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tlv-Chef Busch hält den Termin nächsten Montag für unverantwortlich

Streit um Schulöffnungen

Mittwoch, 17. Februar 2021, 07:00 Uhr
Obwohl viele Lehrer im Freistaat lieber heute als morgen wieder mit dem Unterricht beginnen würden, um die immensen Ausfälle noch irgendwie zu kompensieren oder wenigstens abzumildern, steht der Thüringer Lehrerverband dem Schulstart nächsten Montag kritisch gegenüber. Unterstützung erhält er in seinen Forderungen von der Landes-CDU

Über Zeitpunkt und Modalitäten der Schulöffnung wird weiter gestritten (Foto: White77 auf pixabay)

„Es ist also ernst: Man will die Grundschulen und Kitas ab dem 22. Februar wieder öffnen, obwohl zum Beispiel im Saale-Orla-Kreis die 7-Tage-Inzidenz aktuell bei über 170 liegt. Hat man denn immer noch nichts gelernt?“, schimpft Rolf Busch von der Thüringer Lehrergewerkschaft (tlv). Im Dezember hätten die Bundesländer unter sehr aktiver Beteiligung des Thüringer Ministerpräsidenten in einer Art Überbietungswettbewerb statt den ursprünglich angedachten Grenzwerten von 35 und 50 den Inzidenzwert 200 in den Beschluss der Ministerpräsidentenkonferenz gezaubert, moniert er. „Die Folge für die Thüringer Schulen war, dass ab 200 die Stufe Gelb galt also eingeschränkter Regelbetrieb. Erst nach der dann folgenden dramatischen Entwicklung der Zahlen hat Ministerpräsident Ramelow erkannt, dass die Kanzlerin recht und er unrecht hatte.“

Jetzt habe er gehofft, dass wenigstens ein Inzidenzwert von 100 unterschritten sein muss, bevor die Schulen von Stufe Rot in Stufe Gelb wechseln. Aber stattdessen ziehe sich die Politik ganz aus der Verantwortung: Der Druck zur schnellen Öffnung der Schulen, der auf die Politiker ausgeübt wird, werde nach Buschs Einschätzung leichtfertig an die Schulen weitergegeben. Ein Impfangebot für das Personal in den Schulen wird jetzt ja wenigstens diskutiert. „Es ist allerdings wieder so wie in den ganzen Monaten zuvor: Beschlüsse treten in Kraft, und dann erst folgen deutlich später eventuell Maßnahmen.“, sagte Busch.

Unterstützung bekommt er von der CDU-Fraktion im Thüringer Landtag. Deren Chef, Prof. Dr. Mario Voigt fordert ein schnelleres Impfangebot für die Thüringer Lehrkräfte. „Jetzt, wo absehbar ist, dass die Thüringer Schulen und Kindergärten wieder öffnen, müssen Lehrer und Erzieher so schnell wie möglich geimpft werden können. Wer täglich an vorderster Linie im Einsatz ist, muss so gut wie möglich geschützt werden“, verlangte Voigt heute. „Die Landesregierung muss hier auch durch eigene Schwerpunkte bei der Priorisierung ein Zeichen setzen. Unsere Schulen und Kindergärten haben neben dem Bildungsauftrag jetzt auch eine riesige soziale Aufgabe zu stemmen. Es ist nun an den Pädagogen, unsere Kinder behutsam in Normalität und Alltag zurückzuführen.“,

Für Rolf Busch reichen schnellere Impfungen jedoch nicht aus, denn die Hilfe in Form von zusätzlichem Personal und funktionierendem Schülerverkehr fehlte immer noch. Gleichzeitig blieben aber die massiven Einschränkungen bei pädagogischem Personal, das nicht unmittelbar zur Schule gehört, unverändert bestehen: Kolleginnen und Kollegen, die normalerweise an mehreren Schulen arbeiten, dürften nur an einer eingesetzt werden das beträfe beispielsweise Personal im gemeinsamen Unterricht, aber auch Schulsozialarbeiter. „Das Vertrauen in die Politik wird dadurch weiter beschädigt. Die Erfüllung der durchaus verständlichen Forderung nach einer schnelleren Öffnung der Schulen und Kitas ist unter diesen Bedingungen nicht zu verantworten. Wir erwarten deshalb, dass erst die notwendigen Bedingungen geschaffen werden vor allem Impfmöglichkeiten bevor ein derartiger Beschluss umgesetzt wird.“, stellt Rolf Busch abschließend dar.

Der bildungspolitische Sprecher der Landtags-CDU, Christian Tischner, verweist dazu auf den 20-Punkte-Plan, den die Unionsfraktion vor wenigen Tagen vorgelegt hat. Dies sei ein umfassender Ansatz zur inzidenzbasierten, stufenweisen Öffnung der Thüringer Schulen und er sähe zahlreiche weitere Sofortmaßnahmen vor, um deren Umsetzung die Landesregierung sich nun schnell kümmern müsse. „Ich erwarte vom Thüringer Bildungsminister, dass er jetzt parallel mit Hochdruck an einer umfangreichen Teststrategie und der Entzerrung des Schülerverkehrs arbeitet. Die Schulen einfach nur aufzumachen, ist noch kein langfristig funktionierendes Konzept. Je mehr Klassenstufen im Präsenzunterricht sind, desto wichtiger wird die schnelle Umsetzung des Dreiklangs aus Impfen, Testen und dem Ausbau der Transportkapazitäten.“ Die entsprechenden finanziellen Mittel dafür müsse die Landesregierung nun zügig bereitstellen. Vorgesehen seien sie im Landeshaushalt, jetzt müssten sie auch eingesetzt werden, fordert Tischner.

Auch die Bildungsgewerkschaft GEW kritisiert den geplanten Schulbeginn am kommenden Montag scharf.
„Bis zum Schluss haben wir Ministerpräsident Bodo Ramelow und Bildungsminister Helmut Holter gute Argumente geliefert, den eingeschränkten Regelbetrieb ab dem 22. Februar 2021 als Wechselmodell festzuschreiben. Es ist uns nicht gelungen. Kindergärten und Grundschulen öffnen nun in voller Besetzung, ohne dass die Voraussetzungen für sichere Arbeit vollumfänglich geschaffen wurden. Das Prinzip Hoffnung darf in einer Pandemie nicht die Leitplanke von weitreichenden Entscheidungen sein“, kommentiert Kathrin Vitzthum, Landesvorsitzende der GEW Thüringen, den Beschluss der Landesregierung.

Die Auflage für den eingeschränkten Regelbetrieb heißt nun nur noch, das feste beständige Gruppen mit einem festen pädagogischen Team arbeiten. Die Gruppen und Klassen umfassen die volle Zahl der Kinder. Ohne zusätzliche Schutzmaßnahmen und angesichts der mittlerweile bekannten Virusmutationen hält die GEW diese Entscheidung für fahrlässig. Auch wenn die Situation für Familien belastend sei, müsse die Vermeidung von Infektionen oberste Priorität haben. Durch die volle Präsenz steigt die Zahl der Kontakte erheblich an und hat im Infektionsfalle möglicherweise fatale Konsequenzen für die Betroffenen und deren Angehörige, befürchten die Gewerkschafter.

„Und auch pädagogisch ist der Einstieg mit kleinen festen Gruppen und Klassen sinnvoll. Wer nicht glaubt, dass an Kindern die angespannte Situation spurlos vorübergeht, wer sich Sorgen um mögliche Lernrückstände macht, muss dafür Sorge tragen, dass Bildungseinrichtungen sichere Lernräume sind. Mit Angst lernt es sich noch weniger gut als allein zu Hause“, so Kathrin Vitzthum.

Die GEW Thüringen favorisiert in der aktuellen Situation den Wechselunterricht für alle Klassenstufen. Allerdings ist er auch in den Klassenstufen 5 und 6 nicht verpflichtend. Begründet wird dies mit einer höheren Wahlfreiheit der Schulen, aber das sehen wir angesichts der momentanen Situation des Infektionsgeschehens als falsch und vorgeschoben an. Erst wenn der Inzidenzwert stabil unter 50 pro 100.000 Einwohner*innen liegt, sollte über eine Öffnung für alle nachgedacht werden. Die zu erwartende dritte Welle und damit erneut verschärfte Eindämmungsmaßnahmen müssen vermieden und nicht provoziert werden. Olaf Schulze

Quelle: tlv / CDU LTF

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