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Zum Tod von Margot Honecker

Montag, 09. Mai 2016, 06:32 Uhr
Ein Leser unserer Online-Zeitungen glaubt nicht, dass die Mehrheit der Journalisten, die sich in diesen Tagen zum Tod der ehemaligen DDR-Ministerin für Volksbildung äußern, tatsächlich auch in der DDR zur Schule gingen. Zu einseitig erscheinen ihm ihre Darstellungen...


Allzu einfach ist es, die Schwarz-Weiß-Malerei und Polarisierung, die Margot Honecker selbst verkörperte, einfach umzudrehen und gegen sie und ihre Politik zu richten.

Meist wird Margot Honecker, geborene Feist, als unnachgiebige Hardlinerin der marxistisch-leninistischen Ideologie beschrieben, als eine Frau, die nicht nur die „Partei neuen Typs“ verkörperte, sondern in der sozialistischen Schule auch makellose und kritiklose, von Kopf bis Fuß überzeugte Kommunisten heranziehen wollte. Die Benachteiligung christlicher, kritischer bzw. nicht systemkonformer Schüler und Studenten hat die gebürtige Hallenserin wesentlich mit zu verantworten.

An meiner Hochschule wurden in den 60er Jahren Studenten exmatrikuliert, weil sie eine von der FDJ unabhängige Hochschulzeitung herausgaben, andere mussten sich jedes Mal bei höheren Parteimitgliedern melden, nachdem sie kirchliche Veranstaltungen besucht hatten.

So manchen guten Schülern blieben Abitur und Studium versagt, weil sie aus einem „Intelligenzler“haushalt kamen, regelmäßig Kontakte zu Westverwandten pflegten, sich nicht für einen dreijährigen Ehrendienst in NVA oder Grenztruppen verpflichteten oder im Staatsbürgerkundeunterricht eine drei auf dem Zeugnis hatten. Auch dass die Bildungsministerin mehrmals die Mauertoten verhöhnte, kann ihr nicht verziehen werden.
Dennoch täte eine differenzierte Sichtweise gerade in meinungsbildenden Medien gut.

Denn auf ihr Konto geht auch die polytechnische Schulausbildung, also die Verbindung des naturwissenschaftlich-technischen Unterrichts mit der praktischen Tätigkeit in damaligen volkseigenen Betrieben. Immer wieder wurde in Interviews, die ich zwischen 1998 und 2013 mit rund 1.600 Zeitzeugen überwiegend aus Ostdeutschland führte, von Unternehmern die zum Teil fürchterlichen Grundfähigkeiten der Nachwendelehrlinge beklagt, von denen viele weder Rechtschreibung noch Grundrechenarten ausreichend beherrschten. Das habe sich nach 1990 grundlegend zum Negativen verändert, hörte ich.

Und verwundert rieb sich im Westen so mancher die Augen, wenn ausgerechnet zwischen Saßnitz und Sonneberg Schüler im Rahmen der PISA-Studie auf dem naturwissenschaftlichen Sektor besser abschnitten, als jene in den Altbundesländern. Auch das dürfte eine späte Folge der Prioritäten sein, die dank Frau Honecker im Fachunterrichts an den POS und EOS (Erweiterte Oberschule, heute Gymnasium), aber auch in der straff organisierten, anspruchsvollen Ausbildung der DDR-Diplomlehrer in Mathematik, Physik, Chemie und Biologie gesetzt wurden.

Das ist nicht nur meine Meinung. Sie wird von früheren Mitstudenten und heutigen Lehrern ebenso gestützt, wie von Freunden, die noch immer an ostdeutschen Universitäten lehrend tätig sind.

Und was ist mit dem Sportunterricht? Wenn Schüler heute dem Ball ausweichen, statt ihn zu fangen, wenn sie nicht mehr auf einem Bein stehen können und immer dicker werden, hat das mit der gegenwärtig viel zu geringen Bedeutung des Sportunterrichts und der fast fehlenden Förderung des Breitensports seitens des Staates zu tun.

In der DDR gab es ein zentral organisiertes Bildungssystem, in dem ein Rostocker Schüler am 11. März im Durchschnitt den gleichen Stoff vermittelt bekam, wie ein Schüler am selben Tag in Radebeul oder Ilfeld. Probleme bei der Anerkennung von Schulabschlüssen oder Prüfungsleistungen, wie sie heute mitunter vorkommen sollen, waren daher unbekannt.
Und nicht zuletzt erwies es sich kaum als Nachteil, dass die DDR-Lehrer ein breiteres Repertoire an Disziplinierungsmöglichkeiten für renitente Schüler hatten: Ein Tadel, notfalls vor der gesamten Schule, war eben tatsächlich eine schwerwiegende und folgenreiche Disziplinierung, die von den Gestraften auch im überwiegenden Maße verinnerlicht wurde. Wurden die Betriebe der Eltern von der Schule über die Aufsässigkeit des Sohnes oder der Tochter in der Schule informiert, war dies gewiss ebenso nachhaltig.

Der Lehrer oder sagen wir die Schule insgesamt hatte noch echte Autorität, auch gegenüber den Eltern, falls sich diese zu wenig um Hausaufgaben oder Disziplin kümmerten.

Heutige Lehrer berichten mir mitunter haarsträubende Dinge, nicht nur über das zum Teil gewalttätige Verhalten von Schülern, sondern auch über den fehlenden Draht zu den Eltern auffälliger Kinder, von Eltern, die Lehrern wegen einer harmlosen Zurechtweisung ihres Kindes drohen und so weiter. Ich selbst bin froh, die Schule und Hochschule unter Margot Honecker besucht zu haben. Und das hat noch einen weiteren Grund: So dröge der ML-Unterricht auch oft (nicht immer!) war: Wir lernten tatsächlich vieles von dem, was wir in unserer heutigen Gesellschaft bestätigt finden: von der Menschenverachtung im Kapitalismus, der ja bekanntlich nicht nur in der reichen EU, sondern auch in Südafrika, Kolumbien, Indien, Sierra-Leone und in Dutzenden anderen Staaten herrscht.

Wir sehen, dass unsere Gesellschaft - weltweit betrachtet - tatsächlich unfähig ist, die von ihr selbst geschaffenen Probleme zu lösen, sei es im Umweltbereich, in Kriegsgebieten, im Nord-Süd-Gefälle, in den Bereichen Armut, Bevölkerungswachstum, Korruption, Bildung und anderen; die Polarisierung von immer mehr Armen auf der einen und wenigen immer reicheren Menschen auf der anderen Seite. Wir haben gelernt, dass unsere jetzige Gesellschaft auf Grund der vielen antagonistischen Widersprüche (wie es damals hieß) die Existenz der Menschheit bedroht, letztlich, weil es nur um eines geht: Wachstum durch Eroberung immer neuer Marktnischen und Absatzmärkte.

Der Imperialismus, den man uns vermittelte, existiert wirklich. TTIP und Globalisierung, Irakkrieg ohne UN-Mandat – das sind ja keine Hirngespinste, auch nicht die Folterungen und Morde der US-Armee in aller Welt bis hin nach Guantanamo - natürlich zum Wohle von uns allen.

Margot Honecker machte in ihrem Bildungssystem nur den Fehler, die Unfähigkeit des real existierenden Sozialismus zu erkennen, zu benennen und offen zu diskutieren. Die Diktatur des Proletariats, in der wie lernten und die offiziell so bezeichnet wurde, blendete auch im Bildungssektor die eigenen, gesellschaftsrelevanten Widersprüche aus. Diese durfte es nicht geben, was zur Verfolgung und Benachteiligung Andersdenkender führen konnte und letztlich Mauer und Mauertote möglich machte.

Ebenso, wie wir in POS, EOS und im Studium, nichts über die unlösbaren Widersprüche des Sozialismus erfuhren, erfahren wir heute viel zu wenig und nur in ausgewählten Nischen etwas über die Gefahren, die unsere eigene Gesellschaft für Millionen heraufbeschwört und vor allem über die gesellschaftlichen Wurzeln dieser realen Bedrohungen. Dialektisches Denken zu vermitteln, ist leider keine Stärke der Gegenwart.

Ich kann Margot Honecker durchaus verstehen, dass sie ihren Sozialismus bis ins Grab verteidigte. Sicher hat sie damit den für sie einfacheren Weg gewählt. Selbstkritik hätte ihr und Jenen gut getan, die unter ihr litten.
Andererseits sah sie in Südamerika mit eigenen Augen, was wir in der Schule gelehrt bekamen. Ihr letzter Wohnsitz Chile, ich war selbst dort, ist relativ wohlhabend, beispielsweise im Vergleich zu Bolivien oder Kolumbien. Aber Slums, Gewalt, Drogenkartelle, Regenwaldzerstörung und die über vielem stehende Korruption sowie viele andere schlimme Erscheinungen sind ansonsten in Südamerika an der Tagesordnung.

Nur in einer Zeitung fand ich tatsächlich ein wenig Verständnis dafür, dass "manche" Ostdeutsche nicht (nur) den Stinkefinger in Richtung Chile reckten, als sie vom Ableben der Frau mit den lila Haaren hörten: Das Blatt schrieb sinngemäß und etwas verschleiert, dass es tatsächlich auch Menschen gab, die in der DDR, warum auch immer, gern zur Schule gingen - trotz Pionierkleidung, Maidemo und Blauhemd. – Immerhin ein Grund.
Bodo Schwarzberg
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Autor: red

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