Schulstützpunkte für Flüchtlingskinder
Nicht euphorisch aber optimistisch
Mittwoch, 26. August 2015, 15:02 Uhr
Die Zuwanderung stellt auch die Lehrerschaft, ihre Schulen und die Verwaltungen vor enorme Herausforderungen. Kinder, die kein Deutsch können, lassen sich in den höheren Schulformen nicht einfach in den Unterricht integrieren. In Nordthüringen soll die Problematik jetzt über Vorbereitungskurse und Stützpunktschulen praktisch angepackt werden...
Die Petersbergschule in Nordhausen wird eine von vier Stützpunktschulen in Nordthüringen (Foto: Angelo Glashagel)
Bis zum Sommer des vergangenen Jahres haben die Schulen in Nordthüringen die Zuwanderungsrate verkraften können, erklärte Dr. Bernd Uwe Althaus, Leiter des Schulamtes in Worbis. In der Zwischenzeit habe der Anstieg dazu geführt, das die Kapazitäten, vor allem personell, ihre Grenzen erreicht hätten.
Es fehlt vor allem an ausgebildeten Lehrern, die für "DaZ", Deutsch als Zweitsprache, die nötigen Qualifikationen mitbringen. Seitdem klar ist, dass mehr Flüchtlinge auch in Thüringen Zuflucht finden werden und das unter ihnen auch zahlreiche Kinder und Jugendliche sind, hat man im Schulamt, bei den Schulträgern und den Häusern selbst Pläne geschmiedet, wie mit dem Problem umgegangen werden kann.
Seit Beginn des Jahres befasst man sich mit Plänen, einzelne Schulen in den Landkreisen als "Stützpunkteinrichtungen" zu nutzen. Alle Schülerinnen und Schüler, die das Grundschulalter verlassen haben, erhalten an der jeweiligen Schule zunächst einen Vorkurs. Der dient vor allem dazu, den Wissensstand und die Fähigkeiten der einzelnen Schüler einschätzen zu können. Denn der Bildungsgrad ist zum Teil sehr unterschiedlich, manche Kinder seien fast Analphabeten, andere hätten in ihrer Heimat durchaus exzellente Schulbildung erhalten, erklärte Althaus.
Wer "nur" mit der Sprache Probleme hat, fachlich aber fortgeschritten ist, geht schnell, manchmal schon nach ein paar Tagen, in eine Sprachförderklasse. Andere können länger brauchen, bis zu einem Dreivierteljahr. Wird die Förderklasse mit einer abschließenden Sprachprüfung erfolgreich abgeschlossen, können die Kinder und Jugendlichen an den Schulen vor Ort im regulären Unterricht teilnehmen. Eine Notwendigkeit auch im Grundschulbereich besondere Vorkurse oder Förderklassen einzurichten sieht das Schulamt nicht. Die Kinder werden hier am normalen Unterricht teilnehmen, die Fähigkeit der Grundschulen zu integrieren sei "hervorragend", so Althaus.
Die Räume für die Vorkurse und Sprachklassen stellt der Schulträger bereit (Foto: Angelo Glashagel)
Mit dem Stützpunktsystem handhabt man die Sprachbarriere in der Schule in Regionen, in denen starke Zuwanderung nichts neues ist. München, Berlin oder Halle etwa. Hier haben sich die Vertreter des Schulamtes und der Schulen darüber informiert, wie das System funktioniert.
In Nordhausen wird es an der Petersbergschule zwei Vorkurse mit jeweils 15 Schülern geben, danach folgen die Sprachförderklassen. In Leinefelde wird die Regelschule Johann-Carl Fullrott, in Sondershausen die Regelschule Östertal und in Mühlhausen die Thomas-Müntzer Realschule zu Stützpunkten für ihre jeweiligen Landkreise werden. Die Träger der Schulen, also die Städte und Landkreise, müssen dabei vor allem die Räume zur Verfügung stellen.
Das der Zustrom an Schülern mit Flüchtlingshintergrund dem Ruf ihrer Schule schaden könnte, darum sorgt sich Schulleiterin Sabine Schröder nicht. Ihr Haus wurde nicht zum Stützpunkt auserkoren, erklärt sie, das Kollegium der Schule habe selber den Vorschlag gemacht, diese Aufgabe zu übernehmen. Denn der Anteil an ausländischen Schülern war hier schon vor dem Flüchtlingszustrom höher als in den meisten anderen Schulen des Kreises. Man hat Erfahrung und ist selbstbewusst.
Sicher, das die Petersbergschule zum Stützpunkt wird, das fänden nicht alle Eltern toll. Es gebe aber sehr, sehr viele Vorurteile, beklagt Schulleiterin Schröder. "Wir haben an unsere Schule nicht mehr Vorkommnisse als an anderen Schulen und das was im Schulalltag passiert geht nicht pauschal auf Ausländer zurück, sondern kommt genauso bei unseren deutschen Schülern vor." Das es durch mehr ausländische Schüler mehr Probleme gebe "stimmt schlicht nicht", so Schröder.
Probleme hat man eher mit den Eltern den hier gestaltet sich die Kommunikation schwierig. Zu Gesprächen müssen immer Dolmetscher hinzugezogen werden, doch man habe sich in den vergangenen Jahren ein gutes Netzwerk aufbauen können aus Fachleuten vom Verein Schrankenlos, Eltern die schon länger in Deutschland leben oder auch aus Schülern, die aushelfen können. Hinzu kommen sollen ein Integrationshelfer, vielleicht ein wöchentlicher Elterntreff und verstärkte Kooperationen mit Einrichtungen wie der Bibliothek, der Jugendkunstschule oder der Hochschule, die allen Schülern zu Gute kommen.
Dr. Bernd Uwe Althaus hat als Schuldirektor in den 90er Jahren schon Erfahrungen mit der Integration von Flüchtlingskindern gesammelt (Foto: Angelo Glashagel)
Es ist nicht die erste Zuwanderungswelle, die Thüringen erlebt. Als Mitte der 90er Jahre vor allem Spätaussiedler nach Thüringen strömten, war Schulamtsleiter Althaus noch Schuldirektor. Auch damals sei es eine Herausforderung gewesen, die neuen Schüler zu integrieren. Heute seien die Zahlen andere, die Diversität größer. Menschen aus 25 Nationen leben derzeit im Landkreis und rund 1000 Kinder mit Migrationshintergrund (also nicht nur Flüchtlinge) werden in Nordthüringen beschult.
Die Fachlehrer seien mit den steigenden Zahlen auch in der Petersbergschule an die Grenzen des Möglichen gestoßen, berichtet Schulleiterin Schröder, den Fachunterricht zu gestalten und gleichzeitig noch Deutsch zu vermitteln sei eine hohe Belastung für die Kollegen. Zwei Dreiviertel-Stellen finanziert das Land im Rahmen der Stützpunktschulen jetzt für Nordhausen, 6,5 Stellen sind es für ganz Nordthüringen, 50 für den ganzen Freistaat.
Es ist eine Entlastung für die Lehrerschaft und den allgemeinen Schulbetrieb, geht dem Schulamt aber eigentlich noch nicht weit genug. Hier sähe man gerne eine Lockerung der Kriterien bei der Bewerberwahl und der Möglichkeit befristeter Anstellungen, da es an Fachkräften mit der alleinigen Ausbildung für "DaZ" mangelt, aber eine Vielzahl an Kräften gibt, die in dem Bereich Erfahrungen gesammelt haben und "prädestiniert" sind, hier zu helfen, sagt Althaus.
Plänen wie sie Erfurts Bürgermeister Bausewein vorschweben, die Schulpflicht für Flüchtlingskinder ganz auszusetzen, steht das Schulamt kritisch gegenüber. "Nicht in die Schule zu gehen ist keine Lösung, das löst das Betreuungsproblem nicht", sagte Schulamtsleiter Althaus, "in der Schule zu sein ist besser als auf Zeit zu spielen". Hier könne man auf die Integration in die Gesellschaft vorbereiten.
Man sollte die Situation auch nicht überstilisieren, mahnte Stefan Nüßle, Beigeordneter des Nordhäuser Kreises. Der Zustrom an Flüchtlingen sei eine Problemsituation auf die reagiert werden müsse so wie man auch in der Vergangenheit auf Notlagen der einheimischen Bevölkerung reagiert habe.
Angesichts der eigenen Erfahrungen aus der Vergangenheit und den Ergebnissen, die man sich in anderen Regionen angesehen hat, sei man "nicht euphorisch aber optimistisch" das man an den Schulen die Herausforderungen meistern werde, sagte Althaus. "Das sitzen eine Menge kompetenter Lehrer und Fachkräfte. Mit ein wenig vertrauen und ohne politische Störfeuer von außen können wir das schaffen".
Angelo Glashagel
Autor: red
Die Petersbergschule in Nordhausen wird eine von vier Stützpunktschulen in Nordthüringen (Foto: Angelo Glashagel)
Bis zum Sommer des vergangenen Jahres haben die Schulen in Nordthüringen die Zuwanderungsrate verkraften können, erklärte Dr. Bernd Uwe Althaus, Leiter des Schulamtes in Worbis. In der Zwischenzeit habe der Anstieg dazu geführt, das die Kapazitäten, vor allem personell, ihre Grenzen erreicht hätten.
Es fehlt vor allem an ausgebildeten Lehrern, die für "DaZ", Deutsch als Zweitsprache, die nötigen Qualifikationen mitbringen. Seitdem klar ist, dass mehr Flüchtlinge auch in Thüringen Zuflucht finden werden und das unter ihnen auch zahlreiche Kinder und Jugendliche sind, hat man im Schulamt, bei den Schulträgern und den Häusern selbst Pläne geschmiedet, wie mit dem Problem umgegangen werden kann.
Seit Beginn des Jahres befasst man sich mit Plänen, einzelne Schulen in den Landkreisen als "Stützpunkteinrichtungen" zu nutzen. Alle Schülerinnen und Schüler, die das Grundschulalter verlassen haben, erhalten an der jeweiligen Schule zunächst einen Vorkurs. Der dient vor allem dazu, den Wissensstand und die Fähigkeiten der einzelnen Schüler einschätzen zu können. Denn der Bildungsgrad ist zum Teil sehr unterschiedlich, manche Kinder seien fast Analphabeten, andere hätten in ihrer Heimat durchaus exzellente Schulbildung erhalten, erklärte Althaus.
Wer "nur" mit der Sprache Probleme hat, fachlich aber fortgeschritten ist, geht schnell, manchmal schon nach ein paar Tagen, in eine Sprachförderklasse. Andere können länger brauchen, bis zu einem Dreivierteljahr. Wird die Förderklasse mit einer abschließenden Sprachprüfung erfolgreich abgeschlossen, können die Kinder und Jugendlichen an den Schulen vor Ort im regulären Unterricht teilnehmen. Eine Notwendigkeit auch im Grundschulbereich besondere Vorkurse oder Förderklassen einzurichten sieht das Schulamt nicht. Die Kinder werden hier am normalen Unterricht teilnehmen, die Fähigkeit der Grundschulen zu integrieren sei "hervorragend", so Althaus.
Die Räume für die Vorkurse und Sprachklassen stellt der Schulträger bereit (Foto: Angelo Glashagel)
Mit dem Stützpunktsystem handhabt man die Sprachbarriere in der Schule in Regionen, in denen starke Zuwanderung nichts neues ist. München, Berlin oder Halle etwa. Hier haben sich die Vertreter des Schulamtes und der Schulen darüber informiert, wie das System funktioniert. In Nordhausen wird es an der Petersbergschule zwei Vorkurse mit jeweils 15 Schülern geben, danach folgen die Sprachförderklassen. In Leinefelde wird die Regelschule Johann-Carl Fullrott, in Sondershausen die Regelschule Östertal und in Mühlhausen die Thomas-Müntzer Realschule zu Stützpunkten für ihre jeweiligen Landkreise werden. Die Träger der Schulen, also die Städte und Landkreise, müssen dabei vor allem die Räume zur Verfügung stellen.
Das der Zustrom an Schülern mit Flüchtlingshintergrund dem Ruf ihrer Schule schaden könnte, darum sorgt sich Schulleiterin Sabine Schröder nicht. Ihr Haus wurde nicht zum Stützpunkt auserkoren, erklärt sie, das Kollegium der Schule habe selber den Vorschlag gemacht, diese Aufgabe zu übernehmen. Denn der Anteil an ausländischen Schülern war hier schon vor dem Flüchtlingszustrom höher als in den meisten anderen Schulen des Kreises. Man hat Erfahrung und ist selbstbewusst.
Sicher, das die Petersbergschule zum Stützpunkt wird, das fänden nicht alle Eltern toll. Es gebe aber sehr, sehr viele Vorurteile, beklagt Schulleiterin Schröder. "Wir haben an unsere Schule nicht mehr Vorkommnisse als an anderen Schulen und das was im Schulalltag passiert geht nicht pauschal auf Ausländer zurück, sondern kommt genauso bei unseren deutschen Schülern vor." Das es durch mehr ausländische Schüler mehr Probleme gebe "stimmt schlicht nicht", so Schröder.
Probleme hat man eher mit den Eltern den hier gestaltet sich die Kommunikation schwierig. Zu Gesprächen müssen immer Dolmetscher hinzugezogen werden, doch man habe sich in den vergangenen Jahren ein gutes Netzwerk aufbauen können aus Fachleuten vom Verein Schrankenlos, Eltern die schon länger in Deutschland leben oder auch aus Schülern, die aushelfen können. Hinzu kommen sollen ein Integrationshelfer, vielleicht ein wöchentlicher Elterntreff und verstärkte Kooperationen mit Einrichtungen wie der Bibliothek, der Jugendkunstschule oder der Hochschule, die allen Schülern zu Gute kommen.
Dr. Bernd Uwe Althaus hat als Schuldirektor in den 90er Jahren schon Erfahrungen mit der Integration von Flüchtlingskindern gesammelt (Foto: Angelo Glashagel)
Es ist nicht die erste Zuwanderungswelle, die Thüringen erlebt. Als Mitte der 90er Jahre vor allem Spätaussiedler nach Thüringen strömten, war Schulamtsleiter Althaus noch Schuldirektor. Auch damals sei es eine Herausforderung gewesen, die neuen Schüler zu integrieren. Heute seien die Zahlen andere, die Diversität größer. Menschen aus 25 Nationen leben derzeit im Landkreis und rund 1000 Kinder mit Migrationshintergrund (also nicht nur Flüchtlinge) werden in Nordthüringen beschult. Die Fachlehrer seien mit den steigenden Zahlen auch in der Petersbergschule an die Grenzen des Möglichen gestoßen, berichtet Schulleiterin Schröder, den Fachunterricht zu gestalten und gleichzeitig noch Deutsch zu vermitteln sei eine hohe Belastung für die Kollegen. Zwei Dreiviertel-Stellen finanziert das Land im Rahmen der Stützpunktschulen jetzt für Nordhausen, 6,5 Stellen sind es für ganz Nordthüringen, 50 für den ganzen Freistaat.
Es ist eine Entlastung für die Lehrerschaft und den allgemeinen Schulbetrieb, geht dem Schulamt aber eigentlich noch nicht weit genug. Hier sähe man gerne eine Lockerung der Kriterien bei der Bewerberwahl und der Möglichkeit befristeter Anstellungen, da es an Fachkräften mit der alleinigen Ausbildung für "DaZ" mangelt, aber eine Vielzahl an Kräften gibt, die in dem Bereich Erfahrungen gesammelt haben und "prädestiniert" sind, hier zu helfen, sagt Althaus.
Plänen wie sie Erfurts Bürgermeister Bausewein vorschweben, die Schulpflicht für Flüchtlingskinder ganz auszusetzen, steht das Schulamt kritisch gegenüber. "Nicht in die Schule zu gehen ist keine Lösung, das löst das Betreuungsproblem nicht", sagte Schulamtsleiter Althaus, "in der Schule zu sein ist besser als auf Zeit zu spielen". Hier könne man auf die Integration in die Gesellschaft vorbereiten.
Man sollte die Situation auch nicht überstilisieren, mahnte Stefan Nüßle, Beigeordneter des Nordhäuser Kreises. Der Zustrom an Flüchtlingen sei eine Problemsituation auf die reagiert werden müsse so wie man auch in der Vergangenheit auf Notlagen der einheimischen Bevölkerung reagiert habe.
Angesichts der eigenen Erfahrungen aus der Vergangenheit und den Ergebnissen, die man sich in anderen Regionen angesehen hat, sei man "nicht euphorisch aber optimistisch" das man an den Schulen die Herausforderungen meistern werde, sagte Althaus. "Das sitzen eine Menge kompetenter Lehrer und Fachkräfte. Mit ein wenig vertrauen und ohne politische Störfeuer von außen können wir das schaffen".
Angelo Glashagel
