Hoffen auf Wende
Dienstag, 26. Mai 2009, 14:14 Uhr
Die weltweite Finanzmarkt- und Konjunkturkrise schlägt hohe Wellen. Auch die Thüringer Wirtschaft bekommt die Auswirkungen schmerzlich zu spüren. Inzwischen kämpfen nahezu alle Branchen mit erheblichem Gegenwind. Hier die nüchternen Zahlen und Fakten aus Nordthüringen...
Die aktuelle Geschäftslage wird von den Unternehmern so schlecht eingeschätzt wie noch nie. Die Produktion läuft auf Sparflamme, Kapazitäten werden weiter herunter gefahren und damit auch Arbeitsplätze abgebaut. Der Konjunkturklimaindex, der die gegenwärtige Situation sowie die Erwartungen und Pläne für die nächsten Monate beschreibt, sinkt noch einmal um 10 Prozentpunkte und markiert mit 71 von 200 möglichen Punkten den niedrigsten Stand seit Beginn der Konjunkturanalysen 1990. Den Tiefpunkt der Krise halten die rund 1.000 befragten Firmenchefs aus Nord- und Mittelthüringen jedoch für erreicht.
Ein zartes Pflänzchen der Hoffnung keimt, kommentiert IHK-Hauptge-schäftsführer Gerald Grusser die vorliegenden Ergebnisse. Trotz der aktuell widrigen Umstände habe die Zahl der Skeptiker, die von einer weiteren Verschlechterung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ausgeht, leicht abgenommen. Inzwischen erwarte branchenübergreifend jeder zehnte Unternehmer zumindest eine Stabilisierung der Auftragslage in den nächsten Monaten. Begünstigend wirkten sich die gefallenen Rohstoffpreise und die geringeren Energiekosten aus. Ebenso sei auf einigen Auslandsmärkten eine leichte Erholung zu spüren. Der freie Fall der Wirtschaft scheint damit vorerst gestoppt, hofft Grusser auf eine baldige Trendwende.
Durchschritten sei die Talsohle jedoch noch nicht, warnt der IHK-Chef. Die gegenwärtige Situation habe sich abermals deutlich verschlechtert. Lediglich 14 Prozent der Manager beurteilten diese mit gut. Dagegen würden bei 41 Prozent die Geschäfte äußerst schleppend laufen. Entsprechend negativ hätten sich auch die Erträge entwickelt. Knapp jeder Dritte stecke bereits in den roten Zahlen, noch im Januar dieses Jahres waren es nur 14 Prozent. Als Folge bleibe die Investitionstätigkeit äußerst zurückhaltend. Mehr als die Hälfte der Unternehmer plane Abstriche bei ihren Investitionsvorhaben oder wolle gar nicht investieren. Dies wirke sich natürlich auch auf die Beschäftigungspläne aus.
Wie erwartet unterliegt der Arbeitsmarkt zeitverzögert erheblichen Belastungen. Das Schlimmste steht uns leider noch bevor, befürchtet Grusser. Auch wenn beschäftigungssichernde Instrumente - wie die Kurzarbeit - einiges abfederten, signalisiere jeder Dritte einen Stellenabbau. Die inzwischen geplante vollständige Übernahme der Sozialversicherungsbeiträge könnte hier noch zu einem Umdenken führen und dazu beitragen, dass sich Unternehmen bei länger anhaltendem Arbeitsausfall nicht in Folge zu hoher finanzieller Belastungen von Fachkräften trennen müssen.
Besonders in der Industrie stehen die Zeichen auf Sturm. In mehr als jedem zweiten Betrieb gehen die Geschäfte schlecht. Insbesondere die Investitionsgütersparte, zu der der Automobilbau und die Zulieferindustrie sowie der Maschinenbau zählen, hat unter der Krise zu leiden, fasst der IHK-Hauptgeschäftsführer zusammen. Nur noch ein Viertel der Unternehmen laste seine Kapazitäten mehr als 80 Prozent aus. 70 Prozent der Firmenchefs berichteten von einer verschlechterten Ertragslage. Über ein Drittel bewege sich schon im Verlustbereich. Seit Jahresbeginn sind die Aufträge aus dem In- und Ausland nochmals drastisch zurückgegangen. Zwei von drei Firmen verzeichnen einen zu geringen Auftragsbestand, gibt Grusser zu bedenken.
Auf Grund der anhaltenden Wirtschaftsflaute bei den wichtigsten europäischen Exportpartnern Frankreich, Großbritannien und Italien sei mit einer schnellen Erholung der Auslandsnachfrage nicht zu rechnen. Stellenstreichungen wären damit in den kommenden Monaten kaum vermeidbar. 44 Prozent der Unternehmer müssten ihren Personalbestand voraussichtlich kürzen. Ähnlich sehe es im Baugewerbe aus. Trotz der aufgelegten Konjunkturprogramme glaubten nur drei Prozent an einen günstigeren Geschäftsverlauf. Bereits jetzt spüre fast jede dritte Baufirma die negativen Folgen der Rezession.
Insbesondere im gewerblichen, aber auch im öffentlichen Bau seien die Aufträge geschrumpft. Leider ist bis jetzt nur viel über öffentliche Investitionspläne gesprochen worden, aber in der Bauwirtschaft noch nichts angekommen, konstatiert Grusser nüchtern. Die negative Arbeitsmarktentwicklung sowie die Flaute an den Finanzmärkten setzten auch den Arbeitseinkommen der privaten Haushalte zu. Dies könnten weder die staatlichen Hilfspakete noch die stark gesunkenen Inflationsraten vollständig ausgleichen. Im Gastgewerbe musste bereits jeder Zweite Umsatzrückgänge verkraften, im Handel jeder Dritte.
Während beim Gaststättenbesuch gespart wird, waren zumindest die Einzelhändler mit der Geschäftssituation im ersten Quartal dieses Jahres noch durchaus zufrieden. Die Branche befürchtet für den weiteren Jahresverlauf jedoch eine zunehmende Zurückhaltung der Konsumenten. Viel wird davon abhängen, welche Perspektiven der Arbeitsmarkt bietet und wie gesichert die Lohn- und Gehaltszahlungen sind, gibt Grusser zu bedenken.Das Verkehrsgewerbe zähle zweifellos zu den größten Verlierern der Konjunkturkrise.
In Folge der schlechten Auftragslage in der Industrie seien die Fracht- und Umschlagsvolumen bei 67 Prozent der Unternehmer gesunken. Zudem würden die gestiegenen Mautkosten den Transportbetrieben große Sorgen bereiten. Gegenwärtig ließen sich diese Erhöhungen nur schwer an die Kunden weitergeben. Insbesondere kleinen Fuhrunternehmen würden die Preise von den Verladern diktiert. So berichteten lediglich fünf Prozent von einer aktuell guten Geschäftslage.
IHK-Hauptgeschäftsführer Gerald Grusser zieht schließlich folgendes Fazit: Die Thüringer Wirtschaft hat scheinbar die Talsohle erreicht. Bis zu einer nachhaltigen Erholung ist es jedoch noch ein weiter Weg. Die Arbeitslosigkeit könnte bis ins nächste Jahr hinein steigen und mit ihr die Kaufbereitschaft der Konsumenten nachlassen. Die Konjunkturpakete wurden von der Regierung zwar professionell geschnürt, ihre volle Wirkung haben sie aber bislang nicht entfaltet.
Autor: nnz/knDie aktuelle Geschäftslage wird von den Unternehmern so schlecht eingeschätzt wie noch nie. Die Produktion läuft auf Sparflamme, Kapazitäten werden weiter herunter gefahren und damit auch Arbeitsplätze abgebaut. Der Konjunkturklimaindex, der die gegenwärtige Situation sowie die Erwartungen und Pläne für die nächsten Monate beschreibt, sinkt noch einmal um 10 Prozentpunkte und markiert mit 71 von 200 möglichen Punkten den niedrigsten Stand seit Beginn der Konjunkturanalysen 1990. Den Tiefpunkt der Krise halten die rund 1.000 befragten Firmenchefs aus Nord- und Mittelthüringen jedoch für erreicht.
Ein zartes Pflänzchen der Hoffnung keimt, kommentiert IHK-Hauptge-schäftsführer Gerald Grusser die vorliegenden Ergebnisse. Trotz der aktuell widrigen Umstände habe die Zahl der Skeptiker, die von einer weiteren Verschlechterung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ausgeht, leicht abgenommen. Inzwischen erwarte branchenübergreifend jeder zehnte Unternehmer zumindest eine Stabilisierung der Auftragslage in den nächsten Monaten. Begünstigend wirkten sich die gefallenen Rohstoffpreise und die geringeren Energiekosten aus. Ebenso sei auf einigen Auslandsmärkten eine leichte Erholung zu spüren. Der freie Fall der Wirtschaft scheint damit vorerst gestoppt, hofft Grusser auf eine baldige Trendwende.
Durchschritten sei die Talsohle jedoch noch nicht, warnt der IHK-Chef. Die gegenwärtige Situation habe sich abermals deutlich verschlechtert. Lediglich 14 Prozent der Manager beurteilten diese mit gut. Dagegen würden bei 41 Prozent die Geschäfte äußerst schleppend laufen. Entsprechend negativ hätten sich auch die Erträge entwickelt. Knapp jeder Dritte stecke bereits in den roten Zahlen, noch im Januar dieses Jahres waren es nur 14 Prozent. Als Folge bleibe die Investitionstätigkeit äußerst zurückhaltend. Mehr als die Hälfte der Unternehmer plane Abstriche bei ihren Investitionsvorhaben oder wolle gar nicht investieren. Dies wirke sich natürlich auch auf die Beschäftigungspläne aus.
Wie erwartet unterliegt der Arbeitsmarkt zeitverzögert erheblichen Belastungen. Das Schlimmste steht uns leider noch bevor, befürchtet Grusser. Auch wenn beschäftigungssichernde Instrumente - wie die Kurzarbeit - einiges abfederten, signalisiere jeder Dritte einen Stellenabbau. Die inzwischen geplante vollständige Übernahme der Sozialversicherungsbeiträge könnte hier noch zu einem Umdenken führen und dazu beitragen, dass sich Unternehmen bei länger anhaltendem Arbeitsausfall nicht in Folge zu hoher finanzieller Belastungen von Fachkräften trennen müssen.
Besonders in der Industrie stehen die Zeichen auf Sturm. In mehr als jedem zweiten Betrieb gehen die Geschäfte schlecht. Insbesondere die Investitionsgütersparte, zu der der Automobilbau und die Zulieferindustrie sowie der Maschinenbau zählen, hat unter der Krise zu leiden, fasst der IHK-Hauptgeschäftsführer zusammen. Nur noch ein Viertel der Unternehmen laste seine Kapazitäten mehr als 80 Prozent aus. 70 Prozent der Firmenchefs berichteten von einer verschlechterten Ertragslage. Über ein Drittel bewege sich schon im Verlustbereich. Seit Jahresbeginn sind die Aufträge aus dem In- und Ausland nochmals drastisch zurückgegangen. Zwei von drei Firmen verzeichnen einen zu geringen Auftragsbestand, gibt Grusser zu bedenken.
Auf Grund der anhaltenden Wirtschaftsflaute bei den wichtigsten europäischen Exportpartnern Frankreich, Großbritannien und Italien sei mit einer schnellen Erholung der Auslandsnachfrage nicht zu rechnen. Stellenstreichungen wären damit in den kommenden Monaten kaum vermeidbar. 44 Prozent der Unternehmer müssten ihren Personalbestand voraussichtlich kürzen. Ähnlich sehe es im Baugewerbe aus. Trotz der aufgelegten Konjunkturprogramme glaubten nur drei Prozent an einen günstigeren Geschäftsverlauf. Bereits jetzt spüre fast jede dritte Baufirma die negativen Folgen der Rezession.
Insbesondere im gewerblichen, aber auch im öffentlichen Bau seien die Aufträge geschrumpft. Leider ist bis jetzt nur viel über öffentliche Investitionspläne gesprochen worden, aber in der Bauwirtschaft noch nichts angekommen, konstatiert Grusser nüchtern. Die negative Arbeitsmarktentwicklung sowie die Flaute an den Finanzmärkten setzten auch den Arbeitseinkommen der privaten Haushalte zu. Dies könnten weder die staatlichen Hilfspakete noch die stark gesunkenen Inflationsraten vollständig ausgleichen. Im Gastgewerbe musste bereits jeder Zweite Umsatzrückgänge verkraften, im Handel jeder Dritte.
Während beim Gaststättenbesuch gespart wird, waren zumindest die Einzelhändler mit der Geschäftssituation im ersten Quartal dieses Jahres noch durchaus zufrieden. Die Branche befürchtet für den weiteren Jahresverlauf jedoch eine zunehmende Zurückhaltung der Konsumenten. Viel wird davon abhängen, welche Perspektiven der Arbeitsmarkt bietet und wie gesichert die Lohn- und Gehaltszahlungen sind, gibt Grusser zu bedenken.Das Verkehrsgewerbe zähle zweifellos zu den größten Verlierern der Konjunkturkrise.
In Folge der schlechten Auftragslage in der Industrie seien die Fracht- und Umschlagsvolumen bei 67 Prozent der Unternehmer gesunken. Zudem würden die gestiegenen Mautkosten den Transportbetrieben große Sorgen bereiten. Gegenwärtig ließen sich diese Erhöhungen nur schwer an die Kunden weitergeben. Insbesondere kleinen Fuhrunternehmen würden die Preise von den Verladern diktiert. So berichteten lediglich fünf Prozent von einer aktuell guten Geschäftslage.
IHK-Hauptgeschäftsführer Gerald Grusser zieht schließlich folgendes Fazit: Die Thüringer Wirtschaft hat scheinbar die Talsohle erreicht. Bis zu einer nachhaltigen Erholung ist es jedoch noch ein weiter Weg. Die Arbeitslosigkeit könnte bis ins nächste Jahr hinein steigen und mit ihr die Kaufbereitschaft der Konsumenten nachlassen. Die Konjunkturpakete wurden von der Regierung zwar professionell geschnürt, ihre volle Wirkung haben sie aber bislang nicht entfaltet.
