nnz-Rundumschlag
Die Flüchtlingskrise (letzter Teil)
Freitag, 18. September 2015, 12:00 Uhr
In den ersten Teilen des Rundumschlags wurde sich mit Ursachen und möglichen Konsequenzen der Flüchtlingskrise auseinandergesetzt. Im letzten Teil soll der Frage nachgegangen werden, ob dieses Land stark genug ist, diese Last zu schultern...
In meinem erweiterten Familienumfeld sind Flüchtlingskrise und Nahost-Konflikt kein abstraktes Thema, sondern bittere, alltägliche Realität, verbunden mit all den Sorgen und Hoffnungen, die damit einhergehen. Es ist nicht mein Alltag, dafür sind die familiären Verbindungen zu weit weg und die Entfernungen zu groß. Aber gelegentlich kann ich aus erster Hand hören, wie es nach Kriegsausbruch in Damaskus zuging, was auf der Flucht passieren kann oder wie um Daheimgebliebene gebangt wird.
Auf dem Weg nach Deutschland - Flüchtlinge an der serbischen Grenze (Foto: privat)
Und ich sehe die Sprünge, welche die Kinder in der deutschen Sprache machen und die Mühe, die eine ganze Familie in ihr neues Leben steckt. Die einzige für mich wahrnehmbare Veränderung im Alltag ist bisher die, dass die Familienfeiern größer ausfallen und darauf geachtet wird, auch Geflügel auf den Grill zu packen und nicht nur Schweinefleisch. Es sollte also niemanden wundern, das von mir das im vorangegangenen Teil angesprochene dritte Szenario, Aufnahme von Flüchtlingen, Akzeptanz und Integration, favorisiert wird.
Wir gehören zu den wirtschaftlich stärksten Ländern der Welt und sind berühmt für unser Organisationstalent und eine effektive Bürokratie. Wenn es in Europa jemand schaffen kann, in relativ kurzer Zeit eine Million Menschen unterzubringen und zu versorgen, dann ist das Deutschland. Nehmen wir den Landkreis. Als zu Beginn des Monats die erste größere Gruppe Flüchtlinge ankam, da wirkten die zuständigen Stellen noch leicht konfus und überfordert. Zwei Wochen später läuft die Maschinerie ohne größere Probleme. Sicher, es werden kurzfristig Entscheidungen getroffen und es gibt mehr als genug Reibungspunkte aber es funktioniert.
Was nicht heißen soll, das nicht etwas unternommen werden muss, um der Krise Herr zu werden. Das Problem ist nicht so sehr, dass so viele Menschen kommen, sondern die Geschwindigkeit, mit der die Entwicklung vonstatten geht und das es so viele auf einmal sind. Es muss Druck vom System und das bald. Eher früher als später werden wir eine Aufteilung nach Vorbild der Bundesländer auf EU-Ebene brauchen. Wie man zum Umgang mit der Griechenlandkrise auch stehen mag: die Bundesregierung hat hier gegenüber den anderen Mitgliedsstaaten ein Durchsetzungsvermögen gezeigt, das auch jetzt bitter von Nöten wäre um Kompromisse zu erzielen, die über das magere Ergebnis von 160.000 aufzuteilenden Asylsuchenden deutlich hinausgehen.
Man wird Lösungen für den Flüchtlingsstrom vom westlichen Balkan finden müssen, so sehr das den Idealisten in mir auch stört. Die Anerkennungsquote, also die tatsächlich gewährten Asylanträge, liegen hier bisher bei mageren 0,2 Prozent, aus den Balkanländern kommt aber aktuell rund ein Drittel der Asylantragsteller. Anders als im Nahen Osten sollten Deutschland und die anderen europäischen Staaten hier, auf dem eigenen Kontinent, genug Einfluss haben, um Veränderungen zu bewirken, wenn nicht zu erzwingen. Die Erfolgswahrscheinlichkeit ein ursächliches Problem der aktuellen Krise in absehbaren Zeiträumen lösen zu können, ist in jedem Falle größer als in Syrien, dem Irak und Nordafrika.
Mit einer Bewältigung der aktuellen Krise ist es aber nicht getan. Soll die Integration gelingen, muss aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt werden. Deutsch zu lernen ist nur eine Grundvoraussetzung. Zur Integration gehört auch arbeiten zu können und das bald, nicht unter seinesgleichen, sondern unter Deutschen. Die Ghettobildung in den Großstädten muss möglichst unterbunden werden, zur Integration gehört, unter den Einheimischen zu leben. Dazu gehört zu vermitteln, wie das Leben in Deutschland funktioniert, wie die gesellschaftlichen Normen aussehen, wie weit Toleranz und Meinungsfreiheit reichen und wo die Grenzen liegen, warum Kirche und Staat getrennt sind und Religion vor allem Privatsache ist, wo wir herkommen, wer wir sind, was unsere Geschichte aus uns gemacht hat. Wer neu hier ankommt kann das alles nicht wissen und vermitteln können es nur die Deutschen selbst.
Man kann das dem Staat überlassen. Sorgt man sich aber tatsächlich um Land, Leute und den Frieden vor der eigenen Haustür, dann sollte man das, neben den Bemühungen seitens des Staates, auch selber in die Hand nehmen. Wenn es irgendwo die Möglichkeit gibt ein wenig auf die Situation einzuwirken, dann ist das vor Ort.
Die großen Parteien wirken austauschbar, das Vertrauen in die Medien ist dahin, die EU ist drauf und dran sich selbst zu zerlegen und selbst ausgemachte Europafreunde zu verprellen, die USA scheinen über kurz oder lang auf ihre eigene innenpolitische Katastrophe zuzusteuern, die aufgeheizte Situation im fernen Osten lässt nichts gutes erahnen, im Kapitalismus zischt's und klappert's an allen Ecken und Enden, Alternativen? - nicht in Sicht, die Politik knickt ein ums andere Mal vor den einflussreichen Lobbygruppen ein, der nächste Bankencrash scheint nur eine Frage der Zeit, Ukrainekonflikt, Nahostkonflikt,... und wir können nichts tun. Das ist unheimlich frustrierend.
Die Wut darüber ist wie die Ohnmacht spürbar und manifestiert sich zuweilen in Steinwürfen und Brandsätzen auf Banken oder Flüchtlingsunterkünfte. Der Unterschied zwischen diesen beiden Symbolen der Malaise des 21. Jahrhunderts ist im Kern ethischer Natur, nicht so sehr ideologischer. Ihre Grundlage ist die Wut über die eigene Ohnmacht etwas zu ändern.
Auch diese Zeilen werden im Meer des Netzes größtenteils ungehört verhallen und nur eine kleine Gruppe Menschen erreichen. Das heißt aber nicht das ich still sitzen werde und mich der Verzweiflung hingebe oder anfange Steine zu schmeißen. Ich möchte wie die übergroße Mehrheit der Menschen hier und anderswo auf der Welt in Ruhe und Frieden leben. Ich mag die weite Welt nicht ändern können, aber ich kann versuchen in meinen direkten Umfeld das beste aus der Situation zu machen, vor die ich gestellt werden. Ich kann versuchen, den Mantel der Geschichte zu ergreifen, statt mich von ihm mitreißen zu lassen.
Nur wenn wir die Ärmel hochkrempeln und die Aufgabe annehmen, können wir zumindest von uns sagen, wir haben alles versucht, um das beste aus einer Situation zu machen, die wir als Bürger einer kleinen Region im Herzen Europas nicht verschuldet haben und die wir nicht grundlegend ändern können. Das dass auch beinhaltet den Menschen, die hierher kommen zu helfen, ist da ein netter Nebeneffekt. Die Syrer und Iraker sprechen unsere Sprache nicht? Dann gehen wir hin und bringen sie ihnen bei. Sie verstehen nicht, wie das Leben hier läuft? Dann gehen wir hin und erklären das, immer wieder wenn es sein muss. Solange bis aus Flüchtlingen Deutsche werden, mit Migrationshintergrund sicher, aber keine Fremden mehr. Das ist die Aufgabe, die jeder wahrnehmen kann unabhängig von dem, was der Staat tut. Möglichkeiten das zu tun gibt es genug und man ist auch jetzt mit Sicherheit nicht allein.
Die eine konstante, die es auf der Welt gibt, ist die dass sich alles verändert, und zwar immerzu. Unsere Gesellschaft wird eine andere werden, egal zu welchem der Szenarien es am Ende kommen wird. Mir wäre eine Gesellschaft lieber, die nicht den Kopf in den Sand steckt oder hinter Mauern kauert und mit ihrem Schicksal hadert. In der Fluchtwelle steckt auch Potential für die Zukunft. Es wird Konflikte geben, keine Frage, mit Zugezogenen und untereinander. Nicht jeder Flüchtling wird eine ausgezeichnete Fachkraft abgeben, nicht jeder wird sich an Recht und Gesetz halten, nicht jeder wird sich auch integrieren wollen. Wir werden Wege finden, auch damit umzugehen.
Das Potential, das bei denen vorhanden ist, die ein neues Leben anfangen wollen. können wir für uns nutzen, für die Wirtschaft, mit der Zeit auch für die Rentenkassen- und Sozialsysteme, für die intellektuelle Vielfalt. Zu den USA kann man stehen wie man will und wer genauer hinsieht erkennt nicht nur in der amerikanischen Außenpolitik einige sehr dunkle Flecken. Fakt ist aber: die Zuwanderung der Massen vor allem zu Beginn des 20. Jahrhunderts, hat die kulturelle und intellektuelle Basis für das amerikanische Jahrhundert gelegt und der Wiederaufbau der vom Krieg versehrten Länder hat die wirtschaftliche Kraft und den Einfluss Amerikas auf den Westen und die Welt erst ermöglicht.
Die militärischen Eskapaden in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und darüber hinaus machen das gerade wieder zunichte, aber das verdient, wie so viele andere Themen die hier nur angerissen wurden, einen ganz eigenen Rundumschlag. Ein zweites Amerika werden wir nicht werden. Aber warum nicht auch die Vorteile der Zuwanderung sehen? Irgendwann ist der Krieg im Nahen Osten mal vorbei. Und wo haben die Massen dann ihr Exil verbracht? Wer wird die Länder wieder aufbauen und mit wessen Hilfe? Versteigert sich der Idealist in mir zu höchsten Höhen wage ich zu behaupten das wir das schaffen könnten, was den Amerikanern mit Waffengewalt nicht gelungen ist: eine Transformation des Nahen Ostens über die Menschen, die Jahre, vielleicht Jahrzehnte unter uns gelebt haben. Doch das führt an dieser Stelle zu weit.
Es heißt es gibt Generationen, von denen wird alles verlangt und es gibt Generationen, denen wird alles gegeben. Dieses Land hat sich nach zwei Weltkriegen und 40 Jahren Trennung wieder aufgeschwungen, die Westdeutschen hatten ihr Wirtschaftswunder, die Ostdeutschen blicken stolz auf ihre friedliche Revolution zurück und gemeinsam ist man durch die Mühen der Nachwendezeit gegangen. Generationen, von denen viel verlangt wurde. Meiner Generation, die nach der Wende groß geworden ist, wurde bisher alles gegeben. Mancher bekam mehr, mancher weniger, blicken wir aber zurück auf unsere Geschichte, gibt es für meine Generation kaum Gründe sich zu beschweren.
In Zukunft wird uns viel abverlangt werden und ich hoffe inständig das der Optimist in mir am Ende recht behält und wir die Aufgaben, die uns gestellt werden, meistern können. Es liegt allein an uns, packen wir es also an.
Es gäbe noch mehr zu dem Thema zu sagen, viel mehr. Aber irgendwann muss auch ein (vorläufiges) Ende gefunden werden. Vielen Dank für das Lesen dieser Zeilen und das Sie bis zum Schluss durchgehalten haben.
Angelo Glashagel
Autor: redVorbemerkung
Eines gleich vorweg: wir nähern uns einer Stelle in der Argumentation in der eine weitestgehend neutrale Betrachtung für mich nicht mehr möglich ist. Das sollte eingangs klargestellt werden.In meinem erweiterten Familienumfeld sind Flüchtlingskrise und Nahost-Konflikt kein abstraktes Thema, sondern bittere, alltägliche Realität, verbunden mit all den Sorgen und Hoffnungen, die damit einhergehen. Es ist nicht mein Alltag, dafür sind die familiären Verbindungen zu weit weg und die Entfernungen zu groß. Aber gelegentlich kann ich aus erster Hand hören, wie es nach Kriegsausbruch in Damaskus zuging, was auf der Flucht passieren kann oder wie um Daheimgebliebene gebangt wird.
Auf dem Weg nach Deutschland - Flüchtlinge an der serbischen Grenze (Foto: privat)
Und ich sehe die Sprünge, welche die Kinder in der deutschen Sprache machen und die Mühe, die eine ganze Familie in ihr neues Leben steckt. Die einzige für mich wahrnehmbare Veränderung im Alltag ist bisher die, dass die Familienfeiern größer ausfallen und darauf geachtet wird, auch Geflügel auf den Grill zu packen und nicht nur Schweinefleisch. Es sollte also niemanden wundern, das von mir das im vorangegangenen Teil angesprochene dritte Szenario, Aufnahme von Flüchtlingen, Akzeptanz und Integration, favorisiert wird.
Die beste Lösung
In Anbetracht aller vorangegangenen Überlegungen sind wir meiner Meinung nach ohnehin zum Erfolg verdammt. Und warum sollten wir es nicht schaffen? Es wurde bereits dargelegt warum es in unserem Interesse sein dürfte, das Problem nicht einfach von uns wegzuschieben und warum ein baldiges Ende des Flüchtlingsstroms in absehbarer Zeit unwahrscheinlich ist. Welches Land in Europa sollte diese Herausforderung meistern können, wenn nicht Deutschland?Wir gehören zu den wirtschaftlich stärksten Ländern der Welt und sind berühmt für unser Organisationstalent und eine effektive Bürokratie. Wenn es in Europa jemand schaffen kann, in relativ kurzer Zeit eine Million Menschen unterzubringen und zu versorgen, dann ist das Deutschland. Nehmen wir den Landkreis. Als zu Beginn des Monats die erste größere Gruppe Flüchtlinge ankam, da wirkten die zuständigen Stellen noch leicht konfus und überfordert. Zwei Wochen später läuft die Maschinerie ohne größere Probleme. Sicher, es werden kurzfristig Entscheidungen getroffen und es gibt mehr als genug Reibungspunkte aber es funktioniert.
Was nicht heißen soll, das nicht etwas unternommen werden muss, um der Krise Herr zu werden. Das Problem ist nicht so sehr, dass so viele Menschen kommen, sondern die Geschwindigkeit, mit der die Entwicklung vonstatten geht und das es so viele auf einmal sind. Es muss Druck vom System und das bald. Eher früher als später werden wir eine Aufteilung nach Vorbild der Bundesländer auf EU-Ebene brauchen. Wie man zum Umgang mit der Griechenlandkrise auch stehen mag: die Bundesregierung hat hier gegenüber den anderen Mitgliedsstaaten ein Durchsetzungsvermögen gezeigt, das auch jetzt bitter von Nöten wäre um Kompromisse zu erzielen, die über das magere Ergebnis von 160.000 aufzuteilenden Asylsuchenden deutlich hinausgehen.
Man wird Lösungen für den Flüchtlingsstrom vom westlichen Balkan finden müssen, so sehr das den Idealisten in mir auch stört. Die Anerkennungsquote, also die tatsächlich gewährten Asylanträge, liegen hier bisher bei mageren 0,2 Prozent, aus den Balkanländern kommt aber aktuell rund ein Drittel der Asylantragsteller. Anders als im Nahen Osten sollten Deutschland und die anderen europäischen Staaten hier, auf dem eigenen Kontinent, genug Einfluss haben, um Veränderungen zu bewirken, wenn nicht zu erzwingen. Die Erfolgswahrscheinlichkeit ein ursächliches Problem der aktuellen Krise in absehbaren Zeiträumen lösen zu können, ist in jedem Falle größer als in Syrien, dem Irak und Nordafrika.
Mit einer Bewältigung der aktuellen Krise ist es aber nicht getan. Soll die Integration gelingen, muss aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt werden. Deutsch zu lernen ist nur eine Grundvoraussetzung. Zur Integration gehört auch arbeiten zu können und das bald, nicht unter seinesgleichen, sondern unter Deutschen. Die Ghettobildung in den Großstädten muss möglichst unterbunden werden, zur Integration gehört, unter den Einheimischen zu leben. Dazu gehört zu vermitteln, wie das Leben in Deutschland funktioniert, wie die gesellschaftlichen Normen aussehen, wie weit Toleranz und Meinungsfreiheit reichen und wo die Grenzen liegen, warum Kirche und Staat getrennt sind und Religion vor allem Privatsache ist, wo wir herkommen, wer wir sind, was unsere Geschichte aus uns gemacht hat. Wer neu hier ankommt kann das alles nicht wissen und vermitteln können es nur die Deutschen selbst.
Man kann das dem Staat überlassen. Sorgt man sich aber tatsächlich um Land, Leute und den Frieden vor der eigenen Haustür, dann sollte man das, neben den Bemühungen seitens des Staates, auch selber in die Hand nehmen. Wenn es irgendwo die Möglichkeit gibt ein wenig auf die Situation einzuwirken, dann ist das vor Ort.
Ohnmacht und Wut
Wenn es eine Sache gibt, die sich wie ein roter Faden durch diese Betrachtungen gezogen hat, dann ist es unser Unvermögen an den Verhältnissen etwas zu ändern. Diese Ohnmacht ist greifbar. Wir spüren, das wir in Zeiten großer Veränderung leben, an einem Scheideweg stehen und fühlen uns schlicht machtlos. Die Flüchtlingskrise ist da nur ein Problem von vielen. Die Politik kann sich nicht dazu überwinden auch nur einmal Klartext zu sprechen und ihre Entscheidungen rational zu begründen, sondern verlegt sich auf Hohlphrasen, die nicht mehr funktionieren. Das gilt nicht allein für Berlin, sondern auch für die Lokalpolitik.Die großen Parteien wirken austauschbar, das Vertrauen in die Medien ist dahin, die EU ist drauf und dran sich selbst zu zerlegen und selbst ausgemachte Europafreunde zu verprellen, die USA scheinen über kurz oder lang auf ihre eigene innenpolitische Katastrophe zuzusteuern, die aufgeheizte Situation im fernen Osten lässt nichts gutes erahnen, im Kapitalismus zischt's und klappert's an allen Ecken und Enden, Alternativen? - nicht in Sicht, die Politik knickt ein ums andere Mal vor den einflussreichen Lobbygruppen ein, der nächste Bankencrash scheint nur eine Frage der Zeit, Ukrainekonflikt, Nahostkonflikt,... und wir können nichts tun. Das ist unheimlich frustrierend.
Die Wut darüber ist wie die Ohnmacht spürbar und manifestiert sich zuweilen in Steinwürfen und Brandsätzen auf Banken oder Flüchtlingsunterkünfte. Der Unterschied zwischen diesen beiden Symbolen der Malaise des 21. Jahrhunderts ist im Kern ethischer Natur, nicht so sehr ideologischer. Ihre Grundlage ist die Wut über die eigene Ohnmacht etwas zu ändern.
Auch diese Zeilen werden im Meer des Netzes größtenteils ungehört verhallen und nur eine kleine Gruppe Menschen erreichen. Das heißt aber nicht das ich still sitzen werde und mich der Verzweiflung hingebe oder anfange Steine zu schmeißen. Ich möchte wie die übergroße Mehrheit der Menschen hier und anderswo auf der Welt in Ruhe und Frieden leben. Ich mag die weite Welt nicht ändern können, aber ich kann versuchen in meinen direkten Umfeld das beste aus der Situation zu machen, vor die ich gestellt werden. Ich kann versuchen, den Mantel der Geschichte zu ergreifen, statt mich von ihm mitreißen zu lassen.
Selber anpacken
Ob wir der Herausforderung die da über uns hereingebrochen ist, Herr werden können, liegt in unserer Hand. Nicht unbedingt was Deutschland anbelangt, schon gar nicht in der Welt, aber hier, bei uns zu Hause. Wenn das Problem nicht verschwindet, müssen wir uns dem stellen. Sich nur zu beschweren nützt nichts und ändert nichts.Nur wenn wir die Ärmel hochkrempeln und die Aufgabe annehmen, können wir zumindest von uns sagen, wir haben alles versucht, um das beste aus einer Situation zu machen, die wir als Bürger einer kleinen Region im Herzen Europas nicht verschuldet haben und die wir nicht grundlegend ändern können. Das dass auch beinhaltet den Menschen, die hierher kommen zu helfen, ist da ein netter Nebeneffekt. Die Syrer und Iraker sprechen unsere Sprache nicht? Dann gehen wir hin und bringen sie ihnen bei. Sie verstehen nicht, wie das Leben hier läuft? Dann gehen wir hin und erklären das, immer wieder wenn es sein muss. Solange bis aus Flüchtlingen Deutsche werden, mit Migrationshintergrund sicher, aber keine Fremden mehr. Das ist die Aufgabe, die jeder wahrnehmen kann unabhängig von dem, was der Staat tut. Möglichkeiten das zu tun gibt es genug und man ist auch jetzt mit Sicherheit nicht allein.
Die eine konstante, die es auf der Welt gibt, ist die dass sich alles verändert, und zwar immerzu. Unsere Gesellschaft wird eine andere werden, egal zu welchem der Szenarien es am Ende kommen wird. Mir wäre eine Gesellschaft lieber, die nicht den Kopf in den Sand steckt oder hinter Mauern kauert und mit ihrem Schicksal hadert. In der Fluchtwelle steckt auch Potential für die Zukunft. Es wird Konflikte geben, keine Frage, mit Zugezogenen und untereinander. Nicht jeder Flüchtling wird eine ausgezeichnete Fachkraft abgeben, nicht jeder wird sich an Recht und Gesetz halten, nicht jeder wird sich auch integrieren wollen. Wir werden Wege finden, auch damit umzugehen.
Das Potential, das bei denen vorhanden ist, die ein neues Leben anfangen wollen. können wir für uns nutzen, für die Wirtschaft, mit der Zeit auch für die Rentenkassen- und Sozialsysteme, für die intellektuelle Vielfalt. Zu den USA kann man stehen wie man will und wer genauer hinsieht erkennt nicht nur in der amerikanischen Außenpolitik einige sehr dunkle Flecken. Fakt ist aber: die Zuwanderung der Massen vor allem zu Beginn des 20. Jahrhunderts, hat die kulturelle und intellektuelle Basis für das amerikanische Jahrhundert gelegt und der Wiederaufbau der vom Krieg versehrten Länder hat die wirtschaftliche Kraft und den Einfluss Amerikas auf den Westen und die Welt erst ermöglicht.
Die militärischen Eskapaden in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und darüber hinaus machen das gerade wieder zunichte, aber das verdient, wie so viele andere Themen die hier nur angerissen wurden, einen ganz eigenen Rundumschlag. Ein zweites Amerika werden wir nicht werden. Aber warum nicht auch die Vorteile der Zuwanderung sehen? Irgendwann ist der Krieg im Nahen Osten mal vorbei. Und wo haben die Massen dann ihr Exil verbracht? Wer wird die Länder wieder aufbauen und mit wessen Hilfe? Versteigert sich der Idealist in mir zu höchsten Höhen wage ich zu behaupten das wir das schaffen könnten, was den Amerikanern mit Waffengewalt nicht gelungen ist: eine Transformation des Nahen Ostens über die Menschen, die Jahre, vielleicht Jahrzehnte unter uns gelebt haben. Doch das führt an dieser Stelle zu weit.
Schluss
Zu Beginn der Woche musste ich mit ansehen, wie hunderte Bürger einem Mann hinterherlaufen und applaudierten, der klang als wäre er bei Goebbels höchstpersönlich in die Schule gegangen. Der Pessimist in mir denkt mit Brecht: der Schoß aus dem dies kroch ist fruchtbar noch und überlegt schon mal wohin man auswandern könnte, wenn es soweit ist. Einen Tag später stehe ich in den Räumen des LIFT Vereins, wo sich die Hilfsbereitschaft der Nordhäuser buchstäblich bis unter die Decke stapelt und der Optimist in mir denkt: Das geht. Das ist zu schaffen. Wir mögen kein Volk von Gutmenschen sein, aber es leben ein Haufen guter Menschen in diesem Land.Es heißt es gibt Generationen, von denen wird alles verlangt und es gibt Generationen, denen wird alles gegeben. Dieses Land hat sich nach zwei Weltkriegen und 40 Jahren Trennung wieder aufgeschwungen, die Westdeutschen hatten ihr Wirtschaftswunder, die Ostdeutschen blicken stolz auf ihre friedliche Revolution zurück und gemeinsam ist man durch die Mühen der Nachwendezeit gegangen. Generationen, von denen viel verlangt wurde. Meiner Generation, die nach der Wende groß geworden ist, wurde bisher alles gegeben. Mancher bekam mehr, mancher weniger, blicken wir aber zurück auf unsere Geschichte, gibt es für meine Generation kaum Gründe sich zu beschweren.
In Zukunft wird uns viel abverlangt werden und ich hoffe inständig das der Optimist in mir am Ende recht behält und wir die Aufgaben, die uns gestellt werden, meistern können. Es liegt allein an uns, packen wir es also an.
Es gäbe noch mehr zu dem Thema zu sagen, viel mehr. Aber irgendwann muss auch ein (vorläufiges) Ende gefunden werden. Vielen Dank für das Lesen dieser Zeilen und das Sie bis zum Schluss durchgehalten haben.
Angelo Glashagel
