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Gedanken zum Weltfrieden

Mittwoch, 12. Oktober 2016, 07:52 Uhr
Eine Zeitung schrieb gerade, der dritte Weltkrieg würde sehr schnell und „sehr tödlich“ sein. Amerikanische Militärs wären zu dieser Einschätzung gekommen. Was sie mit „sehr tödlich“ meinen, stand nicht in dem Beitrag. Im nnz-Forum macht sich Leser Bodo Schwarzberg seine Gedanken zum Zustand der Welt im Jahr 2016...

Vielleicht dachten sie bei ihrer Formulierung an den zehn oder zwölffachen Overkill, also an die stolze Fähigkeit der Supermächte Russland und USA sowie der NATO, die Menschheit gleich zwölfmal auslöschen zu können – obwohl ja, logisches Denken vorausgesetzt, schon einmal komplett „zielführend“ ist.

Warum frage ich mich, finden wir heute wieder öfter derartige Pamphlete in unseren Zeitungen. Sie erinnern mich erschreckend an Gedankengebäude aus den 80er Jahren, als es um die Auswirkungen eines Atomkriegs ging und um die von den DDR-Medien scharf kritisierte Polemik von NATO-Kreisen, ein Atomkrieg sei zum Beispiel auf Europa zu begrenzen und dadurch führbar. Als Vorteil wurde von diesen fragwürdigen Leuten benannt: nicht der ganze Planet müsse ja dann daran glauben, die Menschheit, sprich das Kapital, hätte in einem begrenzten Atomkrieg noch eine Überlebenschance. Von den globalen Auswirkungen radioaktiven Fallouts hatten die damaligen Strategen trotz der vielen oberirdischen Atomtests in den 50er Jahren offenbar noch nie etwas gehört.

Wir lernten damals in der (DDR-)Schule, dass ein Atomkrieg nicht zu begrenzen ist und die Menschheit sehr sicher auslöschen würde. Die GST-Übungen mit Gasmaske und Gummihandschuhen sowie dem Sirenensignal für „Atomalarm“ waren allerdings auch dazu etwas widersprüchlich.

Heute hört man kaum noch von den vernichtenden Folgen eines Atomkriegs. Es scheint, man hielte ihn durchaus führbar- und auch für gewinnbar. Alpha-, Betta- und Gammastrahlen sind menschenfreundlicher geworden, die unsäglichen Bilder von noch lebenden Hiroshima-Opfern mit in Fetzen herabhängender Gesichtshaut und heraushängenden Gedärmen längst verblasst.

Und die Verachtung, mit der der Westen mit seinen Medien heute bei jeder Gelegenheit auf die DDR und das „Sowjetimperium“ zurückblickt, verkennt, dass die Gefahr einer Konfrontation zwischen den USA und Russland gerade angesichts der beiden stabilen Blöcke damals geringer war als heute. Die mühsam von damaligen Politikern ausgehandelten Start- und Salt-Verträge, das Rote Telefon zwischen Kreml und Weißen Haus, das kleine, aber sichere Vertrauen der Politik eines „Wandels durch Annäherung“ zwischen den beiden deutschen Staaten und der gegenseitige Respekt zwischen den Großmächten garantierte Stabilität im Misstrauen und Overkill.
Dass das Ende der Diktaturen im Osten, der Sieg von Freiheit und Demokratie zur Destabilisierung der Welt und zu einem brandgefährlichen Expansionsstreben des Westens und seines milliardenschweren militärisch-industriellen Komplexes in alle Himmelsrichtungen, vor allem aber nach Osten führte, wird allzu oft und mutwillig unterschlagen.

Unterschlagen wurden und werden auch die warnenden Stimmen maßgeblicher Leute, die den kalten Krieg sicher machten, wie Genscher, Teltschik und Gorbatschow, von zahlreichen Intellektuellen, ja vom heutigen bundesdeutschen Außenminister Steinmeier, die zu einem besonnenen Umgang mit Russland auffordern. Genscher war es, der sinngemäß zu bedenken gab, man könne eine Großmacht wie Russland nicht wie einen Schuljungen maßregeln. Selbst frühere US-Geheimdienstler warnten in einem Brief an Kanzlerin Merkel einen anderen Umgang mit Russland an. Sie merkten, dass der Westen im Begriff steht, mit seiner blinden NATO-Osterweiterung, mit Truppenstationierungen im Baltikum und von Raketenabwehrsystemen in Polen gegen eigene frühere Versicherungen gegenüber Russland und gegen Verträge zu verstoßen und die Erfolge der Entspannungspolitik von Jahrzehnten zu zerstören.

Die Diktaturen, mögen sie auch undemokratisch und teils unmenschlich gewesen sein, sie hinderten den Westen, wie den Osten an allzu großer, aktiv gelebter Aggression, sie führten trotz Misstrauens zu Berechenbarkeit. Diktaturen als Garant für globale Stabilität? Tatsächlich?
Man muss schon aufhorchen was über Kanzlerin Merkels gegenwärtigen wohl etwas verzweifelten Staatsbesuch in Äthiopien geschrieben wird, der vor allem dazu dient, den Flüchtlingsstrom nach Europa einzudämmen:
„Kritisch äußerte sich Merkel über den westlichen Militäreinsatz in Libyen, der zum Sturz von Diktator Gaddafi geführt hatte. Im Falle Libyen wäre es besser gewesen, auf die Erfahrung der Afrikaner zu hören. "Vielleicht haben wir in der Vergangenheit zu wenig mit ihnen darüber gesprochen, das sage ich ganz selbstkritisch", so Merkel.“ http://www.spiegel.de/politik/ausland/merkel-in-aethiopien-hilfe-versprochen-demokratie-verlangt-a-1116102.html

Wie kommt es, dass mir irakische Migranten erzählen, sie seien ja hier in Deutschland, weil der Westen mit seiner unter Vortäuschung falscher Tatsachen durchgeführten Irak-Aggression Diktator Saddam Hussein letztlich getötet, den IS erzeugt und das Land in Chaos, Mord und Totschlag gestürzt habe?

Vergessen scheinen auch Gorbatschows Worte an der einstigen Berliner Mauer anlässlich des 25-jährigen Mauerfalljubiläums, als er den Westen ins Stammbuch schrieb, durch sein militärisches Eingreifen an allen möglichen Weltpunkten u.a. in Libyen einen neuen Weltkrieg wahrscheinlicher zu machen: „Bereits in den 1990er Jahren habe der Westen begonnen, im Verhältnis zu Russland das Vertrauen zu untergraben, das die friedliche Revolution in Deutschland und in Mittel-Osteuropa möglich gemacht habe. "Die Nato-Erweiterung, Jugoslawien und vor allem das Kosovo, Raketenabwehrpläne, Irak, Libyen, Syrien", nannte Gorbatschow als Beispiele. "Und wer leidet am meisten unter der Entwicklung? Es ist Europa, unser gemeinsames Haus." http://www.stern.de/politik/deutschland/michail-gorbatschow-uebt-kritik---der-westen-hat-versprechen-von-1989-gebrochen--3250122.html

Gorbatschows Weisheit von 1989 an Erich Honecker: „Wer zu spät kommt, bestraft das Leben“, wird von Merkel & Co zwar tausendmal lieber in den Mund genommen, sie bekommt angesichts der aktuellen Weltentwicklung allerdings eine recht aktuelle, hoffentlich nicht furchtbare Bedeutung!

Russland dafür zu kritisieren, in Syrien zu bombardieren und die Krim zu annektieren unterschlägt zweierlei: Die unzähligen Menschenrechtsverletzungen der USA und des Westens insgesamt in Kriegen unter der Fahne von Freiheit, Demokratie sowie Kampf gegen den Terror bleiben außen vor. Kaum eine US-Aggression war von der UNO abgesegnet, natürlich auch nicht die „Kollateralschäden“ unter Zivilisten in aller Welt, die US-Drohnen tagtäglich im Kampf gegen den Terror anrichten. Auch die Saubermänner aus den USA bombardierten übrigens schon Krankenhäuser.

Und Russlands Bombardements in Aleppo sind zweifellos unmenschlich. Aber Russland tut genau das, was die USA unzählige Male vor ihm taten: Es vertritt seine Interessen. Und das umso mehr, als es vom Westen von allen Seiten militärisch in die Zange genommen wird. Russlands Verhalten ist die Folge des respektlosen Umganges mit ihm, den Genscher und andere einst scharf kritisierten. Aber wie man sieht: Wenn zwei dasselbe tun, ist es noch lang nicht dasselbe und abhängig von den Interessen, die der Betrachter vertritt.

Menschlichkeit als Grundinteresse ist in der Politik fast stets nur vorgeschoben: Während die USA zum Beispiel den internationalen Gerichtshof in Den Haag wohlwissend all ihrer Verbrechen nicht anerkennen, will Frankreich Russland wegen seiner Bombardements in Aleppo genau dorthin zitieren. Hier wird die Schieflage der heutigen Weltsicht des Westens mehr als deutlich. Mehr noch: Die USA drohten den Niederlanden sogar mit einer Invasion, sollten US-Bürger in Den Haag angeklagt werden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/internationales-strafgericht-us-kongress-droht-niederlanden-mit-invasion-a-200430.html
Der Beitrag erschien 2002, also ein Jahr vor dem Einmarsch im Irak.

Ich persönlich hoffe auf eine neue Friedensbewegung im Westen, die nicht erst gegen vielleicht bald kommende neue Mittelstreckenraketen vor ihrer Haustür protestiert, sondern gegen die Verursacher des neuen Kalten Kriegs in der Welt. Hoffentlich noch rechtzeitig.
Bodo Schwarzberg
Anmerkung der Redaktion:
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Autor: red

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