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Schachtgeschichte (7): Zeitzeugen

Sonntag, 11. Mai 2008, 05:00 Uhr
Über die Erinnerungen des Bergmanns Günter Pforr aus Sondershausen über die Erkundung des Bereiches um Schacht IV, Berka berichtet Hans-Jürgen Schmidt...


Um 1961 fuhr die Vortriebsmaschine aus dem Grubenfeld des Schachtes I einen Erkundungsvortrieb nach Osten , in Richtung Berka. Das Ziel war den unter Tage-Bereich des Schachtes IV mit den Munitionsproduktionsanlagen des III. Reiches anzufahren. Auf alten Rissunterlagen war eine Erkundungstrecke vom Schacht IV in Richtung Schacht I eingetragen. Die Strecke wurde mit der Vortriebsmaschine angefahren. Manfred Jansen hatte als Maschinenführer in der Nachschicht vom 4.12.1961 den Durchschlag „geschnitten.“

In der nachfolgenden Zeit grub sich im wahrsten Sinne des Wortes die Besatzung der Vortriebsmaschine unter Leitung des Steigers Pforr durch das alte Grubenfeld., welches um 1915/16 aufgefahren wurde. Der Werkdirektors Lippold war dabei mit anwesend. Man stellte fest, dass die Grubenbaue mit Steinsalz versetzt waren. Das Salz stammte aus den aufgefahrenen Montagehallen für die Munitionsherstellung ab 1938. Die weitere Aufwältigung der versetzten Strecken war eine echte Schinderei. Die Besatzung der Vortriebsmaschine mit dem Brigadier Tettenborn benutzte zu erst Kästen, die gefüllt mit Salz, befestigt an Beinen, hinter sich hergezogen wurde und das in einer Strecke mit einem Querschnitt von 60 x 60 cm. Die Männer fühlten sich wie Bergleute des Mittelalters.

Besatzung Vortriebsmaschine (Foto: Archiv Hans-Jürgen Schmidt) Besatzung Vortriebsmaschine (Foto: Archiv Hans-Jürgen Schmidt)

Gearbeitet wurde mit Schachtbau Nordhausen im Gegenortprinzip. Es war in der Mittagschicht im Oktober 1961 als sich Steiger Pforr und der Hauer Kellermann mit Spitznamen „Kellerschnecke“, der beim Schachtbau arbeitete in dieser schmalen Strecke die Hand reichten. Beide waren in der Grubenwehr tätig. Später wurde ein eintrommliger Haspel eingesetzt, so dass es gelang, nach 154 m die Produktionshallen für Munition zu erreichen. In der Folgezeit wurde weiter an einer Streckenverbindung nach Schacht I gearbeitet, die direkt in die Montagehallen führte. Der Schachtbau Nordhausen erneuerte die Schachteinrichtungen des Schachtes III , in Hachelbich und des Schachtes IV in Berka.

Die Montageräume für Munition der Wehrmacht waren durch Soldaten der Sowjetarmee 1945/46 ausgeräumt. Man fand nur Stapel von Bohlen und Kanthölzer vor, die sich noch für Bauzwecke eigneten. Ein Teil wurde zu „Schneckholz“ (Brennholz für die Ofenfeuerung zu Hause) verwandt. Kanthölzer, die in der Lauge lagen, waren bestückt mit formvollendeten Salzkristallen. Sie stellten ein Eldorado für Mineralienfreunde dar. Die Lektüre von Zeitungen aus der Nazizeit regten manchen zum Nachdenken an. Aufgefundenen Sprengköpfe sorgten kurzzeitig für Aufregung. Jedoch die Erfahrungen des Munitionsbergungstrupps besagte, dass keine Gefahr bestand. Alte Werkzeuge, wie Bohrgestänge mit einer Länge 1/2 m, 1 m, 2m mit angeschmiedeten Bohrschneiden wurden gefunden, die ihren Besitzer fanden.

Der Schachtbau Nordhausen hatte seine Aufgaben auf den Schachtanlagen Hachelbich und Berka erfüllt und das Kaliwerk Glückauf Sondershausen übernahm jetzt die Regie. Hier ging es in erster Linien um die Entwässerung. Jeden Tage musste 2 Bergleute die Pumpen betätigen, um die Lauge nach über Tage zu pumpen. Der Elektriker Schiweg, später die Pumpenwarte Hagen und Brathuhn und Schelhorn, Fischer sowie Sickel durften auf Schacht IV einfahren. Andere fuhren auf Schacht I ein und mussten einen beschwerlichen Weg Richtung Berka nehmen, das zum Teil ein Streckenprofil von 60 x 60 cm bewältigt werden musste. Es waren 154 m bis zur Fertigstellung der Umgehungsstrecke.

Der Laugenabstoß aus dem Grubenfeld Berka / Hachelbich erfolgte kontrolliert in die Wipper. Die Lauge aus dem Bereich Hachelbich wurde über eine Leitung Richtung Schacht Berka gepumpt. Die Verlegung der Laugenleitung war sehr schwierig und verlangte viel Kraftaufwendungen auch zum Teil mit bergmännischen Risiken. Nach der Laugenbeseitigung und weiteren Aufwältigungsaufgaben, wurde ein neues Revier eröffnet, so wurde untern andern das Rolloch Berka geschaffen, um den Rohsalztransport nach Schacht 1 zu gewähren. Die Steiger in diesem Bereich waren Steiger Pforr, Schäfer und Henze. Das neu eröffnete Revier mit einer Belegschaft von etwa 30 Mann hatte einen Plan von 150 t/Schicht. Das Rohsalz hatte einen K2O –Gehalt von 13 % bis 28 %. Der Abtransport des Rohsalzes erfolgt Anfang 1971 mit Förderhunten, die von einer batteriebetrieben Lok gezogen wurden. Mehr als 20 Wagen schaffte die Lok nicht. In späterer Zeit erfolget der Abtransport mit einer E-Lok. Man schaffte jetzt 300 Wagen pro Schicht. Es gab 2 Förderschichen und eine Vorbereitungsschicht, so dass 600 t / Tag gefördert wurden.

Ein negatives und ein positives Erlebnis soll noch erwähnt werden. In der Frühschicht im Frühjahr 1971 setzte bei der Einfahrt auf Schacht IV der Korb auf. 1 1/2 m Spurlatten hatten sich gelöst und versetzte die Einfahrenden in Angst und Schrecken. Behoben wurde der Schaden durch die Schachtaufsicht Schinkel aus Berka.

Salzkristalle (Foto: Archiv Hans-Jürgen Schmidt) Salzkristalle (Foto: Archiv Hans-Jürgen Schmidt) Als positives Erlebnis kann man die Kristallwelt im Bereich des Füllortes Schacht IV bezeichnen. Von kubischen Kristallen über fächerförmigen bis zu kaskadenförmigen Kristallgebilden bis zu einmaligen Gipskristallen war alles zu finden, was das Herz eines Mineraliensammler höher schlagen lässt. Selbst Carnallitkristalle, die aussahen wie weißer Kandiszucker waren zu finden, die man allerdings unter Tage in Schaugläser einfüllen musste, da sie stark hygroskopisch waren und über Tage sofort zerlaufen wären.

Aufgeschrieben von Hans-Jürgen Schmidt
Bilder: Archiv Hans-Jürgen Schmidt
Autor: khh

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