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Perspektiven für Gesundheit und Pflege

Dienstag, 30. Juni 2015, 12:36 Uhr
Die Situation auf dem Arbeitsmarkt ist so gut wie seit 1991 nicht mehr, anders als noch vor zehn Jahren sorgt man sich nicht mehr um Massenarbeitslosigkeit, sondern um Fachkräftemangel. Zu spüren bekommt das schon jetzt die Pflegebranche. Wie mehr Menschen für den Bereich Gesundheit und Pflege begeistert werden können, das veruschte die Arbeitsagentur heute am Beispiel der Critical Care Company zu zeigen...

Die Arbeitszeiten sind schlecht, man muss Morgens, Mittags, Abends und auch am Wochenende bereitstehen, physische und psychische Belastung sind hoch, die Entlohnung hingegen gering - die Pflegebranche sieht sich vielen Vorurteilen gegenüber, die wohl manch angehendem Auszubildenden eher davor zurückschrecken lässt, gerade hier seine berufliche Zukunft zu suchen.

Und doch boomt die Branche - die Menschen im Land werden immer älter und die Zahl derjenigen, die Pflege benötigen steigt weiter an. Prognosen sehen die Zahl der Pflegebedürftigen bis zum Jahr 2030 auf etwa 3,4 Mio. Menschen steigen, berichtete André Sinkwitz, einer der Geschäftsführer der "Critical Care Company".

Die Pflegedienstleister stellt das schon heute vor ein Dilemma, zwar nimmt die Zahl der Pflegefachkräfte durchaus zu, vor allem unter Frauen wählen viele diesen Beruf, der Kampf um die besten Köpfe ist in der Branche dennoch ausgebrochen. Die Pflegedienste "kommen am Ende an" und könnten häufig keine neuen Patienten mehr aufnehmen, erzählt Sinkwitz.

Sein eigenes Unternehmen befindet sich da noch in einer komfortablen Situation. 2012 mit vier Mitarbeitern gegründet beschäftigt man heute 133 Menschen, Tendenz steigend. Die Fachkräfte kommen nicht, weil sie mehr Geld verdienen, sagt Sinkwitz, sondern weil das Arbeitsumfeld besser ist. Statt sich in der stationären Pflege um mehr als dreißig Patienten kümmern zu müssen hat sich das Unternehmen unter anderem auf ambulante Intensivpflege spezialisiert. Zusätzlich betreibt man den Pflegedienst Hainleite und das Projekt "Löwenkinder", das sich um die Pflege schwerkranker Kinder kümmert, derzeit zehn im Nordthüringer Raum.

André Sinkwitz, Intensivpfleger und einer der Geschäftsführer der Critical Care Company erklärt die Firmenphilosophie und wie man auch im Pflegebereich attraktive Arbeitsplätze schaffen kann  (Foto: Angelo Glashagel) André Sinkwitz, Intensivpfleger und einer der Geschäftsführer der Critical Care Company erklärt die Firmenphilosophie und wie man auch im Pflegebereich attraktive Arbeitsplätze schaffen kann (Foto: Angelo Glashagel)

Für die Mitarbeiter heißt das, dass sie sich um weniger Patienten kümmern müssen und mit dem einzelnen mehr Zeit verbringen können. Zudem achte man im Unternehmen auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die Dienstpläne und Einsatzzeiten werden entsprechend den Bedürfnissen der MitarbeiterInnen geplant und der Draht zum Chef ist kurz, sodass Probleme schnell angesprochen werden könnten, sagt Sinkwitz, der selber Intensivpfleger ist und die Schwierigkeiten kennt, die der Beruf mit sich bringt. Ziel sei es, die physische und psychische Belastung gering zu halten. Das macht die Mitarbeiter glücklich, was besser betreute Patienten, einen zufriedenen Kunden und letzlich auch einen entspannten Chef bedeutet. "Positivkette" nennt Sinkwitz diesen Kreislauf.

Doch Mundpropaganda allein reicht nicht, den Nachwuchs von den Möglichkeiten zu überzeugen - die Firma beschäftigt eine eigene Marketingexpertin, hat Werbekampagnen gestartet, finanziert den Führerschein der Auzubildenden und ist bei der Ausbildungsvergütung ans Maximum gegangen, damit Nachwuchs in den Betrieb kommt.

Rund 13.250 Menschen sind in Thüringen sozialversicherungspflichtig im Gesundheitswesen beschäftigt, knapp 2000 Nordthüringer Beschäftigte sind in der Altenpflege tätig. Jeder siebente davon ist bereits über 55 Jahre alt und wird in den kommenden zehn Jahren in Rente gehen, erklärte Andrea Springer von der Nordhäuser Arbeitsagentur. Dadurch und durch die steigende Nachfrage, soll bis 2030, so die Prognosen des Landes, der Fachkräftebedarf um ca. 48 % steigen.

Und die Branche ist damit nicht allein, auch in anderen Bereichen soll der Fachkräftemangel ankommen, wenn er nicht schon da ist. Um den eigenen Wohlstand und die Produktionskraft, auch in der Region Nordhausen, nicht zu gefährden, bedürfe es der Zuwanderung und dem gezielten Bemühen um Fachkräfte, erklärte der Leiter der Agentur für Arbeit in Nordthüringen, Karsten Froböse.

Eine Möglichkeit für die Pflegedienste vor Ort die Attraktivität auch des stationären Bereiches zu erhöhen, wäre neben besseren Arbeitsbedingungen auch eine bessere Bezahlung. Das verhinderten aber die Krankenkassen, erzählt Sinkwitz, der Pflegesatz folge den "ortsüblichen Vergütungen". Nur: im nicht allzuweit entfernten Göttingen sieht die Vergütung wesentlich attraktiver aus, als hierzulande.

So ist man zwar in Sachen Arbeitsmarkt auf dem Stand von vor 25 Jahren angekommen, die Einheit der Löhne ist aber noch nicht in Sicht.
Angelo Glashagel
Autor: red

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