nnz-Bücherkiste: Mrs. Mortimers Wahn
Mittwoch, 06. Oktober 2010, 16:40 Uhr
Woran viele Literaten hart arbeiten müssen, das flog der viktorianischen Kinderbuchautorin Mrs. Mortimer nur so zu - Satire. Das Dumme ist nur: sie hat es nicht gemerkt und ganz anders gemeint. Olaf Schulze las ihren übellaunigen Reiseführer.
Favell Lee Mortimer/Todd Pruzan
Die scheußlichsten Länder der Welt
Mrs. Mortimers übellauniger Reiseführer
(Piper)
Satire, so sagt das Lexikon bedeute bunt gemischtes Allerlei und bezeichne eine Spottdichtung, die mangelhafte Tugend oder gesellschaftliche Missstände anklagt. Das ist nun eigentlich nicht die gängige Stilistik für einen Reiseführer. Außer für den der Mrs. Mortimer, die Mitte des 19. Jh eine bekannte Kinderbuchautorin in England war. In einem überaus arroganten Tonfall und mit geballtem Unwissen schwadroniert sie über Länder, die sie nie besucht und Menschen, die sie nie gesehen hat. Und die Autorin hatte keine Ahnung von Satire und frönt auch nicht dem berühmten schwarzen, englischen Humor. Sie meint das alles bitter ernst.
Niemand in ganz Europa ist so tollpatschig und unbeholfen mit seinen Händen wie der Portugiese. Es ist schon seltsam mit anzusehen, wie schlecht die Zimmerleute Kisten zimmern und die Schmiede Schlüssel fertigen.
Sätze wie dieser waren es, die den amerikanischen Journalisten Todd Pruzan vor Unglaube den Unterkiefer herunterklappen ließen, als er eines Tages auf einem alten Dachboden eines der Machwerke der Mrs. Mortimer in die Hände bekam. Schnell saß er mit seinen Freunden in fröhlicher Runde und sie wischten sich vor Lachen die Tränen aus den Augen bei so haarsträubenden Erkenntnissen wie dieser: Wenn Sie durch Deutschland reisen würden, sähen Sie schön geschwungene Hügel und große Wälder, aber nicht diese hübschen grünen Wiesen und Weißdornhecken wie in England. Wo sind die Kühe? Sie sind im Stall. Wie seltsam, die arme Kuh im Stall einzusperren! Ich bin sicher, wenn Sie eine Kuh wären, würden Sie viel lieber eine amerikanische sein, die sich an frischem Gras gütlich tun kann, und nicht eine deutsche, die Bündel von Heu in einem Stall frisst.
Die puritanisch-quäkerische Favell Lee Bevan studierte von Kindheit an die Bibel, bis sie im zarten Alter von 39 Jahren den Reverend Mortimer ehelichte. Der hielt ihre Gesellschaft aber nur neun Jahre aus und hinterließ die Schriftstellerin als kinderlose Witwe, die sich nun auf Reisebücher aller Art stürzte, um daraus ihre hanebüchenen Schlüsse zu ziehen und dummen Belehrungen zu formulieren. Obwohl sie nur wenige Kilometer von der Waliser Grenze im Westen Englands entfernt lebte, betrat sie diesen Landesteil des UK niemals. Was sie allerdings nicht davon abhielt, entschieden und jede Widerrede ausschließend die Einheimischen dort zu charakterisieren: Sie sind kurz und gedrungen von Gestalt – sie haben breite, rosige Gesichter. Sie sind sehr aufbrausend, wenn man sie beleidigt, aber sehr ehrlich und fleißig. Die Frauen stricken sogar noch auf dem Weg zum Markt.
Todd Pruzans Verdienst ist es, sich in dieser Edition durch den Wust an Halbwissen, Wunschdenken und Boshaftigkeit der Mrs. Mortimer gearbeitet zu haben. Neben der skurrilen Komik offenbart das Buch aber auch eine erschreckende und bigotte Engstirnigkeit und Dummheit. Aber wenigstens hat sie ihren Missmut über die ganze Welt verteilt und keine Rasse oder Völkergruppe kommt ungeschoren davon. Auch die beiden Geschlechter beschimpft sie gerecht verteilt. Über chinesische Frauen weiß Mrs. Mortimer zu berichten: Die Frauen, die leben können, ohne arbeiten zu müssen, sind sehr faul und stehen im Winter erst sehr spät auf. Warum sollten sie auch früh aufstehen, wenn sie nichts zu tun haben?. Italienische Männer dagegen können nicht richtig kämpfen: Es ist fürchterlich, wenn man bedenkt, wie viele Morde in Italien begangen werden. Sogar Jungen heben Steine auf, um sich damit zu bewerfen, statt mit ihren Händen zu kämpfen, und Männer greifen nach ihren Messern und stechen sich damit nieder.
Die Liste übellauniger Zitate ließe sich noch endlos fortsetzen, weshalb ich an dieser Stelle den Erwerb des kleinen Bändchens aus dem Piper Verlag nur wärmstens empfehlen kann. Damit es Ihnen nicht ergeht, wie den bedauernswerten Grönländern.
Die Grönländer tun alles mögliche, um sich warm zu halten; und doch fällt es ihnen außerordentlich schwer, nicht in ihren Betten zu erfrieren.
OLAF SCHULZE
Autor: nnzFavell Lee Mortimer/Todd Pruzan
Die scheußlichsten Länder der Welt
Mrs. Mortimers übellauniger Reiseführer
(Piper)
Satire, so sagt das Lexikon bedeute bunt gemischtes Allerlei und bezeichne eine Spottdichtung, die mangelhafte Tugend oder gesellschaftliche Missstände anklagt. Das ist nun eigentlich nicht die gängige Stilistik für einen Reiseführer. Außer für den der Mrs. Mortimer, die Mitte des 19. Jh eine bekannte Kinderbuchautorin in England war. In einem überaus arroganten Tonfall und mit geballtem Unwissen schwadroniert sie über Länder, die sie nie besucht und Menschen, die sie nie gesehen hat. Und die Autorin hatte keine Ahnung von Satire und frönt auch nicht dem berühmten schwarzen, englischen Humor. Sie meint das alles bitter ernst.
Niemand in ganz Europa ist so tollpatschig und unbeholfen mit seinen Händen wie der Portugiese. Es ist schon seltsam mit anzusehen, wie schlecht die Zimmerleute Kisten zimmern und die Schmiede Schlüssel fertigen.
Sätze wie dieser waren es, die den amerikanischen Journalisten Todd Pruzan vor Unglaube den Unterkiefer herunterklappen ließen, als er eines Tages auf einem alten Dachboden eines der Machwerke der Mrs. Mortimer in die Hände bekam. Schnell saß er mit seinen Freunden in fröhlicher Runde und sie wischten sich vor Lachen die Tränen aus den Augen bei so haarsträubenden Erkenntnissen wie dieser: Wenn Sie durch Deutschland reisen würden, sähen Sie schön geschwungene Hügel und große Wälder, aber nicht diese hübschen grünen Wiesen und Weißdornhecken wie in England. Wo sind die Kühe? Sie sind im Stall. Wie seltsam, die arme Kuh im Stall einzusperren! Ich bin sicher, wenn Sie eine Kuh wären, würden Sie viel lieber eine amerikanische sein, die sich an frischem Gras gütlich tun kann, und nicht eine deutsche, die Bündel von Heu in einem Stall frisst.
Die puritanisch-quäkerische Favell Lee Bevan studierte von Kindheit an die Bibel, bis sie im zarten Alter von 39 Jahren den Reverend Mortimer ehelichte. Der hielt ihre Gesellschaft aber nur neun Jahre aus und hinterließ die Schriftstellerin als kinderlose Witwe, die sich nun auf Reisebücher aller Art stürzte, um daraus ihre hanebüchenen Schlüsse zu ziehen und dummen Belehrungen zu formulieren. Obwohl sie nur wenige Kilometer von der Waliser Grenze im Westen Englands entfernt lebte, betrat sie diesen Landesteil des UK niemals. Was sie allerdings nicht davon abhielt, entschieden und jede Widerrede ausschließend die Einheimischen dort zu charakterisieren: Sie sind kurz und gedrungen von Gestalt – sie haben breite, rosige Gesichter. Sie sind sehr aufbrausend, wenn man sie beleidigt, aber sehr ehrlich und fleißig. Die Frauen stricken sogar noch auf dem Weg zum Markt.
Todd Pruzans Verdienst ist es, sich in dieser Edition durch den Wust an Halbwissen, Wunschdenken und Boshaftigkeit der Mrs. Mortimer gearbeitet zu haben. Neben der skurrilen Komik offenbart das Buch aber auch eine erschreckende und bigotte Engstirnigkeit und Dummheit. Aber wenigstens hat sie ihren Missmut über die ganze Welt verteilt und keine Rasse oder Völkergruppe kommt ungeschoren davon. Auch die beiden Geschlechter beschimpft sie gerecht verteilt. Über chinesische Frauen weiß Mrs. Mortimer zu berichten: Die Frauen, die leben können, ohne arbeiten zu müssen, sind sehr faul und stehen im Winter erst sehr spät auf. Warum sollten sie auch früh aufstehen, wenn sie nichts zu tun haben?. Italienische Männer dagegen können nicht richtig kämpfen: Es ist fürchterlich, wenn man bedenkt, wie viele Morde in Italien begangen werden. Sogar Jungen heben Steine auf, um sich damit zu bewerfen, statt mit ihren Händen zu kämpfen, und Männer greifen nach ihren Messern und stechen sich damit nieder.
Die Liste übellauniger Zitate ließe sich noch endlos fortsetzen, weshalb ich an dieser Stelle den Erwerb des kleinen Bändchens aus dem Piper Verlag nur wärmstens empfehlen kann. Damit es Ihnen nicht ergeht, wie den bedauernswerten Grönländern.
Die Grönländer tun alles mögliche, um sich warm zu halten; und doch fällt es ihnen außerordentlich schwer, nicht in ihren Betten zu erfrieren.
OLAF SCHULZE
