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"Täve" Schur und die verpasste Etappe!

Sonntag, 30. April 2017, 19:44 Uhr
Wenn ein politisch polarisierender, doch äußerlich immer noch fast „unverbraucht“ wirkender 86- jähriger Senior bei einer regelrechten Lese-Tournee die Hallen füllt, muss es sich eigentlich um einen ganz außergewöhnlichen Menschen handeln. Meint Hans-Ulrich Klemm...

Täve Schur (rechts) mit Dietrich Rose im Audimax der Nordhäuser Hochschule (Foto: nnz) Täve Schur (rechts) mit Dietrich Rose im Audimax der Nordhäuser Hochschule (Foto: nnz)

Auch die zahlreichen Gäste mit vornehmlich weiß-grauen und/oder schon lichten Haaren konnten sich anfangs dieses Monats im Nordhäuser Audimax von dessen noch erstaunlicher Vitalität überzeugen, weil nämlich dieser populärste Sportler der DDR-Geschichte, „Täve“ Schur, fast eine Stunde am Pult stehend, von seinem aufregenden Leben berichtete.

Dieses absolute Radsportidol mit einem erreichten Heldenstatus eines Landes, das der BRD 31 Jahre nach seinem ersten WM-Erfolg in französischen Reims, der damals aufgrund seiner bereits bis dahin erworbenen Popularität schon etwas ganz Besonderes war und dementsprechend auch euphorisch gefeiert wurde, angepasst worden ist, hat sich eben nicht- wie leider viele andere Bürger - zu einem der „Wendehälse“ entwickelt!

In seinem Gedächtnis setzten sich die schlimmen Kindererlebnisse fest, wo er im Schutzbunker des naheliegenden Waldes im kleinen Ortes Heyrothsberge bei Magdeburg die Bombenangriffe überstehen musste und auch fassungslos war, als sein erster Start 1952 bei der „Friedensfahrt“, die im östlichsten Teil von Europa jahrelang bis zu dieser schon erwähnten Anpassung das bekannteste Radrennen war, in Warschau mitten durch die Ruinen verlief!

Er galt unter anderem deshalb als eine linientreue und volksverbundene Legende, die auch gegenwärtig die Meinung nicht zulässt, dass man die schlimmen Dopingvergehen mit ihren vielen Opfern auf das ganze sozialistische oftmals als kriminell bezeichnetes System projektierte, ohne aber unbedingt auf die vielen Nachahmer der „anderen Seite“ hinzuweisen, die auch den gleichen Unfug verübten!

Wenn er trotz mancher Anfeindungen heute in seinem hohen Alter immer noch auf dem Rennrad zahlreiche km absolviert und sich dabei auf den Straßen seiner Umgebung sehr wohl fühlt, erzählt er bei seinen Reisen den fragenden Zuhörern gern, dass der dramatische WM-Zieleinlauf 1960 auf der heimischen Sachsenring-Rennstrecke für ihn schon „das dramatischste Ereignis seiner Karriere war“! Innerhalb von drei Jahren, besonders nach seinem zweiten WM-Gewinn in Zandvoort, erwartete das ganze Land damals von ihm den „Dreier“, weil sich in der letzten Runde besonders durch seine Energieleistung eine Dreiergruppe bilden konnte, er aber etwas kraftlos geworden, erleben musste, wie sein eigener Kamerad „Ecke“ als überraschender Sieger vor ihm den ganz großen Wurf vermasselte! Für “Täve“ war es aber ein gemeinsamer Erfolg, der ihm um so mehr Sympathien einbrachte und das Land in ein riesiges Freudenfest verwandelte!

Sportlich sowie moralisch wertvoller war aber für ihn der Gewinn der Olympischen Silbermedaille im 100 km-Mannschaftsfahren 1960 in Rom. “In einer Gluthitze und bald dezimiertem Vierer torkelten wir förmlich völlig kraftlos in das Ziel!“

Aus seiner Sicht hatten nicht die kaum noch aufzählbaren Medaillen, Pokale und Ehrungen Priorität, sondern die Begegnungen mit den Menschen, die ihn überall in den vielen Jahren in irgend einer Form kurz oder etwas länger begleiteten, waren noch wichtiger! Zuhause, wo noch heute seine charmante Frau Renate, die weiterhin zahlreich ankommende Post aus allen Richtungen sortiert sowie bei den Besuchen der vier Kinder, die ihren Eltern bisher neun Enkelkinder schenkten, wird Täve liebevoll nur „Vati“ genannt!

Als ich im Jahr 2011 bei einer seiner beliebten Buchlesungen und Vorstellung eines Filmes über seine Geschichten in Thüringen dabei war, wollte es der Zufall, dass in der gleichen Woche sein Einzug in die berühmte, doch in Wirklichkeit gar nicht existierende, „Hall of Fame“ von einer zusammengestellten Jury aus dem „Osten“ und „Westen“ abgelehnt wurde, das eher die Anwesenden entrüstete, statt ihn selbst! „Dafür hat man mir kürzlich in Magdeburg an einer besonderen Stelle ein Andenken aus Gold in den Fußweg verlegt, das mich schon mit Stolz erfüllt“, war seine damalige einfache Antwort!

Weil gerade in diesen Tagen auch die zweite und wohl auch letzte Ablehnung erfolgte, dorthin Eingang zu bekommen, wird dieser außergewöhnliche Sportsmann, dem man gern zwei Gesichter nachsagt, wohl auch das noch verkraften können...

Als der Autor dieser Zeilen ihn deshalb in dieser Woche nach seiner Meinung dazu persönlich fragte, sprach er in seiner unnachahmlichen Art nur: „Kämpfer, mach dir mal keine Sorgen und bleibe ruhig! Ob allerdings alle geehrten Leute, die in die (unsichtbare) Ruhmeshalle des Sportes bisher aufgenommen wurden, wirklich eine völlig unbefleckte Vergangenheit haben, sei dahingestellt.....“

So reagiert eben ein „Täve“, dem gestern in der Abendsendung des MDR nicht gerade zufällig ein großer Beitrag gewidmet wurde, wo er zu Gast bei seinen Freunden der Volkssternwarte im sächsischen Drebach war und sich auf seinem „Drahtesel“ der moderneren Art den perfekt organisierten sportlichen Herausforderungen stellte. Er erhielt in diesem erzgebirgischen Ort, fünf Jahre nach der Entdeckung des „ Astreoiden 2000 UR“, eine besondere Auszeichnung, indem dieser den Namen der seltenen Legende des Sportes erhielt, der übrigens gern mindestens 100 Jahre alt werden möchte.
Hans-Ulrich Klemm
Autor: red

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