"Sonderbares aus Sondershausen" (3)
Mittwoch, 08. September 2010, 18:50 Uhr
Nach einem spitzen Hieb wegen der Radwege in Sondershausen nimmt sich heute unserer Leser Eric Sommer in der Reihe "Sonderbares aus Sondershausen" mal ein anderes Thema satirisch aufs Korn: "Mehr regionale Wertschöpfung durch weniger Jahresurlaub". Ob da die Politiker die Ohren spitzen?...
Warum die deutschen Unternehmerverbände die Jahresurlaubszeitverkürzungsdebatte gerade in den Ferien losgetreten haben, wird den Arbeitern und Bauern hierzulande wohl auf ewig ein Rätsel bleiben. Womöglich kommen einem solche Gedanken auf einer Yacht im Mittelmeer. So ganz neu ist der Ansatz ja auch wieder nicht. Wie ein großer deutscher Bundeskanzler schon 1993 sinngemäß sagte, kann unsere Zukunft kaum gesichert werden, wenn man das Land als kollektiven Freizeitpark organisiert.
Nichtsdestotrotz, betrachtet man den vordergründig und in erster Linie der systemimmanenten Gewinnoptimierungsabsicht dienenden Vorschlag zur unternehmerseitig kostenneutralen Arbeitszeitverlängerung bei vollem Lohnausgleichsverzicht einmal näher, lassen sich aus dessen Umsetzung eine ganze Reihe regionalpolitischer, wirtschaftspolitischer, umweltpolitischer und gesundheitspolitischer, kurz für uns alle guter Effekte ableiten, die auch dem hartnäckigsten Mehrarbeitsverweigerer einleuchten müssten.
Wenn die Freizeit für die ganzjährig besparte, gewöhnlich gerade mal zweiwöchige Urlaubsreise in die Südsee nicht mehr zur Verfügung steht, fällt diese schlichtweg in's Wasser und der sauer verdiente Euro versickert nicht mehr regionalpolitisch unwirksam auf nimmer Wiedersehen im weißen Sand der Karibik, sondern bleibt stattdessen in Sondershausen und wird womöglich auch hier ausgegeben. Das sichert Arbeitsplätze, schont die Umwelt und mindert das Hautkrebsrisiko.
Nun fliegt ja nicht jeder in die Südsee, könnte man mit Recht sagen. Richtig, die Region ist eine Region von Heimwerkern. Nur bedeutet weniger Urlaub auch weniger Zeit zum Heimwerken. Aber wer repariert das Dach, den Zaun, das Geländer, wer tapeziert die Wände, hackt das Holz und bringt den Garten in Ordnung? Hier bahnt er sich an, der Aufschwung für das regionale Handwerk, die Lawine im Dienstleistungsgewerbe. Mehr neue Arbeitsplätze, mehr regionale Wertschöpfung bis hin zur Regionalisierung der Energiekreisläufe.
Und das ist ja längst noch nicht alles. Wenn keine Zeit mehr für lange Anreisewege bleibt, werden die Naherholungszentren wieder aufblühen. Die Menschen werden wieder, wie vor wenigen Jahrzehnten schon einmal, zum Possen pilgern und dort ihre Picknickdecken ausbreiten. Der Kanubetrieb auf der Wipper wird, jetzt da sie sauber und obendrein renaturiert flussabwärts plätschert, zum neuen Freizeitsport Nummer Eins avancieren, Pferdehöfe werden ihren Bestand aufstocken und alte Bauergehöfte saniert werden. Somit erledigt sich die Bestandspflege, um die Wirtschaftsförderer seit der Wende ringen, quasi im Alleingang.
Was das Ganze für die nahezu am Boden liegende Sondershäuser Kneipenszene bedeuten könnte, kann man noch gar nicht vorhersehen. Die Außenbewirtschaftung würde sich, wie in den strandnahen Vierteln Mallorcas, über den ganzen Marktplatz erstrecken, Straßencafes und Brauhäuser würden die leerstehenden Ladenlokale entlang der Fußgängerzone wiederbeleben und das Flair einer sanierten Altstadt voller ausgelassener und gut gelaunter Menschen würde von dort aus in die ganze Region quellen.
Dafür sollte man doch guten Gewissens auf ein paar Wochen Urlaub verzichten können. Man halte sich nur mal vor Augen, dass die Woche zu Beginn der industriellen Revolution noch sechs Arbeitstage hatte und damals niemand von einem 8-Stunden Tag auch nur zu träumen wagte. Also vorwärts in die Vergangenheit.
Eric Sommer © ES
Autor: khhWarum die deutschen Unternehmerverbände die Jahresurlaubszeitverkürzungsdebatte gerade in den Ferien losgetreten haben, wird den Arbeitern und Bauern hierzulande wohl auf ewig ein Rätsel bleiben. Womöglich kommen einem solche Gedanken auf einer Yacht im Mittelmeer. So ganz neu ist der Ansatz ja auch wieder nicht. Wie ein großer deutscher Bundeskanzler schon 1993 sinngemäß sagte, kann unsere Zukunft kaum gesichert werden, wenn man das Land als kollektiven Freizeitpark organisiert.
Nichtsdestotrotz, betrachtet man den vordergründig und in erster Linie der systemimmanenten Gewinnoptimierungsabsicht dienenden Vorschlag zur unternehmerseitig kostenneutralen Arbeitszeitverlängerung bei vollem Lohnausgleichsverzicht einmal näher, lassen sich aus dessen Umsetzung eine ganze Reihe regionalpolitischer, wirtschaftspolitischer, umweltpolitischer und gesundheitspolitischer, kurz für uns alle guter Effekte ableiten, die auch dem hartnäckigsten Mehrarbeitsverweigerer einleuchten müssten.
Wenn die Freizeit für die ganzjährig besparte, gewöhnlich gerade mal zweiwöchige Urlaubsreise in die Südsee nicht mehr zur Verfügung steht, fällt diese schlichtweg in's Wasser und der sauer verdiente Euro versickert nicht mehr regionalpolitisch unwirksam auf nimmer Wiedersehen im weißen Sand der Karibik, sondern bleibt stattdessen in Sondershausen und wird womöglich auch hier ausgegeben. Das sichert Arbeitsplätze, schont die Umwelt und mindert das Hautkrebsrisiko.
Nun fliegt ja nicht jeder in die Südsee, könnte man mit Recht sagen. Richtig, die Region ist eine Region von Heimwerkern. Nur bedeutet weniger Urlaub auch weniger Zeit zum Heimwerken. Aber wer repariert das Dach, den Zaun, das Geländer, wer tapeziert die Wände, hackt das Holz und bringt den Garten in Ordnung? Hier bahnt er sich an, der Aufschwung für das regionale Handwerk, die Lawine im Dienstleistungsgewerbe. Mehr neue Arbeitsplätze, mehr regionale Wertschöpfung bis hin zur Regionalisierung der Energiekreisläufe.
Und das ist ja längst noch nicht alles. Wenn keine Zeit mehr für lange Anreisewege bleibt, werden die Naherholungszentren wieder aufblühen. Die Menschen werden wieder, wie vor wenigen Jahrzehnten schon einmal, zum Possen pilgern und dort ihre Picknickdecken ausbreiten. Der Kanubetrieb auf der Wipper wird, jetzt da sie sauber und obendrein renaturiert flussabwärts plätschert, zum neuen Freizeitsport Nummer Eins avancieren, Pferdehöfe werden ihren Bestand aufstocken und alte Bauergehöfte saniert werden. Somit erledigt sich die Bestandspflege, um die Wirtschaftsförderer seit der Wende ringen, quasi im Alleingang.
Was das Ganze für die nahezu am Boden liegende Sondershäuser Kneipenszene bedeuten könnte, kann man noch gar nicht vorhersehen. Die Außenbewirtschaftung würde sich, wie in den strandnahen Vierteln Mallorcas, über den ganzen Marktplatz erstrecken, Straßencafes und Brauhäuser würden die leerstehenden Ladenlokale entlang der Fußgängerzone wiederbeleben und das Flair einer sanierten Altstadt voller ausgelassener und gut gelaunter Menschen würde von dort aus in die ganze Region quellen.
Dafür sollte man doch guten Gewissens auf ein paar Wochen Urlaub verzichten können. Man halte sich nur mal vor Augen, dass die Woche zu Beginn der industriellen Revolution noch sechs Arbeitstage hatte und damals niemand von einem 8-Stunden Tag auch nur zu träumen wagte. Also vorwärts in die Vergangenheit.
Eric Sommer © ES
