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Friedliche Revolution in SDH

Donnerstag, 29. Oktober 2009, 13:58 Uhr
Über die friedliche Revolution in Sondershausen ist ein interessantes Buch erschienen. Wichtig dabei, darin kommen viele Sondershäuser zu Wort...

Soeben ist in der TLStU-Buchreihe ein neues - ein interessantes, berührendes und wissenschaftlich wertvolles - Buch erschienen, dass sich um die "Friedliche Revolution in Sondershausen dreht. TLStU heißt Landesbeauftragte des Freistaates Thüringen für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR.

"Die Friedliche Revolution in Sondershausen" mit Beiträgen von 15 Autoren und 125 Fotos von Michael Glaser umfasst 175 Seiten
(ISBN: 3 - 932303 - 62 - 8 - hg. TLStU, Erfurt, 2009).

Es ist für eine Schutzgebühr von 3,00 Euro (kostenfrei für Schüler, Auszubildende, gemeinnützige Einrichtungen und Empfänger von Sozialleistungen) ab sofort erhältlich:

Sondershausen-Information ,Sondershausen, Schloss, Museumskasse oder
Thür. Landesbeauftragte f. Stasi-Unterlagen,
Jürgen-Fuchs-Straße 1, 99096 Erfurt
0361/3771951, tlstu@t-online.de

Titelblatt Friedliche Revolution (Foto: Landesbeauftragte des Freistaates Thüringen für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR) Titelblatt Friedliche Revolution (Foto: Landesbeauftragte des Freistaates Thüringen für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR) 2009 erscheinen nicht grad wenige Publikationen, doch auch im 20. Jahr des Herbstes 1989 ist dieses besondere Buch nicht selbstverständlich. Immerhin fanden sich fünfzehn Menschen zusammen, die die "Revolution vor Ort" seinerzeit in ihren verschiedenen Ereignissen, Gruppierungen, Aktivitäten und Motivationen geprägt und miterlebt haben. Sie verfassten nun innerhalb weniger Wochen eine vielfältige, lebendige Beschreibung der "Friedlichen Revolution in Sondershausen", die von ihren Quellen (wie dem Ökumenischen Arbeitskreis oder dem Café Pille) über die Vielfalt der Herbstereignisse bis hin zu den freien Wahlen und den freien Wählern 1990 reicht.

Lokale revolutionäre Prozesse sind für das Verständnis der Friedlichen Revolution auch im Ganzen wesentlich, denn die Reichweite des Systemumbruchs definiert sich nicht bloß in Wiedervereinigung und Landesverfassung, sondern ebenso substanziell in den kommunalpolitischen Demokratisierungen und Machtwechseln.

Der Sondershäuser Herbst `89 hat viel "Typisches", ist aber im Besonderen auch geprägt durch den ersten Thüringer Funktionärs-Rücktritt, durch intensive Untersuchungs-Arbeit, schnelle Aufarbeitung im Schulwesen oder eine baldige Selbstauflösung des Neuen Forum in Richtung Freie Wähler oder Grüne.

Jürgen Hauskeller, der thüringenweit wohl namhafteste Sondershäuser Bürgerrechtler, schreibt zum Anliegen des Projekts: "Ich war damals mittendrin im Getümmel der Friedlichen Revolution in Sondershausen und möchte nach 20 Jahren einfach erzählen, was ich mit anderen Sondershäusern zusammen besprochen, geplant, durchgeführt und erlebt habe, um unser gemeinsames Anliegen, eine Veränderung der politischen Verhältnisse herbeizuführen, umzusetzen. Es waren unvergessliche Stunden, Tage, Wochen und Monate, die uns mit ihrem atemberaubenden Tempo erfassten und mitrissen."

Die breite, zeitzeugende Autorenschaft ermöglicht dem Leser Einblicke in die Friedensgebete (Winfried Stitz), die unabhängige Untersuchungskommission (Dieter Strödter), die Friedensdekade (Jürgen Hauskeller), die SDP-Gründung (Uwe Dönhoff), die Stasi-Besetzung (Georg Schäfer), den Runden Tisch (Jürgen Hauskeller), den Demokratischen Aufbruch (Heidi und Dieter Herold) oder das Neue Forum (Jürgen Rauschenbach). Texte von Torsten Krannich und Michael Glaser sind auch eindringliche Berichte im Lichte des Erlebens zweier damals erst Achtzehnjähriger. Abgerundet werden die Beiträge durch Michael Glasers einführende Chronik und Jürgen Hauskellers Beschreibung der wichtigen letzten Oktoberwoche.

Zu den meisten Themen gibt es keine Quellen, Akten, Archivschränke, so dass die Einzelbeiträge selbst als wichtige erinnerungsgeschichtliche Arbeiten gelten können. Gerald Höfer, der u.a. über die Anfänge des Neuen Forums schreibt, argumentiert eigenwillig-überzeugend für die Unverzichtbarkeit der Aufarbeitung durch die beteiligten Bürgerrechtler selbst: "Die Anfänge des Neuen Forums in Sondershausen lassen sich nicht an einem Datum festmachen. Einen Gründungstag hat es nicht gegeben. Vielleicht finden Historiker ihn irgendwann her-aus. Zeittabellen sind deren Sache."

Die meisten Texte sind mehr als Beschreibungen von Situationen, Ereignissen oder Prozessen - sie ermöglichen dem Leser darüber hinaus, etwas über Motivation, Engagement und spätere Lebensläufe der Akteure des friedlichen Umbruchs kennen zu lernen.

Michael Glasers Beitrag für das Zustandekommen des Buchs ist besonders zu erwähnen. Neben der Organisation, Zusammenstellung, Einführung, Fotoauswahl und Chronik wurde er auch tätig als Autor eines ausführlichen, persönlichen Erinnerungsbeitrages. Das Zustandekommen der Publikation ist ihm daher in besonderer Weise zu verdanken.

Durch das Gesamtwerk mag der Leser, der Außenstehende oder damals anderweitig Beteiligte berührende Impressionen und Nachdenklichkeiten aus den nicht nur in Sondershausen bewegendsten Monaten der letzten Jahrzehnte erlangen.

Der Autor Thomas H. Weinrich resümiert am Ende seines Beitrages beispielsweise: "Die Wende in Sondershausen, die für mich und meine Mitstreitenden im Dezember 1987 begann. Ich bin davon überzeugt, den Menschen in Sondershausen hat das Wirken des Ökumenischen Arbeitskreises für ‚Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung' den Boden für den gesellschaftlichen Umbruch im Herbst 1989 mit bereitet und möglich gemacht. Ein Boden, bereit, dass ihm eine bessere, vollkommenere Gesellschaft entwachsen könnte. Heute bepflanzt mit den Bäumen anderer."

Und Michael Glasers Beitrag endet mit den Worten: "Ich bin froh, diese Wochen und Monate so miterlebt zu haben. Damals ahnte ich, heute weiß ich, dass wir großes Glück hatten, dass alles so friedlich verlaufen ist."
Autor: khh

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