem Abend auch den Stasi-Bericht über die Veranstaltung vom 6. November 1989 präsentieren sie war zu dieser Zeit noch immer aktiv.
Durch seine lebendige Art des Erzählens wurden die Anwesenden besonders auch die, die damals dabei waren noch einmal in diese spannungsreiche Zeit mit hineingenommen. Anschießende schilderten Barbara Huth und Ulrich Schreiber als Zeitzeugen ihre Erlebnisse zur Wende- und Nachwendezeit.
Im Anschluss dankte Pfarrerin Seifert allen Beteiligten mit einer Rose.
Wenn auch nur etwa 60 Besucher gekommen waren, so ist es doch eine für die Stadt Bad Frankenhausen wichtige Veranstaltung gewesen, denn wer seine Geschichte nicht kennt, kann seine Zukunft nicht gestalten.
Peter Zimmer
Vorsitzender
Kirchengemeinderat
Autor: khhUnter diesem Motto wurde für den 6. November 2014 in die Unterkirche Bad Frankenhausen eingeladen mit der Aufforderung: Wir erinnern uns: Was bewegte uns? Wie sehen wir das mit dem Blick von heute?
In einer Arbeitsgruppe mit Teilnehmern, die damals im Herbst 1989 diese beiden Zusammenkünfte in der Unterkirche und die Kundgebung auf dem Markt organisierten, wurde der Abend der Erinnerung vorbereitet.
Im Altarraum gab es wie am 6. November 1989 einen Sandhügel mit einer brennenden Kerze.
Pfarrerin Magdalena Seifert eröffnete den Abend mit Gedanken zu 25 Jahre friedliche Revolution mit Blick auf die Frankenhäuser Ereignisse:
Auf den Tag genau heute vor 25 Jahren hatte die evangelische Kirchgemeinde eingeladen hier in unsere Unterkirche zu einem Informationsabend über die gesellschaftlichen Aufbrüche, die im Herbst `89 an vielen Stellen zu spüren waren.
Und viele waren gekommen. Sehr viele. Die Kirche war gefüllt bis auf die Emporen.
So ist dieser 6.November 1989 ein wichtiger Tag in der Geschichte unserer Stadt Bad Frankenhausen. Und er ist es auf jeden Fall wert, einen Platz im Gedächtnis unserer Stadt zu behalten.
In den Medien ist in den vergangenen Wochen und Monaten manches aus dieser bewegten Zeit vor 25 Jahren aufgegriffen worden und wieder in Erinnerung gerufen worden.
Dabei sind 25 Jahre gemessen am Lauf der großen Geschichte nur eine kurze Zeit.
Doch andererseits sind 25 Jahre eine ganze Generation.
Unsere Jugendlichen können über die DDR und unser Leben in ihr nur etwas erfahren, wenn wir es ihnen erzählen.
Und da merken wir: 25 Jahre sind eben doch auch eine lange Zeit.
25 Jahre sind schon mehr als die Hälfte der 40 Jahre, die die DDR bestanden hat.
Und mit diesem Abstand an Jahren verändern sich zuweilen auch die Erinnerungen.
Manches wird verklärt. Anderes wird dramatisiert. Es verschieben sich die Schwerpunkte. Und manches fällt in der Erinnerung zusammen, obwohl es in der damaligen Zeit noch nicht zusammen zu denken war.
Mir fällt das im Moment auf, wenn sich in diesen Tagen vieles in den Medien schon auf den 9.November konzentriert und auf die Öffnung der Grenze.
So weit waren wir aber Anfang November 1989 noch gar nicht.
Darum sind die ganz persönlichen Erinnerungen ein großes Gut.
Und darum wollen wir heute Abend unseren Blick auch nicht nur auf den 6.November 1989 richten, sondern noch ein Stück weiter zurück auf das Jahr 1989.
Denn jedes Ereignis hat seine Vorgeschichte. Und besonders in diesem Jahr 1989 gab es manches, was sozusagen notgedrungen auf den Herbst zugelaufen ist.
Begonnen hat unser Abend mit einem Orgelspiel unserer Kantorin Laura Schildmann.
Sie hat mit dem eingangs gespielten Stück bezug genommen auf ein Lied aus dem evangelischen Kirchengesangbuch mit dem Titel: Wach auf, wach auf, du deutsches Land, du hast genug geschlafen. Das Lied stammt aus dem Jahr 1561 so atmet es noch den Geist der Reformation, die nicht nur kirchenpolitische Umbrüche mit sich gebracht hat, sondern auch gesellschaftliche. Dieses Lied ist am 6.November 1989 hier in der Unterkirche gesungen worden: wach auf, wach auf, du deutsches Land
Und es erzählt meines Ermessens vieles über die Stimmung in dieser Zeit.
Es hatte sich so vieles angesammelt an Unmut, an Ungeduld und an dem Gefühl es muß sich etwas ändern in unserem Land.
Es waren viele Dinge, die uns bewegt haben:
die fehlende Freiheit, seine Meinung zu sagen
die Grenze um unser Land, die uns zusätzlich die Möglichkeit genommen hat, uns frei zu bewegen, frei zu reisen
ein Bildungssystem voller Reglementierungen
das Mißtrauen des Staates zu seinen Menschen
die Verfolgung Andersdenkender
die Macht des Staatssicherheitsapparates
ein unverantwortlicher Umgang mit unserer Umwelt
der Verfall unserer Städte
große wirtschaftliche Probleme. Die DDR Wirtschaft konnte schon lange nicht mehr Schritt halten mit dem sogenannten Weltmarkt.
In diesem Zusammenhang scheuten sich Partei und Regierung nicht, sich ideologisch ganz schön zu verbiegen, wenn zum Beispiel zur Beschaffung von Devisen politische Häftlinge verkauft wurden.
Solche Widersprüche zwischen Propaganda und Wirklichkeit gingen den Menschen zunehmend auf die Nerven.
Dazu kamen Bewegungen in den Nachbarländern, die uns aufhorchen ließen
die Solidarnosz in Polen, Öffnungen in Ungarn und in der Tschechoslowakei.
Und ganz wesentlich Glasnost und Perestroika Offenheit und Veränderung.
Wenn die in der großen Sowjetunion diskutiert werden durften, warum dann nicht auch bei uns?
Das war eine der Fragen, mit denen wir die objektiven Zusammenhänge herunter holten auf die persönliche Ebene.
Wir hatten das Gefühl: dazu können wir etwas sagen. Das betrifft uns. Hier ist unsere Stimme wichtig.
Und da kommen die Kirchenräume ins Spiel.
Denn die Kirchen boten im wahrsten Sinn des Wortes Raum, um etwas sagen zu können.
Das hatten sie innerkirchlich schon länger getan. Seit 1980 gab es die Friedensdekade. Daraus entstand die Tradition der Friedensgebete. Es gab die Ökumenische Versammlung für Frieden und Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung. Mit diesen Themen traten die Kirchen nun zunehmend auch in die Öffentlichkeit.
Und sie öffneten ihre Räume.
Nicht alle Kirchgemeinden haben ihre Räume für Diskussionen geöffnet auch das muß man sagen. Aber viele haben es getan.
Und ich stelle mir vor, daß viele, die kamen und keine kirchliche Bindung hatten, nicht nur darüber überrascht waren, daß sie sich nun in einer Kirche vorfanden,
sondern auch darüber, wie oft die Worte der Bibel genau übereingestimmt haben mit unseren Erwartungen nach Veränderung und Erneuerung.
Wenn es zum Beispiel in der Bergpredigt Jesu heißt: Selig sind, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit. Oder: selig sind die sanft Mutigen.
Sanft mutig sein ohne Gewalt. Aber bei dem bleiben, was wahr ist und gerecht.
Die Kerzen, die zu den Versammlungen und Demonstrationen des Herbstes 1989 gehören, sind dafür ein Zeichen.
Wer eine Kerze in der Hand hält, kann keine Waffe in die Hand nehmen.
Kerzen sind ein Zeichen des Friedens. Und zugleich ein Symbol dafür, Licht ins Dunkle zu bringen.
Das dunkle ans Licht bringen. Das zur Sprache bringen, was wahr ist und gerecht.
Und zugleich ein Licht auf dem Weg sein. Eine Orientierung geben.
Kerzen sind auch hier in unserer Unterkirche angezündet worden in den Novembertagen 1989
Und mit den Kerzen zusammen wollen wir uns noch einmal besondere Ereignisse des Jahres 1989 vor Augen führen bis hin zu den Versammlungen im November hier in unserer Stadt
Wir laden Sie ein, sich in Gedanken mit auf den Weg zu machen und sich auch den Fragen zu stellen, die uns bei der Vorbereitung wichtig waren:
woran erinnern wir uns?
was bewegte uns damals?
und wie sehen wir das mit dem Blick von heute?
Da in einer schnelllebigen Zeit sich die Ereignisse oft überstürzen, wurden danach im Zeitraffertempo die wichtigsten Ereignisse des Jahres 1989 noch einmal benannt:
7. Mai: Kommunalwahlen in der DDR mit nachweislichen Wahlfälschungen, die durch mutige Bürger und kirchliche Gruppen nachgewiesen wurden (Pfarrerin Magdalena Seifert)
Studentenprotest in Peking (Pfarrerin Magdalena Seifert) Ende August Ausreisewelle in Ungarn (Superintendent i.R. Dieter Bornschein)
14. September: Eröffnung Panorama (Marion Haas)
30. September: Ausreise aus der Prager Botschaft (Pfarrerin Magdalena Seifert)
Montagsdemonstrationen in Leipzig mit Schwerpunkt 9. Oktober (Barbara Huth)
4. November: Kundgebung auf dem Berliner Alexanderplatz (Peter Zimmer)
Exemplarisch für die genannten Ereignisse soll im Folgenden der sehr persönliche Bericht von Superintendent i.R. Dieter Bornschein zu der Ausreisewelle in Ungarn stehen:
Was war damals vor 25 Jahren? Was bewegte die Menschen, ja was hat sie veranlasst wegzugehen und ihre Heimat zu verlassen? Warum haben wir uns damals am 6. November 1989 hier in der Unterkirche versammelt? Menschen wollten wissen und vor allem auch selbst mitbestimmen wie es überhaupt weitergehen kann mit der damaligen DDR. Wir erlebten ja eine kleine Völkerwanderung von Ost nach West. Viele wollten einfach weg, um ein Stück eigenes Leben und Freiheit zu erleben. Jede noch so mit Leben auszuprobieren. Als am 19. August 1989 die Grenze zwischen Ungarn und Österreich für einen Tag lang geöffnet wurde, nutzten auch viele Ostdeutsche diese Gelegenheit, in die BRD zu kommen. Ab 11. September wurde dann der Grenzübertritt auch über die damalige CSSR für DDR-Bürger möglich. Das war eine Ausreisewelle ungeahnten Ausmaßes. Von einem Einzelbeispiel will ich berichten, das mich selbst unmittelbar mit hineingenommen hat in die damaligen Ereignisse.
Da kam Anfang August ein Brief aus Ungarn mit folgenden Worten: Sehr geehrte Familie Bornschein! Bitte teilen Sie meinen Eltern (Namen und Adresse) mit, dass ich zur Zeit in der westdeutschen Botschaft in Budapest bin. Sie sollen sich keine Sorgen machen. Es wird alles gut. Sie sollen auch Tante .benachrichtigen. Wenn meine Angelegenheit durch ist, komme ich erst mal wieder zurück. Das kann einige Wochen dauern. Alles bitte vertraulich behandeln. Und noch etwas. Meine Eltern werden sicher brieflich überwacht. Deswegen schreibe ich an Sie. Haben Sie vielen Dank. Die Absenderadresse ist natürlich fingiert. Mit freundlichen Grüßen
Wir fragten: Was war damals vor 25 Jahren? Was bewegte die Menschen im November 1989? Wo kamen wir her? Darauf gibt es aber noch eine andere Antwort. Nicht so negativ, nicht so mit Unsicherheiten und Ungewissheiten. Denn wir kamen her von den Friedensgebeten der Kirchen, auch hier in Bad Frankenhausen mit den Kerzen, die uns ein Zeichen der Hoffnung waren. Wir kamen her von den biblischen Texten wie Schwerter zu Pflugscharen und dem Ruf aus Leipzig. KEINE GEWALT und wir kamen her von den Offenen Kirchen und Räumen, in denen Menschen den Mut hatten, das zu sagen, was damals viele bewegte in den äußeren und inneren Nöten ihres Lebens. Da kann man nur sagen: GOTT sei DANK.
Nach dem ersten Teil des Erinnerns an die Ereignisse vor dem 6. November berichtete Pfarrer i.R. Martin Göttsching über die damaligen Vorbereitungen zu diesen Veranstaltungen in Bad Frankenhausen.
Von 1978 bis 1990 war Martin Göttsching Pfarrer in Bad Frankenhausen und bestens mit den Sorgen und Nöten in den Gemeinden vertraut. Er hatte junge Leute um sich in einem Hauskreis geschart, die dann sehr engagiert diese beiden Veranstaltungen in der Unterkirche vorbereiteten und mit gestalteten. Da Pfarrer Göttsching als Baupfarrer in der Region herumkam und als Sekretär des Thüringer Kirchentages auch außerhalb Bad Frankenhausens tätig war, hatte er viele Informationen aus erster Hand, die man in den offiziellen Medien nicht vorfand. Er konnte an diesem Abend auch den Stasi-Bericht über die Veranstaltung vom 6. November 1989 präsentieren sie war zu dieser Zeit noch immer aktiv.
Durch seine lebendige Art des Erzählens wurden die Anwesenden besonders auch die, die damals dabei waren noch einmal in diese spannungsreiche Zeit mit hineingenommen. Anschießende schilderten Barbara Huth und Ulrich Schreiber als Zeitzeugen ihre Erlebnisse zur Wende- und Nachwendezeit.
Im Anschluss dankte Pfarrerin Seifert allen Beteiligten mit einer Rose.
Wenn auch nur etwa 60 Besucher gekommen waren, so ist es doch eine für die Stadt Bad Frankenhausen wichtige Veranstaltung gewesen, denn wer seine Geschichte nicht kennt, kann seine Zukunft nicht gestalten.
Peter Zimmer
Vorsitzender
Kirchengemeinderat











