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nnz-Betrachtung

Eskapismus und die Renaissance des Handgemachten

Dienstag, 10. Mai 2016, 09:00 Uhr
Die Veröffentlichung brisanter Dokumente zu den TTIP-Verhandlungen ist gut eine Woche her, die Aufregung darum hat sich bereits gelegt. Das neuerliche "Leak" aus den Hinterzimmern der Macht hatte die nnz zum Anlass genommen über Mechanismen von Öffentlichkeit, Macht, Ohnmacht und dem Rückzug ins Private nachzudenken. Nun folgt der zweite Teil der Betrachtung...

nnz-Betrachtung (Foto: Angelo Glashagel) nnz-Betrachtung (Foto: Angelo Glashagel)

Der erste Teil hatte den Rückzug aus dem politischen Alltagsgeschäft der Gesellschaft als Folge von vermeintlicher politischer Ohnmacht in den Fokus gerückt. Der zweite Teil der Betrachtung soll sich mit der Natur des modernen "Rückzugs" befassen, die der Übersicht halber an zwei Bereichen verdeutlicht werden - Apathie und Eskapismus sowie dem aktiven Handeln in einer Renaissance des Handgemachten.

Eines sei vorangestellt: wie alle Betrachtungen erhebt auch die folgende keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit und kann nur einen Ausschnitt, einen kleinen Teilaspekt des globalen gesellschaftlichen Organismus erfassen. Wir blicken immer nur durch das Schlüsselloch der eigenen Wahrnehmung, die ganze Tür zu öffnen bedürfte es mehr Zeit, wahrscheinlich auch eines größeren Geistes, mit Sicherheit aber vieler, vieler Seiten.

Der Hang zur Flucht in die Ablenkung, der Eskapismus, ist kein neues Phänomen - nicht umsonst blüht in schweren Zeiten die Komödie, die leichte Unterhaltung. Die Bandbreite an solchen Fluchtmöglichkeiten, die dem durchschnittlichen Mitteleuropäer heute zur Verfügung stehen, hat es aber bisher so nie gegeben. Nicht nur Bücher oder Filme laden heute dazu ein, das drumherum vergessen zu machen. Eine ganze weite Welt an verschiedensten Angeboten, an Serien, Filmen, Shows, Clips und Artikeln ist heute nur einen Klick, nur einen Fingerzeig entfernt. Dazu kommen Online-Foren, Kommentarspalten, soziale Netzwerke, die besucht, gelesen, bewertet werden wollen.

Zeit, die einmal "frei" war, in welcher der Geist gezwungenermaßen nur sich selbst zur Beschäftigung hatte, lässt sich heute wo alles tragbar, alles mobil ist, ohne Probleme mit Tönen und Getöse füllen. Dauer: unbegrenzt. Wer will, der kann seinen Alltag bestreiten und gleichzeitig, egal wann und egal wo, den Geist von allem ablenken, was stören könnte. Nicht nur von Politik, auch von sich selbst und mitunter ohne es zu bemerken.

Die enorme thematische Bandbreite der neuen Möglichkeiten kann einem das sichere Gefühl geben ja doch irgendwie teilzuhaben am gesellschaftlichen Diskurs, dabei zu sein, immer auf dem neuesten Stand. Der aufgeweckte Geist kann sich in einem fort bilden, informieren, belesen. Und doch bleibt es Flucht und Rückzug, bleibt es Apathie so lange man nur Rezipient bleibt und sich beschallen lässt. Denn immer gibt es noch etwas zu lesen, anzusehen, zu hören.

Sich eine Auszeit von der Beschallung zu nehmen ist ein bewusster Entschluss, sie ganz und gar abzuschalten schon eine Lebensentscheidung.

Fast schon eine Form des "Aussteigens". Aussteigen - das weckt erst einmal Assoziationen von Leuten die sich am Strand von Goa einen faulen Lenz machen, in der Wagenburg dabei sind ihre Batik-Kleidung zu waschen - von Hippies, Punks, Alt '68ern, von verschrobenen Sonderlingen, vielleicht auch von gescheiterten Existenzen. Es ist die radikalste Form des Rückzugs, das Äquivalent zum mittelalterlichen Gang ins Kloster oder dem Eremiten in der Wüste.

Weitaus weniger "bunt" und halbromantisch verklärt ist das Phänomen des teilweisen Ausstiegs. Der partielle Rückzug aus dem gesellschaftlichen Gefüge gehört mancherorts zum Stadtbild, zum Charakter einer ganzen Gegend oder eines Stadtteils. Ob als Hausgemeinschaft in Hinterhofappartements, als Gemeinschaftsgärtner- und Landwirte oder als kollektive Grundstücksbesitzer auf dem flachen Land - das kooperative Modell macht gerade wieder Schule und entfaltet seine Anziehungskraft nicht allein auf subkulturelle Strömungen am Rand der Massengesellschaft sondern vor allem auch auf Teile der Mittelschicht und des Bildungsbürgertums.

Wer es trotz aller Werbeversprechen, Gütesiegel und Transparenzinititativen satt hat nicht wirklich zu wissen, was da eigentlich wirklich in seinem Essen drin ist, wem es nicht egal ist, wo seine Kleidung genäht wird, wer die einkalkulierte Nutzlosigkeit von Alltagsgegenständen nicht hinnehmen will, wer nicht möchte, das dass alte Haus in der Nachbarschaft zerfällt, der kann ohne große Schwierigkeiten Gleichgesinnte finden. Kann, gemeinsam oder alleine, Dinge selber machen, säen, nähen, reparieren, ernten.

Am Ende muss nicht das moderne Äquivalent der Kommune 1 stehen. Die Renaissance des Handgemachten trägt kein Banner des radikalen Bruchs mit den bestehenden Verhältnissen vor sich her, sondern versucht den Spagat zwischen den Notwendigkeiten des Alltags und einer anderen Art zu leben. Am morgen im Meeting sitzen, am Nachmittag barfuß mit Freunden in der Erde wühlen. Solidarität ohne Ideologie, ohne Bedingung und Korsett, die Versöhnung vom Leben in einer durchtechnisierten, hektischen Welt und der Sehnsucht nach Ursprünglichkeit, nach Authentizität und Gemeinschaft - das ist die Idee und das Versprechen des partiellen sich-zurück-ziehens.

Wie stark die Ausprägung des allgemeinen Rückzugs tatsächlich ist lässt sich nur schwer beurteilen, da ein solches Urteil an dieser Stelle allein auf subjektiver Wahrnehmung, nicht auf Zahlen oder Fakten basieren kann. Er kann nur eine Randerscheinung sein, ein kurzer Hype, der sich alsbald überlebt hat. Im dritten und letzten Teil aber soll vom Gegenteil ausgegangen und aufgezeigt werden, dass die Tendenz zur Abkehr vom Alltag nicht so apolitisch ist, wie sie auf den ersten Blick scheint und warum sie auch Potential für weitreichendere Veränderungen in sich birgt.
Angelo Glashagel
Autor: red

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