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Multikulti ist nicht tot

Montag, 18. Oktober 2010, 21:31 Uhr
Die Integrationsdebatte beherrscht derzeit die Schlagzeilen. Wer in den letzten Tagen den Eindruck gewonnen haben sollte, das im Schlagabtausch der Granden der Politik der fachliche Hintergrund von simpler Schlagwortpolitik überschattet wurde und wer wirklich wissen will, wie es um die Integrationsarbeit im Osten der Republik tatsächlich bestellt ist, dem sei die Integrative Fachmesse am kommenden Samstag in der Wiedigsburghalle ans Herz gelegt...


„Multikulti ist tot“ stellten CSU Chef Seehofer und Kanzlerin Merkel vergangene Woche fest. „Populismus“, „Stimmungsmache“ und „Stammtischparolen“ entgegnete die Opposition, und auch der eigene Koalitionspartner hielt sich mit Kritik nicht zurück. Die Integrationsdebatte ist in vollem Gange und beherrscht die Schlagzeilen.
Wie Integrationsarbeit in Deutschland tatsächlich aussieht, was für Erfolge erzielt und welche Fehler begangen wurden, was letztlich funktioniert hat und was nicht, ist jedoch selten Thema. Die Debatte, wie auch die entsprechende Berichterstattung, scheinen sich zu einem Großteil auf Schlagworte und gegenseitige Vorwürfe zu beschränken und lassen häufig kompetente, inhaltliche Tiefe vermissen.

In Nordhausen will man am kommenden Samstag einen anderen Weg gehen. Die LIFT gGmbH, ProJob Nordthüringen, der Integrationsbeirat und die Stadt laden zur ersten integrativen, interkulturellen und internationalen Fachmesse, kurz: I-Messe. Die geballte Fachkompetenz aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen will man am 23. Oktober in der Wiedigsburghalle versammeln um über „Perspektiven für die Integration in den neuen Bundesländern“ zu diskutieren. Die Messe steht unter der Schirmherrschaft der Thüringer Ministerin für Soziales, Familie und Gesundheit, Heike Taubert, und wird sich in 3 Teile gliedern. Eröffnet wird die Veranstaltung mit einer Podiumsdiskussion.

Zunächst will man hier das Thema „politische Partizipation von Migranten“ erörtern, aber auch die aktuelle politische Debatte dürfte ihre Erwähnung finden. Im zweiten Teil werden etwa 30 verschiedene Institutionen und Einrichtungen sich selbst und ihre Arbeit auf dem Feld der Integration in der Halle vorstellen. Im dritten Veranstaltungsteil bieten die Organisatoren insgesamt sechs verschiedene Workshops an. Die politischen Partizipationsmöglichkeiten werden auch hier Thema sein. Des weiteren wird man sich mit Kommunalen Integrationskonzepten, Zugang zum Arbeitsmarkt sowie Integration durch Bildung und Sport näher befassen. Die Ergebnisse der Workshops sollen adäquat dokumentiert und in absehbarer Zeit elektronisch zugänglich gemacht werden. Über 80 Teilnehmer haben sich bereits für das Workshopangebot angemeldet.

Patentlösungen anzubieten wird jedoch nicht das vorrangige Ziel der Messe sein. „Wir wollen vor allem dafür sorgen, dass es zu einem Austausch zwischen den einzelnen Akteuren aus dem Bereich der Integrationsarbeit kommt und verschiedene Ansätze für erfolgreiche Integrationsarbeit aufzeigen“ sagte Phillip Egbune, einer der Organisatoren der Fachmesse. „Multikulti ist nicht tot, sondern steht eigentlich erst am Anfang. Wir haben viele Institutionen, die über die Jahre gewachsen sind und gute Arbeit geleistet haben. Es ist viel positives passiert, aber es ist eben auch einiges schief gegangen weil die Realitäten nicht erkannt wurden, diese Dinge muss man jetzt ansprechen.“ So sind die Herausforderungen, die die Integrationsarbeit mit sich bringt, je nach Kontext von signifikanten Unterschieden geprägt. Integrative Maßnahmen in Großstädten können nicht einfach auf den ländlichen Bereich übertragen werden, und auch das bestehende Gefälle zwischen Ost- und Westdeutschland wirkt sich auf die Integrationsarbeit aus.

Wie es um die Integration in Deutschland steht, ist ein Thema dessen Komplexität in der aktuellen Debatte nur bedingt widergespiegelt wird.
Ein grundsätzliches Problem ist etwa das Fehlen konkreter Zahlen. Statistiken gibt es viele, aber kaum eine bildet das ganze Spektrum der Migration ab. Dementsprechend schwer ist auch zu beziffern, wie viele Migranten im Landkreis Nordhausen tatsächlich leben. Man geht von etwa 2% Ausländeranteil aus, aber auch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Da neben den verschiedenen Kategorien von Asylsuchenden auch etwa Spätaussiedler mit deutscher Staatsangehörigkeit oder ausländische Studenten und Geschäftsleute als Menschen mit Migrationshintergrund betrachtet werden können, wird man auf den Census im kommenden Jahr warten müssen, bevor Klarheit über die eigentlichen Ausmaße der Wanderbewegungen herrscht.

Die Fachmesse, die am Samstag um zehn Uhr durch Landrat Joachim Claus (CDU) eröffnet werden wird, richtet sich in erster Linie an Akteure und eben Fachkräfte, die sich mit Integrationsarbeit auskennen, aber die Veranstalter freuen sich selbstverständlich auch, wenn möglichst viele normale Bürger die Chance nutzen würden, etwas mehr über das komplexe Thema Integration und Migration zu erfahren. Die Ausgestaltung des Messeteils, in dem sich die verschiedenen Institutionen präsentieren, ist übrigens in großen Teilen den Ausstellern selbst überlassen, sodass man sich in Hinblick auf etwaige bunte Programmpunkte wohl wird überraschen lassen müssen.

Die Messe wird als Teil des lokalen Aktionsplanes (LAP) außerdem eines der letzten „Vielfalt tut gut“- Projekte sein, die im Landkreis Nordhausen umgesetzt werden, da das Bundesprogramm, durch das in den letzten Jahren über 40 Projekte gegen Rechtsextremismus und für Demokratie, Toleranz und Vielfalt umgesetzt werden konnten, Ende des Monats ausläuft. Ein neues Bundesprogramm steht jedoch bereits in den Startlöchern und die Rolandsstadt hat das Interessenbekundungsverfahren eingeleitet.
Autor: agl

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