Lichtblick
Die Heimat ist…
Freitag, 09. Oktober 2015, 07:00 Uhr
Die Heimat ist derzeit nicht nur durch die ARD-Themenwoche in aller Munde. Auch auf der Straße bei verschiedenen Protestaktionen wird immer wieder davon gesprochen. Im Wort Heimat steckt das Wort Heim. Jeder möchte ein Heim, ein zu Hause haben oder sein Eigen nennen, also ein Eigenheim...
Heim weckt aber auch negative Assoziationen, denn im Heim leben hat negative Konnotationen, denn dann gibt es Gründe dafür, dass das Kind dort lebt: die Eltern gestorben, nicht präsent - in aller Regel liegt eine Notlage vor. Noch viel schlimmer, wenn dann selbst das Heim keinen Schutzraum bildet, wie die Beispiele aus DDR-Heimen und leider auch kirchlichen Heimen in der Vergangenheit zeigten.
Heimat wird in uns frühkindlich abgebildet. Die Gegend kann Fremden noch so karg und unattraktiv vorkommen, wer dort geboren wurde und seine Kindheit verlebte, hat in aller Regel eine enge Bindung zu ihr. (Fast) Jedem von uns geht das so.
Das schmerzt vor allem Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen, weil sie zerbombt, unwirtlich oder hoffnungslos geworden ist. So weit, so ehrlich zu uns selbst.
Viele Menschen fliehen zu uns, in der Hoffnung, hier einen Ersatz für ihre Heimat zu finden. In aller Regel für eine Übergangszeit, denn die Heimat kann nichts ersetzen. Sobald sie wieder eine Perspektive haben, zieht es sie zurück. Erst wenn es dort dauerhaft keine Perspektive gibt, werden sie bleiben. Wer könnte Ihnen das verdenken? Die vielen Deutschen, die jedes Jahr in alle Welt aussiedeln, beweisen, dass wir ebenso ticken. Wenn Fremde zu uns kommen, wieso reagieren manche so reflexhaft aggressiv dagegen? Welche konkreten Möglichkeiten gehen Ihnen verlustig?
Der Bauarbeiter wird weiter bauen können, die vielen Flüchtlinge benötigen eine Wohnung. Sie sind streng genommen, die vollen Auftragsbücher der Handwerker bestätigen das und nicht nur hinter vorgehaltener Hand, ein richtiges Konjunkturprogramm und schaffen allein dadurch ihre Anwesenheit hier Jobs (für In- und Ausländer) in Deutschland.
Die Flüchtlinge sind zum Teil in Berufen tätig, in denen wir dringende Bedarfe haben, zum Beispiel weil die Deutschen ebenfalls im Ausland arbeiten. Wir sollten dankbar für die Flüchtlinge sein, denn sie verjüngen die Alterspyramide und erarbeiten die Rente der Deutschen mit, wenn sie dann arbeiten dürfen (im Übrigen auch derer, die jetzt gegen sie protestieren).
Natürlich gibt es auch Berufsbereiche, die wir nicht kennen, wenn ich nur an Restaurants denke. Wie viele essen heute gern chinesisch, bekocht und bedient von Menschen, die z.T. vor Jahren auch Flüchtlinge (Boatpeople) waren. Wer würde nicht gern syrische Speisen probieren?
Und, das gehört der Ehrlichkeit halben dazu, es gibt auch Menschen, die geringqualifiziert sind. Aber sind die deshalb weniger wert? Wie viele deutsche Sozialhilfeempfänger werden solidarisch vom Rest der Deutschen aus Steuermitteln mitfinanziert, weil sie nicht arbeiten können, behindert sind, eingeschränkt vermittelbar oder, auch das gehört zur Ehrlichkeit dazu, gelegentlich nicht arbeitswillig?
Diese Solidarität sollte auch für Ausländer unter uns gelten, die ja zum Bruttosozialprodukt beitragen – so wie wir Deutschen - wenn sie dann die Aufenthaltserlaubnis bekommen haben und arbeiten dürfen.
Unser Menschsein erweist sich an unserem Umgang mit den Schwächsten, egal ob Aus- oder Inländer. Wer in Ansammlungen von Menschen mitläuft, in denen dumpfe und unreflektierte Parolen gegrölt werden, statt Lösungen anzubieten, die die Probleme beheben, wer dazu auch nur klatscht und damit denen eine Legitimation gibt, die sich einbilden für das Volk zu sprechen und es zu repräsentieren, stellt sich und sein Menschsein selbst infrage.
Jesus Christus sagt, Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremdling gewesen und ihr habt mich aufgenommen (Mt 25,35) und macht damit deutlich, dass wir im Nächsten Gott selbst begegnen.
Niemand, auch ich nicht, sagt, dass die Zukunft leicht wird. Deutschland wird sich verändern. Doch das braucht uns nicht ängstigen. Wer seine Diktatoren in die Wüste geschickt hat, der braucht auch vor dieser Herausforderung keine Angst zu haben. Seien wir mutiger, klarer, vernünftiger. Laufen wir nicht mit und applaudieren wir nicht bei den Menschen mit den einfachen Antworten.
Bei all den zu hörenden und andere herabsetzenden Parolen auf den Demos von NPD und AfD fällt mir ein wichtiger Satz von Umberto Eco ein: Es gibt für jedes noch so komplexe Problem eine einfache Lösung - und die ist falsch. Gehen wir den Sprücheklopfern nicht auf den Leim.
Es wird schwierig und es ist ein ordentliches Stück Arbeit. Stellen wir uns der Herausforderung, die nun einmal vor uns liegt, vergeuden wir unsere Kraft nicht, sondern setzen wir sie ein, um nach Lösungen zu suchen. Lösungen für unsere Heimat, die auch denen zu einer Heimat werden kann, die die ihre verloren. Das wäre ein Lichtblick für unser Land.
Kristóf Bálint, Superintendent
Autor: redHeim weckt aber auch negative Assoziationen, denn im Heim leben hat negative Konnotationen, denn dann gibt es Gründe dafür, dass das Kind dort lebt: die Eltern gestorben, nicht präsent - in aller Regel liegt eine Notlage vor. Noch viel schlimmer, wenn dann selbst das Heim keinen Schutzraum bildet, wie die Beispiele aus DDR-Heimen und leider auch kirchlichen Heimen in der Vergangenheit zeigten.
Heimat wird in uns frühkindlich abgebildet. Die Gegend kann Fremden noch so karg und unattraktiv vorkommen, wer dort geboren wurde und seine Kindheit verlebte, hat in aller Regel eine enge Bindung zu ihr. (Fast) Jedem von uns geht das so.
Das schmerzt vor allem Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen, weil sie zerbombt, unwirtlich oder hoffnungslos geworden ist. So weit, so ehrlich zu uns selbst.
Viele Menschen fliehen zu uns, in der Hoffnung, hier einen Ersatz für ihre Heimat zu finden. In aller Regel für eine Übergangszeit, denn die Heimat kann nichts ersetzen. Sobald sie wieder eine Perspektive haben, zieht es sie zurück. Erst wenn es dort dauerhaft keine Perspektive gibt, werden sie bleiben. Wer könnte Ihnen das verdenken? Die vielen Deutschen, die jedes Jahr in alle Welt aussiedeln, beweisen, dass wir ebenso ticken. Wenn Fremde zu uns kommen, wieso reagieren manche so reflexhaft aggressiv dagegen? Welche konkreten Möglichkeiten gehen Ihnen verlustig?
Der Bauarbeiter wird weiter bauen können, die vielen Flüchtlinge benötigen eine Wohnung. Sie sind streng genommen, die vollen Auftragsbücher der Handwerker bestätigen das und nicht nur hinter vorgehaltener Hand, ein richtiges Konjunkturprogramm und schaffen allein dadurch ihre Anwesenheit hier Jobs (für In- und Ausländer) in Deutschland.
Die Flüchtlinge sind zum Teil in Berufen tätig, in denen wir dringende Bedarfe haben, zum Beispiel weil die Deutschen ebenfalls im Ausland arbeiten. Wir sollten dankbar für die Flüchtlinge sein, denn sie verjüngen die Alterspyramide und erarbeiten die Rente der Deutschen mit, wenn sie dann arbeiten dürfen (im Übrigen auch derer, die jetzt gegen sie protestieren).
Natürlich gibt es auch Berufsbereiche, die wir nicht kennen, wenn ich nur an Restaurants denke. Wie viele essen heute gern chinesisch, bekocht und bedient von Menschen, die z.T. vor Jahren auch Flüchtlinge (Boatpeople) waren. Wer würde nicht gern syrische Speisen probieren?
Und, das gehört der Ehrlichkeit halben dazu, es gibt auch Menschen, die geringqualifiziert sind. Aber sind die deshalb weniger wert? Wie viele deutsche Sozialhilfeempfänger werden solidarisch vom Rest der Deutschen aus Steuermitteln mitfinanziert, weil sie nicht arbeiten können, behindert sind, eingeschränkt vermittelbar oder, auch das gehört zur Ehrlichkeit dazu, gelegentlich nicht arbeitswillig?
Diese Solidarität sollte auch für Ausländer unter uns gelten, die ja zum Bruttosozialprodukt beitragen – so wie wir Deutschen - wenn sie dann die Aufenthaltserlaubnis bekommen haben und arbeiten dürfen.
Unser Menschsein erweist sich an unserem Umgang mit den Schwächsten, egal ob Aus- oder Inländer. Wer in Ansammlungen von Menschen mitläuft, in denen dumpfe und unreflektierte Parolen gegrölt werden, statt Lösungen anzubieten, die die Probleme beheben, wer dazu auch nur klatscht und damit denen eine Legitimation gibt, die sich einbilden für das Volk zu sprechen und es zu repräsentieren, stellt sich und sein Menschsein selbst infrage.
Jesus Christus sagt, Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremdling gewesen und ihr habt mich aufgenommen (Mt 25,35) und macht damit deutlich, dass wir im Nächsten Gott selbst begegnen.
Niemand, auch ich nicht, sagt, dass die Zukunft leicht wird. Deutschland wird sich verändern. Doch das braucht uns nicht ängstigen. Wer seine Diktatoren in die Wüste geschickt hat, der braucht auch vor dieser Herausforderung keine Angst zu haben. Seien wir mutiger, klarer, vernünftiger. Laufen wir nicht mit und applaudieren wir nicht bei den Menschen mit den einfachen Antworten.
Bei all den zu hörenden und andere herabsetzenden Parolen auf den Demos von NPD und AfD fällt mir ein wichtiger Satz von Umberto Eco ein: Es gibt für jedes noch so komplexe Problem eine einfache Lösung - und die ist falsch. Gehen wir den Sprücheklopfern nicht auf den Leim.
Es wird schwierig und es ist ein ordentliches Stück Arbeit. Stellen wir uns der Herausforderung, die nun einmal vor uns liegt, vergeuden wir unsere Kraft nicht, sondern setzen wir sie ein, um nach Lösungen zu suchen. Lösungen für unsere Heimat, die auch denen zu einer Heimat werden kann, die die ihre verloren. Das wäre ein Lichtblick für unser Land.
Kristóf Bálint, Superintendent
