Young Parzival
Weltliteratur im Schleudergang
Sonntag, 13. Januar 2019, 14:00 Uhr
Mit rund 25.000 Versen und einem Alter von stolzen 800 Jahren plus x ist der "Parzival" von Wolfram von Eschenbach ein echtes Schwergewicht der Weltliteratur. Vor allem schwer verdaulich, wenn man nicht gerade seinen Abschluss in Mediävistik gemacht hat. Dass der uralte Stoff auch im 21. Jahrhundert noch zugänglich sein kann, das kann man seit gestern im Nordhäuser Theater erleben...
"Young Parzival" feierte gestern Abend im Theater unterm Dach Premiere (Foto: Hermann Posch/Landestheater Linz)
Sven Mattke als "Young Parzival" Foto: Hermann Posch/Landestheater Linz
ist Zwîfel herzen nâchgebûr, daz muoz der sêle werden sûr. gesmæhet unde gezieret ist, swâ sich parrieret unverzaget mannes muot, als agelstern varwe tuot - Wolfram von Eschenbach
Wer obige Zeilen aus dem Gedächtnis zu rezitieren vermag, ohne dabei mehrfach über die eigene Zunge zu stolpern, für den ist "Young Parzival" vielleicht eher nichts. Freunde von mutigen Neuinterpretationen alter Stoffe sollten hingegen durchaus auf ihre Kosten kommen, der "junge Parzival" ist genau das: jung, frech, schnell und ungewöhnlich.
Zu seiner Uraufführung im Landestheater Linz lief die Inszenierung des hochmittelalterlichen Epos von Nele Neitzke unter dem Titel "Junge Klassiker - Parzival Short Cuts". "Short cuts" wie "kurze Schnitte" oder "Abkürzungen". Und das trifft den Kern der Herangehensweise ganz gut. Statt zig Charakteren mit nahezu unausprechlichen Fantasienamen des Mittelalters (Lischoys Gwelljus, Plippalinot, Klingsor und Feirefiz um nur einige zu nennen), steht nur ein einziger Schauspieler mit einem ganz ordinären Namen auf der Bühne, Sven Mattke. Der ist Protagonist und Erzähler in einem und kondensiert die Geschichte vom Parzival mit viel Verve und jeder Menge Energie auf ihre Kernpunkte.
Ritter wird plötzlich verheiratet, geht aber lieber auf Abenteuer und beißt dabei ins Gras. Frau wird Mutter und will ihr Kind von der Welt der Burgen und Turniere fernhalten. Kind ist nicht das schärfste Messer im Besteckkasten, trifft eines Tages im Wald einen Trupp Ritter, denkt sie wären Gott und zieht aus selber ein geharnischter Recke zu werden. Aus Kind wird Ritter, Ritter versteht so manches falsch, macht aber trotzdem alles platt, was sich ihm im den Weg stellt. Ritter findet Liebe und den Gral, vermasselt aber auch das. Ritter geht auf laaange Suche und findet: nichts. Ritter besinnt sich, wird erwachsen und findet Glück, Liebe und den Gral, ohne wie besessen danach gesucht zu haben.
Als Dreingabe gibt es jede Menge andere Recken, die eine oder andere Burg, König Arthus, der gerne Party macht und runde Tische mag, einen fiesen Gralsgeist und manch junge Dame in Not. "Young Parzival" ist darauf ausgelegt, ein schweres Stück Weltliteratur in einer verdaubaren und unterhaltsamen Form auf die Bühne zu bringen. Mit besonderem Blick auf das jüngere, sprich Jugendliche, Publikum. Sehr viel jünger sollte die Zuschauer auch nicht sein, die Inszenierung ist nichts für allzu zarte Gemüter, es spritzt das Blut, die Anspielungen auf amouröse Abenteuer sind eher eindeutig und am Ende sieht die Bühne aus wie ein wildes Schlachtfeld, wenn Sven Mattke die wenigen Requisiten vollends ausgereizt hat.
Bei allem Spaß geht es im Kern um Fragen, die heute noch so wichtig sind wie ehedem. Wo stehe ich in der Welt? Wie gehe ich mit meinen Mitmenschen um? Was ist Glück und wie finde ich es? Muss ich mein Glück überhaupt suchen oder war es die ganze Zeit schon da und ich war nur zu geblendet es zu sehen? Für die Theatermacher verbindet den unsteten stetig wandernden Parzival vieles mit der heutigen Jugend und ihren existenziellen Fragen.
Dem Jugendalter lang entwachsenem Publikum bietet der "junge Parzival" vor allem die Möglichkeit, den unterhaltsamen Abriss eines Riesenwerkes zu genießen, das man zwar vielleicht im Bücherregal stehen hat, aber, seien wir ehrlich, vermutlich nie zur Hand nehmen wird. Die Übersetzung unserer Eingangs zitierten Zeilen liefert das Bühnenstück übrigens schon in den ersten fünf Minuten, danach gehts Hochdeutsch weiter:
Wenn das Herz mit Zweifeln lebt
so wird es für die Seele herb
Häßlich ist es und ist schön
wo der Sinn des Manns von Kraft
gemischt ist, farblich kontrastiert
gescheckt wie eine Elster"
"Young Parzival" im Theater unterm Dach wird das nächste mal am Dienstag, den 22.01., wie auch an den folgenden Terminen jeweils um 10 Uhr aufgeführt. Die nächste und letzte Spätvorstellung folgt am 23.02. im TuD um 19.30 Uhr.
Angelo Glashagel
Autor: red
"Young Parzival" feierte gestern Abend im Theater unterm Dach Premiere (Foto: Hermann Posch/Landestheater Linz)
Sven Mattke als "Young Parzival" Foto: Hermann Posch/Landestheater Linz
ist Zwîfel herzen nâchgebûr, daz muoz der sêle werden sûr. gesmæhet unde gezieret ist, swâ sich parrieret unverzaget mannes muot, als agelstern varwe tuot - Wolfram von Eschenbach
Wer obige Zeilen aus dem Gedächtnis zu rezitieren vermag, ohne dabei mehrfach über die eigene Zunge zu stolpern, für den ist "Young Parzival" vielleicht eher nichts. Freunde von mutigen Neuinterpretationen alter Stoffe sollten hingegen durchaus auf ihre Kosten kommen, der "junge Parzival" ist genau das: jung, frech, schnell und ungewöhnlich.
Zu seiner Uraufführung im Landestheater Linz lief die Inszenierung des hochmittelalterlichen Epos von Nele Neitzke unter dem Titel "Junge Klassiker - Parzival Short Cuts". "Short cuts" wie "kurze Schnitte" oder "Abkürzungen". Und das trifft den Kern der Herangehensweise ganz gut. Statt zig Charakteren mit nahezu unausprechlichen Fantasienamen des Mittelalters (Lischoys Gwelljus, Plippalinot, Klingsor und Feirefiz um nur einige zu nennen), steht nur ein einziger Schauspieler mit einem ganz ordinären Namen auf der Bühne, Sven Mattke. Der ist Protagonist und Erzähler in einem und kondensiert die Geschichte vom Parzival mit viel Verve und jeder Menge Energie auf ihre Kernpunkte.
Ritter wird plötzlich verheiratet, geht aber lieber auf Abenteuer und beißt dabei ins Gras. Frau wird Mutter und will ihr Kind von der Welt der Burgen und Turniere fernhalten. Kind ist nicht das schärfste Messer im Besteckkasten, trifft eines Tages im Wald einen Trupp Ritter, denkt sie wären Gott und zieht aus selber ein geharnischter Recke zu werden. Aus Kind wird Ritter, Ritter versteht so manches falsch, macht aber trotzdem alles platt, was sich ihm im den Weg stellt. Ritter findet Liebe und den Gral, vermasselt aber auch das. Ritter geht auf laaange Suche und findet: nichts. Ritter besinnt sich, wird erwachsen und findet Glück, Liebe und den Gral, ohne wie besessen danach gesucht zu haben.
Als Dreingabe gibt es jede Menge andere Recken, die eine oder andere Burg, König Arthus, der gerne Party macht und runde Tische mag, einen fiesen Gralsgeist und manch junge Dame in Not. "Young Parzival" ist darauf ausgelegt, ein schweres Stück Weltliteratur in einer verdaubaren und unterhaltsamen Form auf die Bühne zu bringen. Mit besonderem Blick auf das jüngere, sprich Jugendliche, Publikum. Sehr viel jünger sollte die Zuschauer auch nicht sein, die Inszenierung ist nichts für allzu zarte Gemüter, es spritzt das Blut, die Anspielungen auf amouröse Abenteuer sind eher eindeutig und am Ende sieht die Bühne aus wie ein wildes Schlachtfeld, wenn Sven Mattke die wenigen Requisiten vollends ausgereizt hat.
Bei allem Spaß geht es im Kern um Fragen, die heute noch so wichtig sind wie ehedem. Wo stehe ich in der Welt? Wie gehe ich mit meinen Mitmenschen um? Was ist Glück und wie finde ich es? Muss ich mein Glück überhaupt suchen oder war es die ganze Zeit schon da und ich war nur zu geblendet es zu sehen? Für die Theatermacher verbindet den unsteten stetig wandernden Parzival vieles mit der heutigen Jugend und ihren existenziellen Fragen.
Dem Jugendalter lang entwachsenem Publikum bietet der "junge Parzival" vor allem die Möglichkeit, den unterhaltsamen Abriss eines Riesenwerkes zu genießen, das man zwar vielleicht im Bücherregal stehen hat, aber, seien wir ehrlich, vermutlich nie zur Hand nehmen wird. Die Übersetzung unserer Eingangs zitierten Zeilen liefert das Bühnenstück übrigens schon in den ersten fünf Minuten, danach gehts Hochdeutsch weiter:
Wenn das Herz mit Zweifeln lebt
so wird es für die Seele herb
Häßlich ist es und ist schön
wo der Sinn des Manns von Kraft
gemischt ist, farblich kontrastiert
gescheckt wie eine Elster"
"Young Parzival" im Theater unterm Dach wird das nächste mal am Dienstag, den 22.01., wie auch an den folgenden Terminen jeweils um 10 Uhr aufgeführt. Die nächste und letzte Spätvorstellung folgt am 23.02. im TuD um 19.30 Uhr.
Angelo Glashagel
