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Wer ist wir?

Montag, 28. Januar 2019, 10:00 Uhr
Ich achte Manfred Kappler aus Ilfeld. Der Mann redet nicht nur für den Umwelt-, Natur- und Klimaschutz, er lebt ihn auch. Er ist für mich authentisch. Doch muss angesichts seines heutigen Leserbriefs allgemein die Frage erlaubt sein: Wer ist wir...

AKW in Europa (Foto: Global 2000 mit Google Maps erstellt) AKW in Europa (Foto: Global 2000 mit Google Maps erstellt)
Die deutschen Handballer sind leider nicht Weltmeister geworden. Das bedauere ich. Dafür aber wollen wir in vielen anderen Spären dieses gesellschaftlichen Zusammenseins Weltmeister sein, oder zumindest werden. Meist unter der Devise: koste es was es wolle.

Aktuell wollen wir das Weltklima retten. Die Atomkraftwerke haben wir erledigt. Nur noch vier Standorte gibt es, das letzte, Neckarwestheim 2, soll Ende 2022 abgeschaltet werden. An diesen Ausstieg haben wir uns gewöhnt, der war politisch nicht gewollt, sondern durch eine Katastrophe in Japan begründet. Dass die deutschen Meiler die sichersten der Welt waren und sind, spielte dabei keine Rolle. Dass die Unternehmen als Betreiber kaum wirtschaftliche Einbußen zu verzeichnen hatten, war lediglich dem Umstand geschuldet, dass wir als Steuerzahler zur Kasse geben wurden. Dass in Deutschland die höchsten Energiekosten, vor allem durch die Normal-Verbraucher gezahlt werden - auch egal. Uns geht es so gut wie zuvor in der Geschichte dieses Landes.

Jetzt geht es den Kohlekraftwerken an den Kragen. Das hat die Kohlekommission so beschlossen. Und wieder wird gejubelt, denn wieder wird die Umwelt entlastet, wieder ist Deutschland das Vorzeigeland. Und wer glaubt, dass die wegfallenden Arbeitsplätze im Westen wie im Osten ersetzt werden, dass plötzlich (wieder einmal) blühende Landschaften entstehen sollen, dem kann schon jetzt nicht mehr geholfen werden. Den Versprechungen von Politikern zu glauben, ist blauäugig, vor allem in Jahren, in denen viel gewählt wird.

Ich würde nahezu jede Wette eingehen, dass die selbsternannten Retter der Umwelt nicht kleinbeigeben werden und in wenigen Monaten die Abschaffung der Gaskraftwerke fordern, da ja auch hier fossile Brennstoffe zum Einsatz kommen. Es ist wie bei den Dieselautos, erst Euro IV und V, bald Euro VI und dann die Benziner.

Doch die Welt ist mehr als Deutschland. Und so sind es einige kleine Meldungen dieses Wochenendes, die stutzig machen. Bleiben wir bei den Dieseln. Die seit 2017 eingetauschten und stillgelegten Autos, die findet man zunehmend in Osteuropa. Und da muss man nicht weit fahren, um die Spur der angeblich dreckigen deutschen Diesel aufzunehmen. Laut eines Gebrauchtwagenhändlers, einem der Großen der Branche, stammen mehr als 60 Prozent der Importgebrauchtwagen in Tschechien aus Deutschland. Und von denen haben mehr als 60 Prozent einen Dieselantrieb. In Rumänien soll die Zahl der neu zugelassenen Dieselfahrzeuge innerhalb nur eines Jahres um 31.000 gestiegen sein.

Beispiel Energiepolitik. Während Deutschland die mit Kohle befeuerten Grundlastkraftwerke fast gänzlich vom Netz nehmen will, befinden sich fast 500 Kohlekraftwerke weltweit im Bau, weitere 790 sollen sich in Planung befinden. Gucken wir einfach nach Polen. Das sollte reichen.


Das gleiche Bild bietet sich mit dieser Karte. Deutschland wird der Saubermann, rund herum laufen die Atom-Meiler locker weiter. Deren Betreiber warten nur darauf, dass Deutschland ihnen den preiswerten Strom abkauft, vielleicht kaufen wir auch den aus Polen. Die haben zwar keine AKW, dafür aber jede Menge Kohle. Letztlich soll ja global gedacht werden.

Apropos global: Ich kann nicht verstehen, warum wir Deutschen die Welt retten sollen und warum wir annehmen, unsere Bemühungen werden das Weltklima auch nur um ein Prozent beeinflussen. Bis zum Ende des Kohleausstiegs werden sich laut einer Studie die Ausstöße von klimaschädlichen Gasen um ein Drittel erhöhen, werden weitere Millionen Hektar Regenwald gerodet, werden in Deutschland viele Hektar Wald abgeholzt, damit mehr Platz für Windräder entstehen kann.

Ganz klar, der immer noch überwiegende Teil dessen, was derzeit verbrannt wird, um Energie zu erzeugen, ist endlich. Wer sich dem verschließt ist blind. Aber inselstaatlicher Aktionismus wie in Deutschland ist fatal, weil Energie nicht erschaffen, sondern nur umgewandelt werden kann. Statt immer mehr Windräder zu bauen, deren Strom kaum noch abgeleitet werden kann, statt immer mehr Gewerbegebiete mit Solaranlagen zupflastern, sollten die Forschungen nach anderen, doch natürlichen und vor allem unversiegbaren Energieformen staatlich gefördert und unterstützt werden. Denn in jedem Wasserstoffatom steckt vermutlich mehr Energie als in einem Kubikmeter Braun- oder Steinkohle. Alles andere ist Aktionismus und politischer Starrsinn, auf den der Rest der Welt vielleicht nur noch mitleidig reagiert und die globalen Mitbewerber deutscher Unternehmen nur schmunzeln werden.

Ach ja - Schülerinnen und Schüler protestierten am Freitag in mehreren europäischen Städten. Ein löbliches Unterfangen. Aber dieses Engagement sollte Gesetze nicht aushebeln. Noch gilt in Deutschland die Schulpflicht. Ich wünschte mir die nächsten Demos bitte an einem Donnerstagnachmittag oder Sonntagvormittag. Das wäre ehrlich.
Peter-Stefan Greiner
Autor: red

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