Betrachtet:
Ein Jahr des Versagens
Samstag, 13. März 2021, 12:00 Uhr
In den einschlägigen Medien wird in diesen Tagen der erste Corona-Jahrestag gebührend gewürdigt. Mit Kommentaren, mit Artikeln, mit Geschichten und bunten Grafiken. Für mich sind diese zurückliegenden 12 Monate leider kein Grund irgendeiner Würdigung, für mich sind die vergangenen 365 Tage nur eines: Tage des Versagens…
Ich habe mal mit einem Bekannten geunkt, dass wir beide eigentlich auch die Bundesregierung sein könnten. Zugegeben, den stressigen Job unseres Außenministers hätten wir beide nicht machen wollen. Ständig im neuen Jet unterwegs und täglich auf Twitter irgendwas bedauern, kritisieren, Abscheu äußern oder empört sein. Da hatten es die Kolleginnen und Kollegen von Herrn Maaß nicht so einfach, selbst der Präsident dieser Republik musste nur ab uns zu vors Mikro, um uns zu mahnen oder eine Kerze anzünden. Ja, ja, all das ist schon Stress.
Doch, wenn wir beide die Bundesregierung wären, mein Kumpel Bernd und ich wir hätten das Corona-Problem, das der verantwortliche Minister noch zum Jahreswechsel 2019/20 zur mittelschweren Grippe runtergeredet hatte, mindestens genauso gut gelöst oder eben nicht gelöst.
Im Grunde genommen ganz einfach: Wohlgesonnene Fachleute hätten uns beraten, die maßgeblichen Fakten und Zahlen immer mal wieder neu ausgewürfelt und wir als Duo hätten entweder mit den Daumen nach unten (Zumachen) oder nach oben (Aufmachen) gezeigt. Ganz einfach also. Inzwischen hätten wir die Fachleute nochmal ausgetauscht, hätten mal den R-Wert, mal die DIVI-Statistiken bemüht. Bis dann der konstruierte Inzidenzwert endlich eine wissenschaftlich fundierte Entscheidungsgrundlage war, die politisch - je nach unserer beiden Laune - umgesetzt würde.
Bis heute sagen auch dem Bernd und mir die Zahlen von 0 bis 1000 nichts. In Nordthüringen schwankt der Wert zwischen 82 im Landkreis Nordhausen und 158 im Kyffhäuserkreis. Fallen in den kommenden Tagen kaum Neuinfektionen an und fallen die dicken Brocken aus der Sieben-Tage-Spanne raus, dann sehen die Zahlen schon wieder völlig anders aus. Zieht ein Landkreis die Zahl der Testungen ordentlich an, dann steigt auch die Zahl der positiven Ergebnisse, andersherum geht es genauso. Die Inzidenz ist also von vielen Faktoren abhängig und kann nach Belieben korrigiert werden. Also mein Kumpel und ich können uns als die Regierung nichts Besseres vorstellen, um das anzuordnen, was uns gerade - vor allem im Wahljahr - so in den politischen Kram passt.
Was wir unserem Volke da draußen zumuten, das ist schon ein tolles Ding. Schwups, wir nehmen ihm einige Grundrechte weg. Kein Problem - Aldi und Lidl haben doch geöffnet. Statt Demonstration lieber im Kleingarten buddeln, natürlich unter Einhaltung der geltenden Hygieneregeln. Auch wenn sich so ein Rentner wie der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts Hans-Jürgen Papier in unser Regierungshandeln unerlaubterweise einmischt und meint, die Politik dürfe "nicht einseitig auf das Ziel der Unterschreitung von Inzidenzwerten abstellen". Der Inzidenzwert der Neuinfektionen dürfe "nicht zum Maß aller Dinge werden... Sonst würden wir hier alle zu undifferenzierten Beschränkungen wie pauschalen Ausgangssperren kommen, die nicht mehr zu rechtfertigen sind", sagte der Jurist mehreren deutschen Tageszeitungen. Das war im Januar und keiner erinnert sich mehr daran, an Ausgangssperren haben wir uns gewöhnt. Gut, denn so können wir mit dem Daumen weiter machen.
Hier endet das weiße, deutsche Märchen von Bernd, Corona und mir.
Zurück zur Wirklichkeit, die viel schlimmer ist als das, was sich Kumpel Bernd und ich so erträumt haben. Denn die wirklichen Entscheidungen, die tatsächlichen Handlungen zur Bekämpfung der mittelschweren Spahn’schen Grippe, die kamen nicht, nur bedingt oder zu spät oder endeten im Totalversagen. Und genau das hätte ich mir nie vorstellen können, der ich in einem Land lebe, das selbst für die Betätigung eines Klingelknopfes mehrere Vorschriften erlässt.
Das Totalversagen beginnt mit der Beschaffung der Masken, die dann Mund-Nasen-Schutz und zwischendurch Alltagsmasken genannt werden. Da muss die Bundesbehörde RKI herhalten, um zu posaunen, dass Masken nicht so dolle schützen. Und als die dann endlich aus China kamen, wo man eigene zuvor hingeschickt hatte, dann waren Masken plötzlich wichtig und richtig. Sagte nun genau das gleiche RKI.
Dann, zum Ende des Jahres 2020 der Satz des Gesundheitsministers mit der neuen schicken Villa: Der Impfstart ist gelungen!” Und zum Beweis wurde ein 7,5 Tonner gezeigt, auf dessen Ladefläche ein einzelner kleiner Container mit dem Impfstoff von Biontech zu sehen war. Also mal ehrlich, dass konnten ich und mein Kumpel Bernd zu DDR-Zeiten besser. Bis heute hinkt dieses reiche Land, in dem der vermutlich beste Impfstoff erdacht wurde, mit dem Impfen hinterher. Andererseits liegt ein besonderer Impfstoff ungenutzt herum, nur weil sich das dumme Volke den nicht spitzen lassen will.
Es ist unfassbar, dass das passieren konnte und da helfen auch alle Ausreden und Begründungen nicht mehr: diese Regierung hat versagt. Kein Wunder, dass da - eine Leitungsebene unter Berlin - schon mal gern gedaddelt wird. Von der Corona-App wollen wir hier überhaupt nicht erzählen, die hat nur einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag gekostet. Geschenkt.
Und als ob das alles noch nicht reichte, nun das dritte operative Versagen bei den Tests. Die Schnelltests und die Selbsttests. Aldi hatte letztere, Herr Spahn nicht. Und für all das wird keine Verantwortung übernommen. Statt Rücktritt nun Mitgliedschaft in einer Taskforce.
Es ist unglaublich, aber es stimmt: Corona hat die eigentlich bestehenden Probleme in der Organisation des Gemeinwesens freigelegt. Da können sich die Regierenden und ihre PR-Abteilungen noch so winden wie sie wollen. Versagen bleibt Versagen, allerdings nicht mit der Folge, dass die Zinsen gen Null gegangen sind wie im Nachgang der Finanzkrise, sondern dass Menschen starben und sterben, die eigentlich noch nicht dran” gewesen wären.
Zurück zum Traum von mir und Kumpel Bernd: Wir werden das Daumen-Runter-Spiel bis Ende September noch durchziehen. Dann sind Wahlen und die Zeit der Versprechungen und Geschenke ist vorbei. Kumpel Bernd und ich haben uns bis dahin mal um uns gekümmert. Bernd geht in die Wirtschaft und ich in Rente.
Peter-Stefan Greiner
Autor: redIch habe mal mit einem Bekannten geunkt, dass wir beide eigentlich auch die Bundesregierung sein könnten. Zugegeben, den stressigen Job unseres Außenministers hätten wir beide nicht machen wollen. Ständig im neuen Jet unterwegs und täglich auf Twitter irgendwas bedauern, kritisieren, Abscheu äußern oder empört sein. Da hatten es die Kolleginnen und Kollegen von Herrn Maaß nicht so einfach, selbst der Präsident dieser Republik musste nur ab uns zu vors Mikro, um uns zu mahnen oder eine Kerze anzünden. Ja, ja, all das ist schon Stress.
Doch, wenn wir beide die Bundesregierung wären, mein Kumpel Bernd und ich wir hätten das Corona-Problem, das der verantwortliche Minister noch zum Jahreswechsel 2019/20 zur mittelschweren Grippe runtergeredet hatte, mindestens genauso gut gelöst oder eben nicht gelöst.
Im Grunde genommen ganz einfach: Wohlgesonnene Fachleute hätten uns beraten, die maßgeblichen Fakten und Zahlen immer mal wieder neu ausgewürfelt und wir als Duo hätten entweder mit den Daumen nach unten (Zumachen) oder nach oben (Aufmachen) gezeigt. Ganz einfach also. Inzwischen hätten wir die Fachleute nochmal ausgetauscht, hätten mal den R-Wert, mal die DIVI-Statistiken bemüht. Bis dann der konstruierte Inzidenzwert endlich eine wissenschaftlich fundierte Entscheidungsgrundlage war, die politisch - je nach unserer beiden Laune - umgesetzt würde.
Bis heute sagen auch dem Bernd und mir die Zahlen von 0 bis 1000 nichts. In Nordthüringen schwankt der Wert zwischen 82 im Landkreis Nordhausen und 158 im Kyffhäuserkreis. Fallen in den kommenden Tagen kaum Neuinfektionen an und fallen die dicken Brocken aus der Sieben-Tage-Spanne raus, dann sehen die Zahlen schon wieder völlig anders aus. Zieht ein Landkreis die Zahl der Testungen ordentlich an, dann steigt auch die Zahl der positiven Ergebnisse, andersherum geht es genauso. Die Inzidenz ist also von vielen Faktoren abhängig und kann nach Belieben korrigiert werden. Also mein Kumpel und ich können uns als die Regierung nichts Besseres vorstellen, um das anzuordnen, was uns gerade - vor allem im Wahljahr - so in den politischen Kram passt.
Was wir unserem Volke da draußen zumuten, das ist schon ein tolles Ding. Schwups, wir nehmen ihm einige Grundrechte weg. Kein Problem - Aldi und Lidl haben doch geöffnet. Statt Demonstration lieber im Kleingarten buddeln, natürlich unter Einhaltung der geltenden Hygieneregeln. Auch wenn sich so ein Rentner wie der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts Hans-Jürgen Papier in unser Regierungshandeln unerlaubterweise einmischt und meint, die Politik dürfe "nicht einseitig auf das Ziel der Unterschreitung von Inzidenzwerten abstellen". Der Inzidenzwert der Neuinfektionen dürfe "nicht zum Maß aller Dinge werden... Sonst würden wir hier alle zu undifferenzierten Beschränkungen wie pauschalen Ausgangssperren kommen, die nicht mehr zu rechtfertigen sind", sagte der Jurist mehreren deutschen Tageszeitungen. Das war im Januar und keiner erinnert sich mehr daran, an Ausgangssperren haben wir uns gewöhnt. Gut, denn so können wir mit dem Daumen weiter machen.
Hier endet das weiße, deutsche Märchen von Bernd, Corona und mir.
Zurück zur Wirklichkeit, die viel schlimmer ist als das, was sich Kumpel Bernd und ich so erträumt haben. Denn die wirklichen Entscheidungen, die tatsächlichen Handlungen zur Bekämpfung der mittelschweren Spahn’schen Grippe, die kamen nicht, nur bedingt oder zu spät oder endeten im Totalversagen. Und genau das hätte ich mir nie vorstellen können, der ich in einem Land lebe, das selbst für die Betätigung eines Klingelknopfes mehrere Vorschriften erlässt.
Das Totalversagen beginnt mit der Beschaffung der Masken, die dann Mund-Nasen-Schutz und zwischendurch Alltagsmasken genannt werden. Da muss die Bundesbehörde RKI herhalten, um zu posaunen, dass Masken nicht so dolle schützen. Und als die dann endlich aus China kamen, wo man eigene zuvor hingeschickt hatte, dann waren Masken plötzlich wichtig und richtig. Sagte nun genau das gleiche RKI.
Dann, zum Ende des Jahres 2020 der Satz des Gesundheitsministers mit der neuen schicken Villa: Der Impfstart ist gelungen!” Und zum Beweis wurde ein 7,5 Tonner gezeigt, auf dessen Ladefläche ein einzelner kleiner Container mit dem Impfstoff von Biontech zu sehen war. Also mal ehrlich, dass konnten ich und mein Kumpel Bernd zu DDR-Zeiten besser. Bis heute hinkt dieses reiche Land, in dem der vermutlich beste Impfstoff erdacht wurde, mit dem Impfen hinterher. Andererseits liegt ein besonderer Impfstoff ungenutzt herum, nur weil sich das dumme Volke den nicht spitzen lassen will.
Es ist unfassbar, dass das passieren konnte und da helfen auch alle Ausreden und Begründungen nicht mehr: diese Regierung hat versagt. Kein Wunder, dass da - eine Leitungsebene unter Berlin - schon mal gern gedaddelt wird. Von der Corona-App wollen wir hier überhaupt nicht erzählen, die hat nur einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag gekostet. Geschenkt.
Und als ob das alles noch nicht reichte, nun das dritte operative Versagen bei den Tests. Die Schnelltests und die Selbsttests. Aldi hatte letztere, Herr Spahn nicht. Und für all das wird keine Verantwortung übernommen. Statt Rücktritt nun Mitgliedschaft in einer Taskforce.
Es ist unglaublich, aber es stimmt: Corona hat die eigentlich bestehenden Probleme in der Organisation des Gemeinwesens freigelegt. Da können sich die Regierenden und ihre PR-Abteilungen noch so winden wie sie wollen. Versagen bleibt Versagen, allerdings nicht mit der Folge, dass die Zinsen gen Null gegangen sind wie im Nachgang der Finanzkrise, sondern dass Menschen starben und sterben, die eigentlich noch nicht dran” gewesen wären.
Zurück zum Traum von mir und Kumpel Bernd: Wir werden das Daumen-Runter-Spiel bis Ende September noch durchziehen. Dann sind Wahlen und die Zeit der Versprechungen und Geschenke ist vorbei. Kumpel Bernd und ich haben uns bis dahin mal um uns gekümmert. Bernd geht in die Wirtschaft und ich in Rente.
Peter-Stefan Greiner
