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Der Mensch und die Ressourcen

Nachhaltigkeit bedeutet nicht zwingend Verzicht

Freitag, 30. Juli 2021, 18:29 Uhr
Der Mensch verbraucht mehr, als der Planet hergibt. Wirklich greifbar ist das für den begrenzten Erfahrungshorizont des Einzelnen aber nur schwer. Deswegen behilft man sich mit Gleichnissen wie dem „Erdüberlastungstag“. Was der eigentlich umschreibt und wie man die Entwicklung vielleicht doch noch drehen könnte, darüber haben wir mit Professor Viktor Wesselak gesprochenů

Nachhaltigkeit bedeutet nicht zwingend Verzicht, Symbolbild (Foto: agl) Nachhaltigkeit bedeutet nicht zwingend Verzicht, Symbolbild (Foto: agl)

Am 29. Juli markierte man in diesem Jahr den „Erdüberlastungstag“, also der Tag, an dem die Menschheit für das laufende Jahr theoretisch mehr verbraucht hat, als der Planet nachliefern kann. Erdacht wurde der „Overshoot Day“ im Jahr 2006 von Andrew Simms aus Großbritannien, dem „Global Footprint Network“ und dem Naturschutzverband WWF. Seit den 1970er Jahren, so die Annahme, verbraucht die Menschheit mehr natürliche Ressourcen als der Planet hergibt. Angegeben wird dieser Verbrauch in „Erden“. Anno 1970 hätte man demnach am 29. Dezember 1,01 Erden verbraucht. 2020 übertrat man die Ziellinie schon am 22. August und hätte 1,56 Erden verbraucht.

Das alles klingt griffig, ist aber im globalen Umfang nur schwer zu fassen. Wie verbraucht man „Erden“? Was wird da eigentlich verbraucht? Geht es nur um Biomasse? Was ist mit nicht-nachwachsenden Rohstoffen?

Die Überlegung ist eigentlich eine andere, meint Professor Viktor Wesselak von der Nordhäuser Hochschule. Um die Auswirkungen unseres Lebensstils zu betrachten könne man verschiedene Maßstäbe anlegen. Seine Studenten etwa hatten in der nnz ihre Überlegungen anhand des CO2-Fußabdrucks in einer kleinen Reihe zur Diskussion gestellt. Betrachtungen des globalen, ökologischen Fußabdrucks betrachten den Verbrauch in der Fläche. „Sie haben fünf Punkte, die jede Gesellschaft befriedigen muss. An erster Stelle steht Nahrung, gefolgt von Wohnraum und Energie, Verkehr, Produktion und Konsum Abseits der drei vorangegangenen Punkte und die Entsorgung. Für das alles brauchen sie Fläche. Der ökologische Fußabdruck betrachtet, wieviel Fläche man theoretisch für den eigenen Bedarf verbraucht.“

Der wäre für den Lebensstil hierzulande vergleichsweise hoch und könnte ohne Wechselbeziehungen zum Rest des Globus nicht von den vorhandenen Ressourcen im Land gedeckt werden. Die Bevölkerungsdichte fällt weniger ins Gewicht, eher der Verbrauch. „Der Fokus auf eine Überbevölkerung stammt noch aus den 90er Jahren, da hat man viel darüber nachgedacht und Länder wie China haben rigorose Maßnahmen durchgesetzt.“, erzählt Wesselak. Heute habe sich der Blickwinkel gedreht. Der Verbrauch eines bevölkerungsreichen Landes kann unter dem eines weniger dicht besiedelten Landes liegen, entweder weil man tatsächlich weniger verbraucht oder effizienter mit den vorhandenen Ressourcen umgeht. „Die direkte Lösung wäre freilich das man insgesamt weniger Menschen hat aber das ist nicht durchsetzbar. Es bleibt also nur die Möglichkeit, den Ressourcenverbrauch runterzuschrauben, entweder indem man nachhaltiger produziert oder tatsächlich Verzicht übt."

Was nicht heißt, dass man zurück ins Mittelalter fallen muss um den Planeten zu retten. In der akademischen Auseinandersetzung geht man davon aus, dass es möglich ist auf dem Stand des 21. Jahrhunderts zu leben, ohne die Ressourcen überzustrapazieren. „Nachhaltigkeit bedeutet nicht automatisch Konsumverzicht“, sagt Wesselak. Im Kern werden drei Strategien betrachtet. Erstens die Effizienzstrategie, also etwa der Wechsel von der Glühbürne zur LED oder vom Verbrenner zum Elektroantrieb schlicht weil der Wirkungsgrad höher ist. Zweitens die Konsistenzstrategie, die mit der Ausweitung einer Kreislaufwirtschaft, dem „cradle to cradle“ Prinzip einhergehen würde und die „Suffizienzstrategie“, die dann tatsächlich weniger Konsum vorsehen würde. Im Idealfall findet man einen Weg, alle drei Strategien miteinander zu verbinden. „Ich bin Ingenieur, da ist man immer Optimist, Lösungen gibt es in fast allen Bereichen. Der Verbrauch an ökologischen Ressourcen ist in den Griff zu bekommen, aber das ist anstrengender als ein weiter wie bisher.“ Zumindest auf den ersten Blick, meint Wesselak, betrachte man Ereignisse wie die jüngsten Überschwemmungen, dann müsse man sich klar machen, dass sich die Schäden nicht auf Dauer kompensieren lassen, schon gar nicht, wenn aus Jahrhundertereignissen Jahrzehntereignisse werden.

Ein fragiles System
Regional betrachtet kommt der Blick auf die Fläche an Grenzen. Der Landkreis Nordhausen verfügt nicht allein über die Goldene Aue um seine Bevölkerung zu ernähren, man ist eingespannt in ein großes Geflecht, das letztlich einmal um den Globus reicht. Auf die Weltwirtschaft allein will sich Professor Wesselak aber lieber nicht verlassen. „Was passiert wenn die Weltwirtschaft einmal still steht, haben wir gerade erst erlebt. Das System an sich ist fragil und baut darauf, dass global ein Maß an Sicherheit und Stabilität herrscht und sich alle an die Spielregeln halten. Werden die Ressourcen knapper, dürfte man in Zukunft eher mehr Instabilität, mehr Konflikt erwarten." Der Streit um die NordStream 2 Pipeline mag da als aktuelles Beispiel herhalten. Rohstoffsicherheit für die einen und der Kampf um Absatzmärkte für die anderen führt zu internationalen Interessenskonflikten.

Die Lernkurve
Der Weg zu einer anderen wirtschaftlichen Philosophie, die schon am Anfang an das Ende ihrer Produkte denkt, wird noch weit sein so er denn überhaupt in umfänglichen Maße eingeschlagen wird. Wesselak sieht Wirtschaft wie Gesellschaft da auf einer Art Lernkurve. „Nehmen wir die Lithium-Ionen Batterie. Da haben wir ein Ressourcenproblem. Es ist günstiger, die Rohstoffe aus der Erde zu holen, als sie aus bereits verbauten Teilen zurückzugewinnen. Rückholbarkeit spielt im Moment keine Rolle. Aber das wird sich ändern, man wird in eine Kreislaufwirtschaft hineinkommen. Das dass geht können sie ganz gut an alten Autobatterien sehen. Wenn Sie ihre Autobatterie zum Schrotthändler bringen, kriegen sie noch einen Fünfer dafür weil es einen Markt dafür gibt. Blei wird in Deutschland heute zu 99 Prozent im Kreis geführt. Diese Lernkurve müssen wir beim Lithium noch durchmachen“. Aber da komme man noch hin, meint Professor Wesselak.
Angelo Glashagel
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