Botanischer Schnappschuss
Herbst-Wendelorchis und Feld-Enzian
Samstag, 02. September 2017, 09:12 Uhr
Vom Feld-Enzian (Gentianella campestris) gibt es in ganz Thüringen aktuell möglicherweise nur sieben blühende Pflanzen an gerademal zwei verbliebenen bzw. noch regelmäßig besetzten Wuchsorten. Von der unscheinbaren, kleinen Orchideenart Herbst-Wendelorchis (Spiranthes spiralis) sind laut Flora von Thüringen noch fünf Wuchsorte bekannt...
Der Feld-Enzian (Gentianella campestris, links) und die Herbst-Wendelorchis (Spiranthes spiralis, rechts), sind in ganz Mitteleuropa stark gefährdet. (Foto: Bodo Schwarzberg)
Der Feld-Enzian (Gentianella campestris, links) und die Herbst-Wendelorchis (Spiranthes spiralis, rechts), sind in ganz Mitteleuropa stark gefährdet.
Beide Arten stehen in der Roten Liste des Freistaates in der Kategorie 1, das heißt, sie sind vom Aussterben bedroht. Die Politik hat keinen Anteil daran, dass dieses Foto möglich ist.
Ein Foto, auf dem Exemplare beider Arten unmittelbar nebeneinander zu sehen sind, ist eine ähnliche Rarität, wie die beiden Arten selbst. Das Bild entstand gestern im Kyffhäusergebiet.
Aber nicht nur in Thüringen sind die Arten extrem selten. Selbst mitteleuropaweit gelten sie laut entsprechenden Publikationen als stark gefährdet. Beide Arten besiedeln artenreiche, kurzrasige und nährstoffarme Halbtrockenrasen auf basischem, aber nicht kalkhaltigem Untergrund. Die Begriffe Kurzrasigkeit und Magerkeit in Verbindung mit Artenreichtum haben als reale Zustände längst Seltenheitswert. Die betrügerisch verursachten, übersteigerten Emissionen von Stickoxiden aus Autos sind gerade in aller Munde. Auch sie dürften einen gewissen Anteil am ungebremsten Artenrückgang haben. Hinzu kommt die Belastung der Ökosysteme durch die Überdüngung unserer Äcker, die sich eben nicht nur, wie in immer mehr Gebieten, auf das Grundwasser auswirkt, sondern auch auf die allgemeine Biodiversität.
Speziell beim Feld-Enzian steht die Erhaltung für den Freistaat auf Messers Schneide. Mit großem Aufwand werden seine beiden letzten Wuchsorte artgerecht bewirtschaftet, das heißt, einmal jährlich gemäht und mit Schafen beweidet.
Früher war die unbewusst artgerechte Bewirtschaftung die gängige Wirtschaftsweise. Heute müssen die Beweidungstermine von uns Ehrenamtlichen über die Naturschutzbehörden bzw. direkt mit den Schäfern aufwändig koordiniert werden, um die letzten Wuchsorte nicht auch noch zu verlieren. An beiden Wuchsorten des Feld-Enzians funktioniert dies gut. Zudem konnte mit Erfolg eine Erhaltungskultur in einem Botanischen Garten zur Samengewinnung aufgebaut werden - auch ehrenamtlich initiiert. An den dort kultivierten Pflanzen reifen Samen für die Stützung der beiden verbliebenen Bestände in Thüringen heran. Im vergangenen Jahr zählten wir an beiden Wuchsorten insgesamt 50 Exemplare. Die Zahlen schwanken recht stark, was eine Erfolgskontrolle erschwert.
Möglicherweise gelingt es uns, den Genotyp dieser einst stellenweise sehr häufigen Art trotz aller Widrigkeiten zu erhalten.
Besser aber wäre es, wenn wir unsere Wirtschaftsweise verändern würden. Denn wir selbst sind es, die von stabilen, artenreichen Ökosystemen unmittelbar profitieren. Auch in Thüringen gibt es hier unübersehbare Widersprüche, unabhängig von der Farbe der Regierungsparteien. Denn auch hier ist die intensive Landwirtschaft unter dem Strich fast ein Tabuthema.
Man rechnet sieben Insektenarten pro Pflanzenart. Die Bestäubungsleistungen der Insekten sind weltweit in Milliarden Dollar zu messen. Wirtschaftliches Arbeiten hat enorm viel mit Natur- und Umweltschutz zu tun. Und der Natur sind Legislaturperioden fremd.
Kennen Sie den Flaschenhalseffekt? Das ist ein Begriff aus der Ökologie: Eine auf wenige Individuen dezimierte Population kann auch durch relativ winzige Ereignisse ausgelöscht werden. Sie befindet sich in einem (engen) Flaschenhals. Der Aufwand, um diesem Effekt entgegenzuwirken, ist entsprechend hoch. Ein oder zwei extrem trockene Jahre, und schon könnte es daher mit dem Feld-Enzian endgültig vorbei sein in Thüringen. Eine kleine Population ist nicht flexibel genug, um so etwas zu überstehen.
Deswegen ist es unser Anliegen, mit den uns zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, schnell wieder viele Exemplare des Feld-Enzians erblühen zu lassen. All dies, außer der Beweidung, erfolgt durch uns ehrenamtlich. Leider stehen, so das Ergebnis von entsprechenden Anfragen, kaum Mittel für die Erhaltung von Wuchsorten bedrohter Arten zur Verfügung. Oder aber Projekte sind zeitlich auf wenige Jahre begrenzt. Kontinuität über größere Zeiträume aber ist eine entscheidende Voraussetzung für Erfolge. Stellt man den bürokratischen und zeitlichen Aufwand für die Vorbereitung solcher Projekte daneben, ist es also schwer, ein effektives Fazit ziehen zu können.
Am Ende obliegt es vielfach dem Idealismus einiger weniger Ehrenamtlicher, um so manche politische Willensbekundung auf dem Naturschutzsektor ganz konkret in die Tat umzusetzen. Damit Fotos, wie das obige, wieder häufiger möglich sind.
Bodo Schwarzberg
Autor: red
Der Feld-Enzian (Gentianella campestris, links) und die Herbst-Wendelorchis (Spiranthes spiralis, rechts), sind in ganz Mitteleuropa stark gefährdet. (Foto: Bodo Schwarzberg)
Der Feld-Enzian (Gentianella campestris, links) und die Herbst-Wendelorchis (Spiranthes spiralis, rechts), sind in ganz Mitteleuropa stark gefährdet. Beide Arten stehen in der Roten Liste des Freistaates in der Kategorie 1, das heißt, sie sind vom Aussterben bedroht. Die Politik hat keinen Anteil daran, dass dieses Foto möglich ist.
Ein Foto, auf dem Exemplare beider Arten unmittelbar nebeneinander zu sehen sind, ist eine ähnliche Rarität, wie die beiden Arten selbst. Das Bild entstand gestern im Kyffhäusergebiet.
Aber nicht nur in Thüringen sind die Arten extrem selten. Selbst mitteleuropaweit gelten sie laut entsprechenden Publikationen als stark gefährdet. Beide Arten besiedeln artenreiche, kurzrasige und nährstoffarme Halbtrockenrasen auf basischem, aber nicht kalkhaltigem Untergrund. Die Begriffe Kurzrasigkeit und Magerkeit in Verbindung mit Artenreichtum haben als reale Zustände längst Seltenheitswert. Die betrügerisch verursachten, übersteigerten Emissionen von Stickoxiden aus Autos sind gerade in aller Munde. Auch sie dürften einen gewissen Anteil am ungebremsten Artenrückgang haben. Hinzu kommt die Belastung der Ökosysteme durch die Überdüngung unserer Äcker, die sich eben nicht nur, wie in immer mehr Gebieten, auf das Grundwasser auswirkt, sondern auch auf die allgemeine Biodiversität.
Speziell beim Feld-Enzian steht die Erhaltung für den Freistaat auf Messers Schneide. Mit großem Aufwand werden seine beiden letzten Wuchsorte artgerecht bewirtschaftet, das heißt, einmal jährlich gemäht und mit Schafen beweidet.
Früher war die unbewusst artgerechte Bewirtschaftung die gängige Wirtschaftsweise. Heute müssen die Beweidungstermine von uns Ehrenamtlichen über die Naturschutzbehörden bzw. direkt mit den Schäfern aufwändig koordiniert werden, um die letzten Wuchsorte nicht auch noch zu verlieren. An beiden Wuchsorten des Feld-Enzians funktioniert dies gut. Zudem konnte mit Erfolg eine Erhaltungskultur in einem Botanischen Garten zur Samengewinnung aufgebaut werden - auch ehrenamtlich initiiert. An den dort kultivierten Pflanzen reifen Samen für die Stützung der beiden verbliebenen Bestände in Thüringen heran. Im vergangenen Jahr zählten wir an beiden Wuchsorten insgesamt 50 Exemplare. Die Zahlen schwanken recht stark, was eine Erfolgskontrolle erschwert.
Möglicherweise gelingt es uns, den Genotyp dieser einst stellenweise sehr häufigen Art trotz aller Widrigkeiten zu erhalten.
Besser aber wäre es, wenn wir unsere Wirtschaftsweise verändern würden. Denn wir selbst sind es, die von stabilen, artenreichen Ökosystemen unmittelbar profitieren. Auch in Thüringen gibt es hier unübersehbare Widersprüche, unabhängig von der Farbe der Regierungsparteien. Denn auch hier ist die intensive Landwirtschaft unter dem Strich fast ein Tabuthema.
Man rechnet sieben Insektenarten pro Pflanzenart. Die Bestäubungsleistungen der Insekten sind weltweit in Milliarden Dollar zu messen. Wirtschaftliches Arbeiten hat enorm viel mit Natur- und Umweltschutz zu tun. Und der Natur sind Legislaturperioden fremd.
Kennen Sie den Flaschenhalseffekt? Das ist ein Begriff aus der Ökologie: Eine auf wenige Individuen dezimierte Population kann auch durch relativ winzige Ereignisse ausgelöscht werden. Sie befindet sich in einem (engen) Flaschenhals. Der Aufwand, um diesem Effekt entgegenzuwirken, ist entsprechend hoch. Ein oder zwei extrem trockene Jahre, und schon könnte es daher mit dem Feld-Enzian endgültig vorbei sein in Thüringen. Eine kleine Population ist nicht flexibel genug, um so etwas zu überstehen.
Deswegen ist es unser Anliegen, mit den uns zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, schnell wieder viele Exemplare des Feld-Enzians erblühen zu lassen. All dies, außer der Beweidung, erfolgt durch uns ehrenamtlich. Leider stehen, so das Ergebnis von entsprechenden Anfragen, kaum Mittel für die Erhaltung von Wuchsorten bedrohter Arten zur Verfügung. Oder aber Projekte sind zeitlich auf wenige Jahre begrenzt. Kontinuität über größere Zeiträume aber ist eine entscheidende Voraussetzung für Erfolge. Stellt man den bürokratischen und zeitlichen Aufwand für die Vorbereitung solcher Projekte daneben, ist es also schwer, ein effektives Fazit ziehen zu können.
Am Ende obliegt es vielfach dem Idealismus einiger weniger Ehrenamtlicher, um so manche politische Willensbekundung auf dem Naturschutzsektor ganz konkret in die Tat umzusetzen. Damit Fotos, wie das obige, wieder häufiger möglich sind.
Bodo Schwarzberg
