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Lichtblick zum Wochenende

Ein Mensch sieht, was vor Augen ist...

Samstag, 15. Oktober 2016, 09:00 Uhr
...der Herr aber sieht das Herz an. Im heutigen Lichtblick philosophiert Pfarrerin Inge Theilemann über die Gemeinsamkeiten von Menschen und Kastanien. Zuerst sieht man nur die stachelige Hülle, was Innen liegt, gibt sich nicht ohne weiteres preis...

Sie lag vor meinen Füßen. Ich hob sie auf. „Oh, die sticht, die hat aber Stacheln, die Kastanie“.

Jedes Jahr im Herbst, sammle ich Kastanien. Meist überwintert die eine oder die andere in einer meiner Jackentaschen. Sie fühlt sich gut an, die Kastanie, wenn ich sie mit meinen Händen umschließe, denn unter der Stachelhaut ist eine weiche, runde Hülle.

Meine unruhigen Hände werden ganz ruhig, wenn die Kastanie mir in der Januarkälte den Herbst mit seinen Farben zurückbringt. Die Kastanie ist aber für mich auch ein Bild für uns Menschen. Wir sehen voneinander nur das Äußere. Nicht immer gefällt uns, was wir sehen. Wir sehen jemanden, der kurz angebunden ist, der unfreundlich ist oder gar nicht mit uns redet. Vielleicht hält er sich für etwas Besseres, so denken wir dann.

Kommt, wir sehen uns an, wie wir die Kastanien ansehen: unter den Stacheln, die uns treffen und wehtun, da ist noch etwas.

Kann ja sein, dass der Andere einfach nur müde ist und deshalb so kleinsilbig ist. Vielleicht ist der Andere einfach nur zu schüchtern, um mit jemandem zu sprechen. Oder meine Nachbarin hat einfach Kummer oder ist krank und ist deshalb abweisend.

In der Bibel steht: „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, der Herr aber sieht das Herz an.“ Das wir voneinander erst die Stacheln sehen, ist normal, alles andere muss gewollt sein und kann geübt werden.

Wenn ich frage, dann erzählt der Andere mir vielleicht seine Geschichte. Wenn ich sehe, dass der Andere viel zu tun hat, dann nehme ich es ihm nicht übel, dass er für mich keine Zeit hat. Wenn ich weiß, dass jemand krank ist oder Kummer hat, dann verstehe ich, dass Stacheln aufstellen seine Art ist, damit umzugehen.
Einer kennt dein und mein Herz und vor dem können wir sein, wie wir sind, vor ihm können wir die Stachelhaut ausziehen – er sieht sowieso durch sie hindurch. Gott kennt unser Herz in- und auswendig. Ich brauche meine Stacheln nicht, mein Leben ist von Gottes Hand umfangen, bei ihm bin ich in guten Händen.
Pfarrerin Inge Theilemann
Autor: red

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