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Starke Reise ins Mittelalter

Sonntag, 22. März 2015, 13:49 Uhr
Schwarz gewandete Mönche mit Fackeln schreiten gemessenen Schrittes über eine in diffuses Blau getauchte Bühne. Gregorianische Gesänge ertönen, 450 Zuschauer halten gespannt den Atem an. Im Nordhäuser Theater ist das Mittelalter eingekehrt. Wohl der größte Verkaufserfolg einer überaus verkaufsträchtigen Branche mit mittelalterlichen Sujets wurde zum Musical und erstmals auf einer Stadttheaterbühne aufgeführt. Donna W. Cross schuf in den Neunzigern mit ihrem Roman „Die Päpstin“ ein Monumentalwerk über ein Europa im Umbruch. Christliche Eiferer, dekadente altrömische Adlige, Anhänger alter Naturreligionen und fortschrittliche Aufklärer treffen mit machthungrigen, intriganten und eifersüchtigen Zeitgenossen zusammen. Eine Melange, die uns heute so fasziniert, dass aus dem Bestseller ein Film und nun ein Musical wurde.

päpstin (Foto: theater) päpstin (Foto: theater)

Die kleine Johanna (Zoé von Soden) lernt in der Klosterschule Dorstadt von ihrem Lehrmeister Aeskulapius (Thomas Kohl) das Kirchen-Einmaleins

Dennis Martin und Christoph Jilo hielten sich eng an die literarische Vorlage und schufen ein spannendes, mitreißendes Musiktheaterstück, in dessen Mittelpunkt die junge Johanna steht, die vom ärmlichen Kind in fränkischen Wäldern zum Vertreter Gottes auf Erden mutiert.
Zoé von Soden als kleine Johanna weiß von Beginn an zu begeistern, hat eine grandiose Szene vor ihrer Aufnahme in die Klosterschule und legt die Messlatte für ihr älteres Pendant schon einmal sehr hoch. Femke Soetenga nimmt die Vorgabe des talentierten Mädchens auf und präsentiert souverän eine in sich zerrissene Johanna, deren eigene Ansprüche und Können immer wieder an einer patriarchalischen Umwelt zu scheitern drohen. Intensiv und charismatisch stellt sich die als ihr Bruder verkleidete junge Frau neben ihrer Karriere auch ihrer großen Liebe, dem Markgrafen Gerold (von Patrick Stanke eindrucksvoll verkörpert).

So werden drei Stunden Theaterabend zu einer Reise durch die Zeit und ein ganzes Leben. Udo Herbster kreierte dafür einen Bühnenraum, der von seiner farblichen Verwandlung und schnellen, effektiven Umbauten lebt, die immer wieder die passende Atmosphäre schaffen. Elisabeth Stolze Bleys Kostüme bestechen durch ihre Schönheit und Zweckmäßigkeit. Ballettkompanie, Kinderchor, der Chor des Nordhäuser Ensembles und diverse Statisten konnten all ihr Können unter Beweis stellen. Michael Ellis Ingram als musikalischer Leiter und gebürtiger Amerikaner hatte mit den gut gebauten Musical-Titeln ein echtes Heimspiel und führte die rockige Abteilung des Loh-Orchesters schwungvoll durch die Inszenierung.

päpstin (Foto: theater) päpstin (Foto: theater)

Schwer lastende Verantwortung: Johanna (Femke Soetenga) regiert als Päpstin. Links ihr Liebhaber Gerold (Patrick Stanke), rechts der intrigante Arsenius (Christian Venzke)

Um das Wagnis der Aufführung eines unbekanntes Werkes zum Erfolg zu führen braucht es außer starken Solisten vor allem eine ideenreiche Spielleitung. Die besorgte zum wiederholten Male in Nordhausen Iris Limbarth, der es gelang, das Ensemble ausdrucksstark zu führen, ihren Solisten Raum zu lassen und mit visionären Bildern die Phantasie der Zuschauer anzuregen. Eines der schönsten dieser Bilder waren die getanzten Raben Hugin und Munin des Allvaters Wodan, die durch die Inszenierung Johanna begleiten, auch als diese längst das christlicher Kreuz zu ihrem Glaubenswerkzeug erkoren hat.

Ein rundum gelungener Abend, der mit der Besetzung zweier Kinder in tragenden Rollen (außer der schon erwähnten Zoè spielte Hugo Zeplichal ihren Bruder Johannes) auch die Premiere des Nordhäuser Tänzers David Roßteutscher als Gesangsolist (mit viel Talent gibt er den intriganten römischen Edelmann Arsenius) zu bieten hatte.

Und weil auch Christian Venzke, Anja Daniela Wagner, Marian Kalus, Thomas Kohl, Florian Konschak und Katharina Blum in ihren Rollen zu gefallen wussten, applaudierte das Premierenpublikum lang anhalten, stürmisch und im Stehen.

OLAF SCHULZE
Autor: nnz

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