kyffhaeuser-nachrichten.de

nnz-interview: Der „Wahrheit“ nahe sein

Donnerstag, 07. Januar 2010, 14:17 Uhr
Wer ihn noch nicht gehört hat, sollte sich am kommenden Wochenende die Gelegenheit nicht entgehen lassen: Am 9. Januar im Haus der Kunst in Sondershausen und 10. Januar im Theater Nordhausen ist der russische Pianist Igor Kamenz wieder zu einem Klaviersoloabend zu Gast. Wir haben ihn befragt...


Der „mit allen Wassern gewaschene Tastengladiator“, wie ihn die Presse einmal bezeichnete, besticht sein Publikum immer wieder mit seiner großartigen Virtuosität und Musikalität. In Sondershausen und Nordhausen spielt er mit Modest Mussorgskis „Bildern einer Ausstellung“ eines der anspruchsvollsten Werke der Klavierliteratur. Darüber hinaus hat er diesmal Mozarts letzte und zugleich schwerste Klaviersonate KV 576 und Schumanns farbenreichen Zyklus „Carnaval“ auf dem Programm.

nnz/kn: Sie haben neben dem Klavier auch Dirigieren gelernt: Warum wurden Sie Pianist?

Kamenz: Das hatte mehrere Gründe, zum einen praktische: Als ich aus der UdSSR 1978 in den Westen gekommen bin, hatte ich noch keinen Manager, das heißt ich musste die Konzerte selber organisieren. Ein Pianist braucht kein Orchester, sondern kann ein Konzert alleine veranstalten.

Zum anderen kann man, kann zumindest ich nicht beides gleichermaßen tun: Wenn ich es als Konzertpianist richtig gut machen möchte, dann muss ich mich darauf konzentrieren.

Gleichwohl habe ich auch im Westen eine Reihe von Konzerten als Dirigent gegeben, z.B. mit dem Haydn-Orchester Bozen oder dem Budapester Rundfunksinfonieorchester. Im April 2010 werde ich bei meiner Russlandtournee nicht nur als Solist und mit Klavierabenden auftreten, sondern auch am Pult stehen, u. a. mit der 5. Sinfonie von Tschaikowsky.

nnz/kn: Mozart – Schumann – Mussorgski: Was reizte Sie an der Zusammenstellung dieses Konzertprogramms?

Kamenz: Was ist reif, was ist realistisch, was schaffe ich? Das ist bei der Zusammenstellung eines Konzertes immer wichtig. Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“ hatte ich acht Jahre lang nicht gespielt; im Oktober spielte ich sie erstmals wieder in einem Konzert. Mein Manager war begeistert, das Stück sei reif für eine CD-Aufnahme.

Es ist ein Wunder, dass ich es geschafft habe, dieses Stück in nur einem Monat so weit zu bringen, dass es „reif“ ist. Auf CD nehme ich für gewöhnlich nur Werke auf, die ich lange gespielt habe.

Mozarts Sonate KV 576 ist die schwerste von allen seinen Sonaten; Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“ können auch als eine Art „russischer Karneval“ angesehen werden.

nnz/kn: Liegt Ihnen als gebürtiger Russe die Musik von Mussorgski besonders am Herzen?

Kamenz: Ich habe nicht unbedingt eine besondere Vorliebe für russische Musik. Ich spiele von Couperin bis hin zu Komponisten der Gegenwart alles; Schwerpunkte sind Musik der Romantik und des Fin de Siècle und Beethoven. Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“ ist ein Problemwerk: Es gibt sehr viele musikalische und technische Kontraste, die zum Hörer gebracht werden, manche Übergänge sind sehr abrupt. Den Orchesterklang des Stücks muss man wie ein Dirigent herausarbeiten, welche Stimmen haben den Vorzug, welche nicht usw. Hier hilft meine Erfahrung als Dirigent.

nnz/kn: Gehen Sie an die Musik von Mozart und Schumann anders heran als an die von Mussorgski?

Kamenz: Natürlich. Ich muss die Stilunterschiede herausarbeiten, sonst geht die Materie verloren.

nnz/kn: Mit dem gleichen Programm sind Sie im Frühjahr auf der bereits erwähnten längeren Russland-Tournee. Ist es etwas Besonderes, in Ihrer Heimat zu spielen?

Kamenz: Gewiss. Durch den „Eisernen Vorhang“ habe ich dort sehr selten gespielt. Ich konzertiere in der ganzen Welt, für China etwa habe ich innerhalb von kurzer Zeit ein Visum erhalten. Aber für Russland habe ich – als ehemaliger Flüchtling – noch vor einigen Jahren nur unter großen Schwierigkeiten ein Einreisevisum bekommen; heute geht das erfreulicherweise viel einfacher.

nnz/kn: Was wünschen Sie den Zuhörern Ihrer Konzerte durch Ihre Musik mitzugeben?

Kamenz: Das ist ganz verschieden, je nachdem, was der Komponist geschrieben hat. Mahler hat einmal gesagt: „In der Partitur steht alles, nur das Wesentliche nicht.“ Der Komponist hat nur die Noten aufgeschrieben, was er sich genau vorgestellt hat, das konnte er nicht in Noten bringen. Aber gerade das möchte ich auferstehen lassen und das Persönliche, das ich sehe, zum Zuhörer bringen. Im Idealfall möchte ich dem Zuhörer das Gefühl geben, momenthaft einem Zustand von „Wahrheit“ nahe zu sein.

Der Klavierabend mit Igor Kamenz findet am 9. Januar um 19.30 Uhr im Haus der Kunst in Sondershausen sowie am 10. Januar um 19.30 Uhr im Theater Nordhausen. Karten gibt es an der Theaterkasse (Tel. 0 36 31/98 34 52), in der Sondershausen-Information (Tel. 0 36 32/78 81 11) und an allen Vorverkaufsstellen der Theater Nordhausen/Loh-Orchester Sondershausen GmbH.
Autor: nnz/kn

Drucken ...
Alle Texte, Bilder und Grafiken dieser Web-Site unterliegen dem Urherberrechtsschutz.
© 2026 kyffhaeuser-nachrichten.de