Die Erschaffung des Leidenszugs
Dienstag, 30. Juni 2009, 07:48 Uhr
Morgen begeht der Künstler Heinz Scharr wie publiziert seinen 85. Geburtstag. In den auf ihn gehaltenen ehrenden Reden wurde sowohl bei der Verleihung des Thüringer Verdienstordens als auch bei der Eröffnung seiner Ausstellung im Schloss Sondershausen durch Björn Engholm die plastische Arbeit des Künstlers in der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora wegen ihrer künstlerischen Aussagekraft erwähnt. Dazu eine Betrachtung von Heidelore Kneffel...
Da wenigen erinnerlich ist, was sich damals beim Erschaffen derselben zutrug, soll daran erinnert werden. Ende 2008 übergab der Künstler Heinz Scharr mit seiner Frau Jutta im Museumsbau der KZ Gedenkstätte Mittelbau-Dora mehrere Kohlezeichnungen auf Papier zum Thema Leidenszug der Gefangenen für die Kunstsammlung der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora. Weitere Studienblätter sind schon länger in deren Besitz. Insgesamt umfasst die Schenkung nun dreiundzwanzig Arbeiten, die alle vom Künstler signiert und datiert sind, größtenteils auch beschriftet mit Dora Mittelbau oder Mittelbau Dora. Viele weisen den Titel Zug der Gefangenen auf. Einige Zeichnungen beziehen sich speziell auf das Lager Gardelegen und das besonders verbrecherische Geschehen dort am 13. 4. 1945, manche Blätter sind auf der Vorder- und Rückseite mit einer Studie versehen.
Die ca. 60 x 80 cm großen Studien sind von 1974 bis 1976 als Arbeitsgrundlage für die Reliefs in den Kupferplatten der großen Bogenwand nahe des Appellplatzes entstanden und zeigen eindrucksvoll, wie intensiv sich der Künstler diesem emotional bewegenden, ja quälenden Thema zuwandte. Es galt für ihn, Menschen mit ihrer unterschiedlichen Körpersprache in extremer Ausnahmesituation dar zu stellen – Getriebene, Stolpernde, Flüchtende, Stürzende, bereits Gefallende, im Stacheldraht Verfangene, Tote.
Auf allen Blättern zeigt der Künstler Häftlingsgruppen. Die Schergen stellt Scharr nicht dar, aber in der Art, wie die Gefangenen agieren, sind diese doch präsent. Von der Gedenkstätte begleitete Torsten Heß das Ehepaar dann auch zu der von Scharr 1979 fertiggestellten Kupferreliefwand und zur Tribüne des Appellplatzes mit dem Feuerschalenturm, auch ein Entwurf des Künstlers. Die Bogenwand hat die Maße 3 m x 40 m, eine einzelne Kupferplatte misst 3 m x 1,20 m, ist 2 mm stark und wiegt ca. 50 kg.
Heinz Scharr an der Reliefwand (Foto: H. Kneffel)
Wie kam es dazu, dass sich Scharr dieses schwierigen Themas annahm? Wenden wir uns der Vorgeschichte zu. Am 22. 11. 1972 übergab der Rat der Stadt Nordhausen an die SED-Kreisleitung eine Konzeption zur weiteren Gestaltung der Gedenkstätte Lager Dora. Diese war auf den 25. Jahrestag der Gründung der DDR am 7. Oktober 1974 ausgerichtet.. Darin war enthalten, dass der Appellplatz bis zum 20. August 1974 im Wesentlichen gestaltet sein müsste.
Das Projekt wurde vom Institut für Denkmalpflege in Berlin unter Leitung des Dr. Ing. Henze erarbeitet. Zum Entwurf gehörten eine Bogenmauer, davor das Tribünenpostament mit einer Flammenschale. Das erste vorgelegte Projekt des Denkmalpflegeinstitutes wurde wegen der Kosten von 310.000 Mark abgelehnt. Ein zweiter Entwurf durfte nur Investitionen von 120.000 Mark vorsehen. Auf der Bogenmauer sollte der Leidenszug der Häftlinge dargestellt werden. Beabsichtigt war, die Figuren erhaben in Beton auszubilden. So schrieb man aus Berlin im Juni 1973 und schickte eine Skizze mit stilisierten Figuren.
In einem Brief vom 25. 1. 1974 teilte Kurt Wilke, Mitglied des Rates des Kreises Nordhausen, dort verantwortlich für Kultur und Volksbildung, dem VEB (K) Baureparaturen in Nordhausen mit, dass man sich in einer Beratung des Vorsitzenden des Rates des Kreises mit dem Leiter der Abteilung Agitation und Propaganda der SED-Kreisleitung geeinigt habe, dass die künstlerische Gestaltung der Betonwand nicht dem VEB übertragen werde, sondern dem Künstler Heinz Scharr. Der Betrieb brauche nur eine Betonwand mit vertikaler Schalung als Sichtbeton auszuführen. Die Bildwandschalung betrüge 103,0 Quadratmeter. Nach Fertigstellen der Mauer werde der Künstler Scharr ein aus Kupferblech bestehendes Relief anbringen.
Die Erschaffung des Leidenszugs (Foto: H. Kneffel)
Am 18. März 1974 erhält Heinz Scharr, der damals mit seiner Frau Jutta in Sondershausen lebt, den Vertrag über die künstlerische Gestaltung der Bogenmauer in der Mahn- und Gedenkstätte Dora. Kurze Zeit später bekommt der Künstler den Auftrag, auch die Texte für die Gestaltung des Eingangs der Gedenkstätte und für das Tribünenpodest, bestehend aus 125 großen Metallbuchstaben, anzufertigen.
Wegen des enormen Umfangs der Arbeit entschloss sich das Ehepaar Scharr, im Kreis Nordhausen ein Domizil zu suchen, in dem sie auch die großen Kupferplatten bearbeiten konnten, denn allein zwei Jahre dauerte es, um sie auszuglühen. Die Vorrichtung dazu baute man sich selbst.
Sie erwarben also 1975 den ehemaligen Komturhof des Deutschritterordens in Utterode, zwischen Sollstedt und Rehungen, nahe des Eichsfeldes auf einem kleinen Bergsporn vor der Hainleite gelegen, mit dessen Restaurierung und Gestaltung sie bis heute beschäftigt sind, und den sie zu einem Kleinod formten. 1976 zogen sie in das damals wenig ansehnliche Anwesen ein, auf dem man bis heute die Zeit vom Mittelalter bis in die Jetztzeit lebendig spürt. Ein inspirativer Ort.
Weder die Auftragerteilenden noch der Künstler, der den Vertag unterzeichnete, ahnten wirklich, was für eine immense psychische und physische Arbeitsintensität in der Folgezeit auf Scharr zukommen würde. Seine Frau Jutta war dabei unentbehrlich. Die Auftraggeber allerdings tangierte das deutlich weniger!
Der Auftrag lautete, dem Leidenszug der Gefangenen aus dem Lager im April 1945, in Kupfer getrieben, nachzuspüren. Gruppendarstellungen sind immer eine Herausforderung für einen Künstler, zumal in der geforderten Dimension. Scharr schuf einen Fries von 14 Häftlingen als überlebensgroße Reliefs: Vier davon sind als Einzelpersonen dargestellt, zwei in einer Zweiergruppe und zwei in einer Dreiergruppe. Das Ende bildet eine liegende Rose. Die ersten und letzten Kupferplatten sind ohne Figuren, tragen aber die Spuren der Zeit sehr einprägsam. Bevor die Figuren ins Kupfer getrieben wurden, entstanden 1:1 Zeichnungen, die bis dato nicht öffentlich sind.
Nach dem 2. Weltkrieg war von einigen postuliert worden, dass nach Auschwitz die Künste nur noch schweigen könnten, schweigen müssten. Aber auch gegensätzliche Gedanken wurden laut: Den Künstlern ist es aufgetragen, Werke gegen das Vergessen zu schaffen.
Scharr las viel, studierte Augenzeugenberichte, sah sich Fotodokumente an, erinnerte sich an seine Kriegszeit als junger Mensch. Mit achtzehn Jahren war er 1942 zur Marine eingezogen worden. Er durchlebte den Krieg in mehreren Ländern. Bis 1947 schloss sich in England und Belgien die Kriegsgefangenschaft an. Im Bergwerk war er der Extreme ausgesetzt, wurde von einem herabfallenden Brocken am Arm schwer verletzt. Er kannte also Leben in lebensbedrohender Zeit.
Wie eingangs ausgeführt, begab sich Scharr zuerst mit seiner Zeichenkunst auf den Leidenszug der Gefangenen. Er musste sich bei seiner künstlerischen Konzeption darüber klar sein, dass dieses Lager, 1943 relativ spät errichtet, Besonderheiten aufwies, die es zu bedenken gab. Das war ein Arbeitslager, in dem ohne Rücksicht auf Menschenleben Waffen in unterirdischen Stollenanlagen produziert wurden, mit denen die nationalsozialistischen Machthaber den Krieg gewinnen wollten – Spezialraketen. Der Begriff Wunderwaffe geisterte durch die Welt!
Die Evakuierung des Lagers kurz vor Kriegsende, als die amerikanische Arme nahte, brachte für die bis dahin Überlebenden einen schrecklichen Leidenszug hin an andere Orte oder in den Tod. Scharrs Gruppendarstellungen der verschiedenen Ausdrucksformen des Getriebenwerdens sind von großer Eindringlichkeit. Auf seinen Zeichnungen machte sich der Künstler also Bild um Bild von einer solchen Ausnahmeexistenz, um sie dann in die Gestaltung der Kupferreliefs einfließen zu lassen.
Man übergab das Relief am 9. September 1979, aber das war nur eine Randerscheinung, wie die Leser der hiesigen Presse entnehmen konnten. Machtvolle Manifestation in Gedenkstätte, so titelt die Tageszeitung Das Volk am 11. 9. Im Untertitel heißt es im substantivreichen Propagandastil weiter: Von der Großveranstaltung anlässlich des Internationalen Gedenktages für die Opfer des faschistischen Terrors und Kampftages gegen Faschismus und imperialistischen Krieg. 11 000 Bürger hätten sich versammelt und auf der gefüllten Tribüne eine Ansammlung der politischen Prominenz der Region und einige ehemalige Häftlinge und Widerstandskämpfer sehen können. Als höchster Repräsentant der Veranstaltung galt der Generalkonsul der UdSSR in der DDR, Genosse Tetow, der ausführte: Die Bürger der Sowjetunion und der DDR gestalten die sozialistische Gesellschaft. Das ist das beste Denkmal, das wir den Helden des antifaschistischen Widerstandes setzen. Dann heißt es im Bericht der Zeitung weiter: Am Ende der Kundgebung wurde in Anwesenheit des Bildenden Künstlers Heinz Scharr das 40 m lange Kupferrelief mit Ausschnitten des Leidensweges der Häftlinge des ehemaligen KZ ‚Dora’ der Öffentlichkeit übergeben. Drei Fotos sind dem Beitrag hinzugefügt, keines zeigt das Kunstwerk.
Wie stellt Scharr die im Zeitungsartikel und auch sonst beschworen Helden des antifaschistischen Widerstandskampfes dar? Was bedeutet heldenhaft, wer konnte es wie sein angesichts der brutalen Methoden, die in diesem Lager herrschten? Wie reagieren in Ausnahmesituationen gebrachte Menschen, gedemütigt, gequält, die man auf einen Marsch in andere Lager schickt, obwohl die Kraft dazu eigentlich fehlt? Die alliierten Truppen waren ganz in der Nähe, Hoffnung keimte auf und dann diese Transporte!
Zwei Männer, hohlwangig mit großen tiefliegenden Augen, stehen, frontal zum Betrachter gewandt, relativ aufrecht im Leidenszug, die anderen sind noch deutlicher gezeichnet vom Martyrium der Gefangenschaft und Zwangsarbeit. Scharr hatte sich nicht beirren lassen und die verschiedenen Stufen des Erleidens bis hin zum Tode dargestellt.
Eine der Dreiergruppen wirkt wie eine Predella mittelalterlicher Altarbilder. Die drei auch im Tode durch ihre Qualen Gekennzeichneten werden in der Erinnerung überleben. Eine Zweiergruppe zeigt die Hilfsbereitschaft untereinander, die an die berühmte antike Skulpturengruppe der Dioskuren Castor und Pollux denken lässt, deren zahlreiche Kopien aufzeigen, für wie wichtig das Freundschaftsmotiv in unserer Kulturgeschichte gehalten wird. Bei Scharr hilft der sich besser Fühlende dem Schwächeren, dessen Gesicht zur Weite des Himmels erhoben ist. Stützend und schützend legt der Helfende seine Hände um den anderen, dabei auf den Weg achtend.
Sehr aufschlussreich ist es, sich neben den Gesichtern den vom Künstler geschaffenen Händen und Füßen der Personen in ihren Variationen zuzuwenden, denn auch sie legen Zeugnis ab von seiner Meisterschaft.
Wer, wie Scharr damals, bei einem so sensiblen Thema, dass stark durch sozialistische Propaganda geprägt war, seine eigenständige künstlerische Bildsprache behauptete, erhielt als Anerkennung für sein Kunstwerk den Bildband 30 Jahre DDR mit dem Eintrag: Dem Künstler Heinz Scharr und seiner Gattin anlässlich des 30. Jahrestages der Gründung der DDR gewidmet.
Heidelore Kneffel
Autor: nnz/knDa wenigen erinnerlich ist, was sich damals beim Erschaffen derselben zutrug, soll daran erinnert werden. Ende 2008 übergab der Künstler Heinz Scharr mit seiner Frau Jutta im Museumsbau der KZ Gedenkstätte Mittelbau-Dora mehrere Kohlezeichnungen auf Papier zum Thema Leidenszug der Gefangenen für die Kunstsammlung der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora. Weitere Studienblätter sind schon länger in deren Besitz. Insgesamt umfasst die Schenkung nun dreiundzwanzig Arbeiten, die alle vom Künstler signiert und datiert sind, größtenteils auch beschriftet mit Dora Mittelbau oder Mittelbau Dora. Viele weisen den Titel Zug der Gefangenen auf. Einige Zeichnungen beziehen sich speziell auf das Lager Gardelegen und das besonders verbrecherische Geschehen dort am 13. 4. 1945, manche Blätter sind auf der Vorder- und Rückseite mit einer Studie versehen.
Die ca. 60 x 80 cm großen Studien sind von 1974 bis 1976 als Arbeitsgrundlage für die Reliefs in den Kupferplatten der großen Bogenwand nahe des Appellplatzes entstanden und zeigen eindrucksvoll, wie intensiv sich der Künstler diesem emotional bewegenden, ja quälenden Thema zuwandte. Es galt für ihn, Menschen mit ihrer unterschiedlichen Körpersprache in extremer Ausnahmesituation dar zu stellen – Getriebene, Stolpernde, Flüchtende, Stürzende, bereits Gefallende, im Stacheldraht Verfangene, Tote.
Auf allen Blättern zeigt der Künstler Häftlingsgruppen. Die Schergen stellt Scharr nicht dar, aber in der Art, wie die Gefangenen agieren, sind diese doch präsent. Von der Gedenkstätte begleitete Torsten Heß das Ehepaar dann auch zu der von Scharr 1979 fertiggestellten Kupferreliefwand und zur Tribüne des Appellplatzes mit dem Feuerschalenturm, auch ein Entwurf des Künstlers. Die Bogenwand hat die Maße 3 m x 40 m, eine einzelne Kupferplatte misst 3 m x 1,20 m, ist 2 mm stark und wiegt ca. 50 kg.
Heinz Scharr an der Reliefwand (Foto: H. Kneffel)
Wie kam es dazu, dass sich Scharr dieses schwierigen Themas annahm? Wenden wir uns der Vorgeschichte zu. Am 22. 11. 1972 übergab der Rat der Stadt Nordhausen an die SED-Kreisleitung eine Konzeption zur weiteren Gestaltung der Gedenkstätte Lager Dora. Diese war auf den 25. Jahrestag der Gründung der DDR am 7. Oktober 1974 ausgerichtet.. Darin war enthalten, dass der Appellplatz bis zum 20. August 1974 im Wesentlichen gestaltet sein müsste. Das Projekt wurde vom Institut für Denkmalpflege in Berlin unter Leitung des Dr. Ing. Henze erarbeitet. Zum Entwurf gehörten eine Bogenmauer, davor das Tribünenpostament mit einer Flammenschale. Das erste vorgelegte Projekt des Denkmalpflegeinstitutes wurde wegen der Kosten von 310.000 Mark abgelehnt. Ein zweiter Entwurf durfte nur Investitionen von 120.000 Mark vorsehen. Auf der Bogenmauer sollte der Leidenszug der Häftlinge dargestellt werden. Beabsichtigt war, die Figuren erhaben in Beton auszubilden. So schrieb man aus Berlin im Juni 1973 und schickte eine Skizze mit stilisierten Figuren.
In einem Brief vom 25. 1. 1974 teilte Kurt Wilke, Mitglied des Rates des Kreises Nordhausen, dort verantwortlich für Kultur und Volksbildung, dem VEB (K) Baureparaturen in Nordhausen mit, dass man sich in einer Beratung des Vorsitzenden des Rates des Kreises mit dem Leiter der Abteilung Agitation und Propaganda der SED-Kreisleitung geeinigt habe, dass die künstlerische Gestaltung der Betonwand nicht dem VEB übertragen werde, sondern dem Künstler Heinz Scharr. Der Betrieb brauche nur eine Betonwand mit vertikaler Schalung als Sichtbeton auszuführen. Die Bildwandschalung betrüge 103,0 Quadratmeter. Nach Fertigstellen der Mauer werde der Künstler Scharr ein aus Kupferblech bestehendes Relief anbringen.
Die Erschaffung des Leidenszugs (Foto: H. Kneffel)
Am 18. März 1974 erhält Heinz Scharr, der damals mit seiner Frau Jutta in Sondershausen lebt, den Vertrag über die künstlerische Gestaltung der Bogenmauer in der Mahn- und Gedenkstätte Dora. Kurze Zeit später bekommt der Künstler den Auftrag, auch die Texte für die Gestaltung des Eingangs der Gedenkstätte und für das Tribünenpodest, bestehend aus 125 großen Metallbuchstaben, anzufertigen. Wegen des enormen Umfangs der Arbeit entschloss sich das Ehepaar Scharr, im Kreis Nordhausen ein Domizil zu suchen, in dem sie auch die großen Kupferplatten bearbeiten konnten, denn allein zwei Jahre dauerte es, um sie auszuglühen. Die Vorrichtung dazu baute man sich selbst.
Sie erwarben also 1975 den ehemaligen Komturhof des Deutschritterordens in Utterode, zwischen Sollstedt und Rehungen, nahe des Eichsfeldes auf einem kleinen Bergsporn vor der Hainleite gelegen, mit dessen Restaurierung und Gestaltung sie bis heute beschäftigt sind, und den sie zu einem Kleinod formten. 1976 zogen sie in das damals wenig ansehnliche Anwesen ein, auf dem man bis heute die Zeit vom Mittelalter bis in die Jetztzeit lebendig spürt. Ein inspirativer Ort.
Weder die Auftragerteilenden noch der Künstler, der den Vertag unterzeichnete, ahnten wirklich, was für eine immense psychische und physische Arbeitsintensität in der Folgezeit auf Scharr zukommen würde. Seine Frau Jutta war dabei unentbehrlich. Die Auftraggeber allerdings tangierte das deutlich weniger!
Der Auftrag lautete, dem Leidenszug der Gefangenen aus dem Lager im April 1945, in Kupfer getrieben, nachzuspüren. Gruppendarstellungen sind immer eine Herausforderung für einen Künstler, zumal in der geforderten Dimension. Scharr schuf einen Fries von 14 Häftlingen als überlebensgroße Reliefs: Vier davon sind als Einzelpersonen dargestellt, zwei in einer Zweiergruppe und zwei in einer Dreiergruppe. Das Ende bildet eine liegende Rose. Die ersten und letzten Kupferplatten sind ohne Figuren, tragen aber die Spuren der Zeit sehr einprägsam. Bevor die Figuren ins Kupfer getrieben wurden, entstanden 1:1 Zeichnungen, die bis dato nicht öffentlich sind.
Nach dem 2. Weltkrieg war von einigen postuliert worden, dass nach Auschwitz die Künste nur noch schweigen könnten, schweigen müssten. Aber auch gegensätzliche Gedanken wurden laut: Den Künstlern ist es aufgetragen, Werke gegen das Vergessen zu schaffen.
Scharr las viel, studierte Augenzeugenberichte, sah sich Fotodokumente an, erinnerte sich an seine Kriegszeit als junger Mensch. Mit achtzehn Jahren war er 1942 zur Marine eingezogen worden. Er durchlebte den Krieg in mehreren Ländern. Bis 1947 schloss sich in England und Belgien die Kriegsgefangenschaft an. Im Bergwerk war er der Extreme ausgesetzt, wurde von einem herabfallenden Brocken am Arm schwer verletzt. Er kannte also Leben in lebensbedrohender Zeit.
Wie eingangs ausgeführt, begab sich Scharr zuerst mit seiner Zeichenkunst auf den Leidenszug der Gefangenen. Er musste sich bei seiner künstlerischen Konzeption darüber klar sein, dass dieses Lager, 1943 relativ spät errichtet, Besonderheiten aufwies, die es zu bedenken gab. Das war ein Arbeitslager, in dem ohne Rücksicht auf Menschenleben Waffen in unterirdischen Stollenanlagen produziert wurden, mit denen die nationalsozialistischen Machthaber den Krieg gewinnen wollten – Spezialraketen. Der Begriff Wunderwaffe geisterte durch die Welt!
Die Evakuierung des Lagers kurz vor Kriegsende, als die amerikanische Arme nahte, brachte für die bis dahin Überlebenden einen schrecklichen Leidenszug hin an andere Orte oder in den Tod. Scharrs Gruppendarstellungen der verschiedenen Ausdrucksformen des Getriebenwerdens sind von großer Eindringlichkeit. Auf seinen Zeichnungen machte sich der Künstler also Bild um Bild von einer solchen Ausnahmeexistenz, um sie dann in die Gestaltung der Kupferreliefs einfließen zu lassen.
Man übergab das Relief am 9. September 1979, aber das war nur eine Randerscheinung, wie die Leser der hiesigen Presse entnehmen konnten. Machtvolle Manifestation in Gedenkstätte, so titelt die Tageszeitung Das Volk am 11. 9. Im Untertitel heißt es im substantivreichen Propagandastil weiter: Von der Großveranstaltung anlässlich des Internationalen Gedenktages für die Opfer des faschistischen Terrors und Kampftages gegen Faschismus und imperialistischen Krieg. 11 000 Bürger hätten sich versammelt und auf der gefüllten Tribüne eine Ansammlung der politischen Prominenz der Region und einige ehemalige Häftlinge und Widerstandskämpfer sehen können. Als höchster Repräsentant der Veranstaltung galt der Generalkonsul der UdSSR in der DDR, Genosse Tetow, der ausführte: Die Bürger der Sowjetunion und der DDR gestalten die sozialistische Gesellschaft. Das ist das beste Denkmal, das wir den Helden des antifaschistischen Widerstandes setzen. Dann heißt es im Bericht der Zeitung weiter: Am Ende der Kundgebung wurde in Anwesenheit des Bildenden Künstlers Heinz Scharr das 40 m lange Kupferrelief mit Ausschnitten des Leidensweges der Häftlinge des ehemaligen KZ ‚Dora’ der Öffentlichkeit übergeben. Drei Fotos sind dem Beitrag hinzugefügt, keines zeigt das Kunstwerk.
Wie stellt Scharr die im Zeitungsartikel und auch sonst beschworen Helden des antifaschistischen Widerstandskampfes dar? Was bedeutet heldenhaft, wer konnte es wie sein angesichts der brutalen Methoden, die in diesem Lager herrschten? Wie reagieren in Ausnahmesituationen gebrachte Menschen, gedemütigt, gequält, die man auf einen Marsch in andere Lager schickt, obwohl die Kraft dazu eigentlich fehlt? Die alliierten Truppen waren ganz in der Nähe, Hoffnung keimte auf und dann diese Transporte!
Zwei Männer, hohlwangig mit großen tiefliegenden Augen, stehen, frontal zum Betrachter gewandt, relativ aufrecht im Leidenszug, die anderen sind noch deutlicher gezeichnet vom Martyrium der Gefangenschaft und Zwangsarbeit. Scharr hatte sich nicht beirren lassen und die verschiedenen Stufen des Erleidens bis hin zum Tode dargestellt.
Eine der Dreiergruppen wirkt wie eine Predella mittelalterlicher Altarbilder. Die drei auch im Tode durch ihre Qualen Gekennzeichneten werden in der Erinnerung überleben. Eine Zweiergruppe zeigt die Hilfsbereitschaft untereinander, die an die berühmte antike Skulpturengruppe der Dioskuren Castor und Pollux denken lässt, deren zahlreiche Kopien aufzeigen, für wie wichtig das Freundschaftsmotiv in unserer Kulturgeschichte gehalten wird. Bei Scharr hilft der sich besser Fühlende dem Schwächeren, dessen Gesicht zur Weite des Himmels erhoben ist. Stützend und schützend legt der Helfende seine Hände um den anderen, dabei auf den Weg achtend.
Sehr aufschlussreich ist es, sich neben den Gesichtern den vom Künstler geschaffenen Händen und Füßen der Personen in ihren Variationen zuzuwenden, denn auch sie legen Zeugnis ab von seiner Meisterschaft.
Wer, wie Scharr damals, bei einem so sensiblen Thema, dass stark durch sozialistische Propaganda geprägt war, seine eigenständige künstlerische Bildsprache behauptete, erhielt als Anerkennung für sein Kunstwerk den Bildband 30 Jahre DDR mit dem Eintrag: Dem Künstler Heinz Scharr und seiner Gattin anlässlich des 30. Jahrestages der Gründung der DDR gewidmet.
Heidelore Kneffel

