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Reihe "Sonderbares aus Sondershausen" (5)

Freitag, 08. Oktober 2010, 07:00 Uhr
Was ist eine Zeitung ohne Glossen, die aktuelle Probleme auf die Schippe nimmt. In unserer neuen Reihe "Sonderbares aus Sondershausen" wird sich Eric Sommer heute dem Thema „Die Wende“ widmen...

Damals, ich stehe gerade vor einem Schaufenster in der Fußgängerzone und betrachte ein seltsames Produkt, das mir ziemlich teuer erscheint und einen mehr als fragwürdigen Nutzen verspricht, da ruft mein kleiner Sohn, der schon eine ganze Weile an meinem Ärmel zupft
"Papa!"
"Ja?"
"Papaa!"
"Jaha?"
"Pappa!!!"
"Ja was ist denn?"
"Papa, da kackt ein Hund (1)."
"Lass ihn kacken."
"Papa, da kackt ein Hund."
"Wo?"
"Da."
"Wo?"
"Na da!"

Ich drehe mich um und tatsächlich kackt da ein Hund. Da kackt ein Hund mitten in der Fußgängerzone. Einfach so. Und an dem Hund ist ein Halsband und an dem Halsband ist eine Hundeleine und an der Hundeleine ist eine dicke Frau (2). Und die dicke Frau kann nicht weitergehen, weil der Hund kackt. Die Frau steht da und guckt gezielt in eine ganz andere Richtung, ganz nachdenklich guckt sie, und tut so als würde sie nicht merken, dass der Hund kackt.

Mein Sohn zerrt mich näher zu dem Hund. Wir blieben ein paar Schritte hinter der Frau stehen. Der Hund kackt. Mein Sohn zeigt auf den Hund und sagt laut:
"Da kackt ein Hund."
Die Frau sieht zu dem Hund und tut erschrocken. Einige Leute blieben stehen und ein Mann ruft:
"Da kackt ein Hund!"
Die Frau zerrt an der Hundeleine, aber der Hund kackt.

Mehr Leute blieben stehen. Ein kleines Mädchen jauchzt:
"Ach ist der süß!"
Ein Mann im Anzug sagt:
"Was ist denn daran süß? Der Hund kackt."

Gemurmel bricht aus.
"Was ist denn daaa los?"
"Wo gibt's denn sooo was"
"Wenn das jeeeder machen würde?"
"Wo kämen wir da hin?"
"So eine Schweinerei!"
"Nein, das ist ein Hund!"
"Da kackt ein Hund!"

Dem Hund wird das langsam peinlich. Er blickt betreten in die Runde.

Die Frau zerrt.
Der Hund kackt.

Mehr Leute kommen hinzu. Es gibt einen Auflauf. Die neuen Leute sehen nicht, warum die anderen Leute da stehen. Es wird gedrängelt. Man spekuliert. Gerüchte kommen auf. Es bilden sich Parteien.
Eine junge Frau zetert:
"Hunde sind auch Menschen"
Der Mann mit dem Anzug meint:
"Da muss man doch was tun."
Ein besonnen wirkender Greis von der Goethegesellschaft bemerkt:
"Der Hund in seinem dunklen Drange ist sich des rechten Weges wohl bewusst."
Jemand ruft:
"Die Mauer muss weg!"
Andere rufen:
"Polizei!"

Der Hund kackt.

Dann kommt ein Mann vom Ordnungsamt, rückt seine Mütze gerade, poliert mit dem Ärmel sein Amtsabzeichen, zieht Zettel und Stift aus der Tasche und fragt:
"Was ist hier los?"
"Da kackt ein Hund!" ruft die Menge im Chor.
"Wo?"
"Da."
"Wo?"
"Na da!"

Der Man vom Ordnungsamt dreht sich um und tatsächlich kackt da ein Hund. Da kackt ein Hund mitten in der Fußgängerzone. Einfach so.
"Warum tut der das?"
"Darf der das überhaupt?"
"Besitzt der eine Hundemarke?"
"Hat der eine Haftpflichtversicherung?"
"Zahlt der Hundesteuer?"

Die Frau zerrt.
Die Menge wächst.
Der Hund kackt.

Zwei hochgewachsene, muskulöse Agenten eines nicht näher bestimmbaren Geheimdienstes mit kurz geschnittenem Haar, schwarzem Anzug und dunkler Sonnenbrille stehen etwas abseits und beobachten unauffällig das Geschehen.

Die junge Frau fordert:
"Reden Sie mit dem Hund."
Der Mann mit dem Anzug meint:
"Da muss man doch was tun."

Der Man vom Ordnungsamt zuckt hilflos mit den Schultern. Die Menge greift ihn auf.
"Sorgen Sie gefälligst für Ordnung!"
"Walten Sie Ihres Amtes!"
"Wofür werden Sie denn bezahlt?"
"Wo leben wir denn hier?"

Der Zorn der angeschwollenen Menge hat ein neues Ziel. Die Körpersprache des Mannes vom Ordnungsamt schaltet auf Verteidigung um. Er deutet zaghaft an, die Polizei zu rufen und die Menge wegen unerhörter Zusammenrottung aus niederem Anlass verhaften zu lassen. Die Menge tobt. Die beiden Agenten montieren die Überwachungskamera vom Marktplatz ab und zeichnen das Geschehen auf.

Da passiert es plötzlich. Die dicke Frau versinkt bis zu den Hüften im Erdboden, dann steckt sie fest. Es wird spekuliert, ob das aus purer Scham passiert oder ob nicht vielleicht wieder mal die leidige Gravitationskonstante ihre Finger im Spiel hat. Dann erzittert die Erde.

Die Menge verstummt.
Der Hund hält inne.

Die Volumenverdrängung der dicken Frau hat im Erdreich tektonische Spannungen verursacht. Unter Mitwirkung des dadurch ausgelösten Gebirgsschlages wird der Deich beschädigt. Der besinnliche Fluss, der die kleine malerische Stadt durchschneidet, tritt nun unbesonnen über die Ufer und ergießt sich samt seiner gesättigten Salzheringe in die von Menschen überfüllte Fußgängerzone.

Die Menge beginnt Pflastersteine aus dem Straßenbelag zu reißen, um sie aufzutürmen, damit die Schuhe nicht nass werden. Der dicken Frau steht der Hals im Wasser. Die Agenten telefonieren aufgeregt und geben dem Mann vom Ordnungsamt ein Wasserzeichen. Der Man vom Ordnungsamt zieht ein Megafon aus der Tasche und verkündet verzweifelt die Öffnung der Grenzen. Dann ist die Gefahr gebannt. Das versalzene Wasser kann abfließen.

Der Hund ist fertig und geht in den Westen. Die ganze Scheiße lässt er zurück.
Eric Sommer © ES
Autor: khh

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