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Tausende Videos gingen über den Tisch

Donnerstag, 04. März 2010, 07:05 Uhr
Morgen, am 5. März dieses Jahres kann die Arterner BBS-Videothek auf ihr 20jähriges Bestehen zurück blicken. Auf dieses bemerkenswerte Firmenjubiläum weist unser Leser Klaus Henze hin...

Der gelernte Lackierer Jürgen Linsenbarth aus Artern gehörte zu den glücklichen, die zur Wende bereits über ein Videogerät verfügten. Das hatte sein Interesse geweckt. Mit der Wende, der Öffnung der Grenzen, wurde ja auch solche Technik erreichbar, kamen Videofilme ins Interesse nicht nur junger Menschen. War es eine Blitzidee, die dann sein Leben bestimmen sollte? Jedenfalls setzte er sich in das Auto, fuhr nach Schweinfurt, ging in die erste beste Videothek und erkundigte sich, wie das so läuft mit diesem Geschäft. Er hatte Glück. Er war an den richtigen geraden und Thomas Bühl beantwortete nicht nur seine Fragen, sondern wurde auch sein Partner bei der Gründung der ersten Videothek in Artern und einer der ersten im Osten, zumindest von jenen, die heute noch leben, wie Jürgen Linsenbarth überzeugt ist.

Am 5. März 1990 öffnete am Arterner Stadtrand, im Elternhaus von Linsenbarth in der Schönfelder Straße die BBS-Videothek. Den Namen hatte sein Schweinfurter Partner mit eingebracht und blieb als Markenzeichen auch nach der freundschaftlichen Trennung beider erhalten.

Damals gab es ja noch die DDR und die BRD und damit die Grenze zwischen beiden Staaten. Auch wenn sie durchlässig geworden war, war es noch nicht normal sie mit einer größeren Menge Videos im Gepäck zu überschreiten. denn hier bekam er ja seine Videos nicht, kaufte sie "drüben" ein. Um sicher zu gehen, rief er im Innenministerium der DDR an, wie das denn nun wäre. Man reagierte überrascht, vor der Frage hätte man noch nicht gestanden. Das ist für ihn eine weitere Bestätigung dafür, dass er wohl einer der ersten war.

In den ersten Jahren wurde wohl alles geguckt, was es gab. Obwohl am Stadtrand gelegen, konnte er gar nicht so viele Filme herbei schaffen, wie man haben wollte. Noch im gleichen Jahr, am 16. Oktober bezog er neue, zentralere Räume, in der Nordhäuser Straße, dem einstigen "Intershop". Hier verdoppelte sich die Zahl der Filme bereits von den einstigen 520 auf etwa 1.300. Dazu kamen 100 Spiele und er konnte seinen Kunden bereits Getränke, Snacks und Spiele an Automaten anbieten. Am 30. September 1996 zog er wieder um, auf den Markt - heute Sonnenstudio. Hier gehörten dann bereits etwa 2.200 Filme und 150 Spiele zum Angebot. Neben Automaten gab es dann auch schon Billard. In dieser Zeit traf ihn ein harter gesundheitlicher Schlag. Doch seine Lebensgefährtin Cornelia Kammel übernahm das Geschäft nahtlos, ohne einen Schließtag, vergisst er nicht zu betonen. Seit 6. Juli 2000 ist sie die Chefin.

BBS-Videothek (Foto: Klaus Henze) BBS-Videothek (Foto: Klaus Henze)

Cornelia Kammel und Lebensgefährte Jürgen Linsenbarth in ihrer Videothek auf dem Arterner Königstuhl.

Seit 1. Mai 2006 hat die Videothek ihre neue Adresse auf dem Arterner Königstuhl. Mit den Räumen der einstigen Drogerie kann sie ihr Angebot, gegenwärtig immer hin etwa 2.800 Filme, recht geräumig präsentieren. Wer sich nicht gleich entschließen kann, für den bieten Snooker und Air Hockey Zeitvertreib. Vor etwa zwei Jahren übernahm die Videothek noch für die Anwohner eine zusätzliche Dienstleistung. Während der gesamten Öffnungszeit der Videothek (Montag bis Freitag 11 bis 21 Uhr und Sonnabend 10 bis 21 Uhr) kann man die Leistungen des DPD-Paketshops in Anspruch nehmen, kann sich also den Weg in die Stadt mit dem sperrigen Paket für die Enkel sparen.

Zurzeit sind im Computer der Videothek fast 6.000 Kunden erfasst, sicherlich einige Karteileichen drunter. Der Andrang von heute ist mit dem Anfang der neunziger Jahre leider nicht mehr vergleichbar. Das hat trotz moderater Preise nach der Meinung der Inhaber auch einiges mit der wachsenden Armut in unserer Region zu tun. Sie kommen dem noch mit halbem Preis jeweils dienstags sowie für Videos mit dem Schauspieler des Monats entgegen. Die Herzen von Cornelia Kammel und Jürgen Linsenbarth hängen an dem Geschäft. Viele Freundschaften sind über die Jahre entstanden. Sie waren die Ersten, zwischendurch hatte Artern mal vier Videotheken. Inzwischen sind sie wieder die Einzigen. Sie möchten ihre Kunden nicht enttäuschen und bis zur Rente ist es ja noch ein Weilchen. Aber die Videothek ist ja auch ein bisschen Kultur, das unserer Stadt erhalten bleiben sollte.
Text und Foto: Klaus Henze
Autor: khh

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