Den Heimatlosen gewidmet
Montag, 24. Januar 2011, 18:30 Uhr
Auch in diesem Jahr wird man sich in der Gedenkstätte Mittelbau Dora wieder redlich darum bemühen, dass die Schrecken der Vergangenheit nicht in Vergessenheit geraten. Was genau die Besucher der Gedenkstätte im kommenden halben Jahr erwartet hat die nnz erfahren...
Zu den Presseterminen der vergangenen zwei Jahre konnte Gedenkstättenleiter Dr. Jens-Christian Wagner den versammelten Medienvertretern jeweils ein besonderes Highlight bieten. 2009 waren es wiederentdeckte Fresken französischer Gefangener aus dem Außenlager Ellrich und im vergangenen Jahr das Totenbuch des Mittelbau Lagers. Für dieses Jahr könne man leider keine derartigen Besonderheiten bieten, bemerkte Dr. Wagner zu Beginn des Pressegesprächs, man habe aber dennoch ein "arbeitsintensives und erfolgreiches Jahr" hinter sich. Der 65. Jahrestag der Befreiung, die Einweihung der restaurierten Ausstellungsbaracke, die Eröffnung mehrerer Ausstellungen, ein Hackerangriff auf die Website der Gedenkstätte der zu bewältigen war, die Erarbeitung eines historischen Stadtrundgangs sowie der dazugehörigen Broschüre - das vergangene Jahr brachte neben viel Arbeit auch viel Aufmerksamkeit mit sich.
2011 will man es etwas ruhiger angehen lassen und sich wieder auf die pädagogische Basisarbeit konzentrieren. "Für Schüler ist die Thematik in etwa so interessant wie Ludwig XIV oder der Absolutismus, da kaum noch ein persönlicher Bezug besteht. Mit einer Führung durch die Ausstellung und das Lager an einem einfachen Wandertag kann man die Jugendlichen nur schwer erreichen" so Gedenkstättenleiter Wagner.
Abhilfe sollen zehn neue Arbeitsblätter schaffen mit denen sich Schülerinnen und Schüler in Kleingruppen auseinandersetzen können und mit deren Hilfe sie dazu animiert werden sollen, sich Lager und Ausstellung selber zu erschließen. Zentraler Themenschwerpunkt ist hierbei die Wechselwirkung zwischen Lagersystem und der umgebenden Gesellschaft, also auch der Umgang der Bevölkerung mit den Verbrechen. "Die thematische Ausrichtung eignet sich insofern besonders gut für die Arbeit mit Jugendlichen, da schnell Fragen aufgeworfen werden, die die persönliche Erfahrungswelt der jungen Menschen berühren. Fremdenfeindlichkeit, Obrigkeitsdruck, Rassismus aber auch die Gewöhnung an bestimmte Zustände lassen sich schließlich nicht allein mit dem Nationalsozialismus in Verbindung bringen, sondern sind auch heute in verschiedenen Ausprägungen europaweit latent vorhanden." bemerkte Dr. Wagner.
Der erste große Termin in diesem Jahr wird der 66. Jahrestag der Befreiung des Lagers am 12. April sein. Zwar sei dies, im Vergleich zum vergangenen Jahr, ein "normaler" Jahrestag, wie Dr. Wanger bemerkte, aber dennoch hat man sich dazu entschlossen den Jahrestag erstmalig unter ein bestimmtes Thema zu stellen. Das Stichwort "Heimkehr", also Rückkehrerfahrungen verschiedener Häftlinge nach ihrer Gefangenschaft soll an diesem Tag den Mittelpunkt bilden. Während, zum Beispiel, viele französisch-stämmige Gefangene bei ihrer Heimkehr als Helden gefeiert wurden, sahen sich ehemalige Häftlinge vor allem aus Osteuropa mit dem Verdacht der Kollaboration konfrontiert und wieder andere hatten schlicht keine Heimat mehr in die sie hätten zurückkehren können. Zusammengetragen wurden die nötigen Informationen von drei Mitarbeitern der Gedenkstätte, die sich in ihrem Freiwilligen Kulturellen Jahr befinden und Interviews mit Überlebenden führten. Auszüge aus diesen Interviews werden einen Teil der zentralen Gedenkfeier bilden und in eine kleine Ausstellung einfließen, die sich mit den Biographien der Überlebenden und ihren Erfahrungen beschäftigt
Den Heimatlosen, den "displaced persons", also Personen ohne heimatlichen Bezugspunkt, wird sich außerdem eine Fotoausstellung widmen, die ebenfalls am 12. April eröffnet wird. Weiterhin werden die Ausstellungen "Im Totaleinsatz" die sich mit tschechischen Zwangsarbeitern befasst, und die Ausstellung der Fresken aus Ellrich noch bis zum 13. März verlängert. Desweiteren hat man sich vorgenommen den Internetauftritt weiter zu optimieren, so soll zum Beispiel das Totenbuch demnächst in elektronischer Form der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Außerdem sollen die Außenanlagen der Gedenkstätte didaktisch-architektonisch umgestaltet werden. Besonderes Augenmerk wird hier auf der Hinrichtungsstätte und den Arrestzellen liegen.
Den Historikern ist zudem daran gelegen, trotz der abgelegenen Lage der Gedenkstätte, auch weiterhin in der Stadt präsent zu sein. Der erfolgreiche Stadtrundgang "Nordhausen im Nationalsozialismus" ist dementsprechend weiterhin in der Gedenkstätte buchbar, wird aber auch als öffentliche Führung durchgeführt, das nächste mal am 27. Januar. Mit der passenden Broschüre, die vergangene Woche im Bürgersaal vorgestellt wurde und die für drei Euro erhältlich ist, kann sich aber auch jeder interessierte Bürger die Geschichte der Stadt während der Naziherrschaft selber erschließen beziehungsweise "erlaufen". Der Stadtrundgang war ein vom Bund im Rahmen des Lokalen Aktionsplanes gefördertes Projekt und sollten der Region demnächst neue Förderprogramme zugute kommen, ist auch hier neues Engagement seitens der Gedenkstätte denkbar.
Abseits aller Pläne und Vorhaben die das nächste halbe Jahr bestimmen werden, wurde der Beginn des Jahres 2011 aber zunächst von einem schweren Schicksalsschlag überschattet. Nach kurzer, schwerer Krankheit verstarb die Leiterin des Vereins "Jugend für Dora" Dorothea August, vor knapp zwei Wochen im Alter von 35 Jahren . "Ihr Tod ist ein sehr großer Verlust für uns alle, für die Gedenkstätte und vor allem für den Jugendverein. Sie wird uns fehlen." so Dr. Jens-Christian Wagner.
Zu guter letzt präsentierten die Historiker dann doch noch ein kleines Highlight, das bestimmt auch Dorothea Augusts Zustimmung gefunden hätte: Bleistiftskizzen und Farbzeichnungen des Lagerchronisten Brähne. Die Zeichnungen wurden der Gedenkstätte als Dauerleihgabe von den Angehörigen Brähnes überlassen. Obwohl sie vor allem technischer Natur sind, könnten die Bilder eines Tages auch Teil einer Ausstellung sein und dazu beitragen, dass die Vergangenheit nicht in Vergessenheit gerät.
Autor: aglZu den Presseterminen der vergangenen zwei Jahre konnte Gedenkstättenleiter Dr. Jens-Christian Wagner den versammelten Medienvertretern jeweils ein besonderes Highlight bieten. 2009 waren es wiederentdeckte Fresken französischer Gefangener aus dem Außenlager Ellrich und im vergangenen Jahr das Totenbuch des Mittelbau Lagers. Für dieses Jahr könne man leider keine derartigen Besonderheiten bieten, bemerkte Dr. Wagner zu Beginn des Pressegesprächs, man habe aber dennoch ein "arbeitsintensives und erfolgreiches Jahr" hinter sich. Der 65. Jahrestag der Befreiung, die Einweihung der restaurierten Ausstellungsbaracke, die Eröffnung mehrerer Ausstellungen, ein Hackerangriff auf die Website der Gedenkstätte der zu bewältigen war, die Erarbeitung eines historischen Stadtrundgangs sowie der dazugehörigen Broschüre - das vergangene Jahr brachte neben viel Arbeit auch viel Aufmerksamkeit mit sich.
2011 will man es etwas ruhiger angehen lassen und sich wieder auf die pädagogische Basisarbeit konzentrieren. "Für Schüler ist die Thematik in etwa so interessant wie Ludwig XIV oder der Absolutismus, da kaum noch ein persönlicher Bezug besteht. Mit einer Führung durch die Ausstellung und das Lager an einem einfachen Wandertag kann man die Jugendlichen nur schwer erreichen" so Gedenkstättenleiter Wagner.
Abhilfe sollen zehn neue Arbeitsblätter schaffen mit denen sich Schülerinnen und Schüler in Kleingruppen auseinandersetzen können und mit deren Hilfe sie dazu animiert werden sollen, sich Lager und Ausstellung selber zu erschließen. Zentraler Themenschwerpunkt ist hierbei die Wechselwirkung zwischen Lagersystem und der umgebenden Gesellschaft, also auch der Umgang der Bevölkerung mit den Verbrechen. "Die thematische Ausrichtung eignet sich insofern besonders gut für die Arbeit mit Jugendlichen, da schnell Fragen aufgeworfen werden, die die persönliche Erfahrungswelt der jungen Menschen berühren. Fremdenfeindlichkeit, Obrigkeitsdruck, Rassismus aber auch die Gewöhnung an bestimmte Zustände lassen sich schließlich nicht allein mit dem Nationalsozialismus in Verbindung bringen, sondern sind auch heute in verschiedenen Ausprägungen europaweit latent vorhanden." bemerkte Dr. Wagner.
Der erste große Termin in diesem Jahr wird der 66. Jahrestag der Befreiung des Lagers am 12. April sein. Zwar sei dies, im Vergleich zum vergangenen Jahr, ein "normaler" Jahrestag, wie Dr. Wanger bemerkte, aber dennoch hat man sich dazu entschlossen den Jahrestag erstmalig unter ein bestimmtes Thema zu stellen. Das Stichwort "Heimkehr", also Rückkehrerfahrungen verschiedener Häftlinge nach ihrer Gefangenschaft soll an diesem Tag den Mittelpunkt bilden. Während, zum Beispiel, viele französisch-stämmige Gefangene bei ihrer Heimkehr als Helden gefeiert wurden, sahen sich ehemalige Häftlinge vor allem aus Osteuropa mit dem Verdacht der Kollaboration konfrontiert und wieder andere hatten schlicht keine Heimat mehr in die sie hätten zurückkehren können. Zusammengetragen wurden die nötigen Informationen von drei Mitarbeitern der Gedenkstätte, die sich in ihrem Freiwilligen Kulturellen Jahr befinden und Interviews mit Überlebenden führten. Auszüge aus diesen Interviews werden einen Teil der zentralen Gedenkfeier bilden und in eine kleine Ausstellung einfließen, die sich mit den Biographien der Überlebenden und ihren Erfahrungen beschäftigt
Den Heimatlosen, den "displaced persons", also Personen ohne heimatlichen Bezugspunkt, wird sich außerdem eine Fotoausstellung widmen, die ebenfalls am 12. April eröffnet wird. Weiterhin werden die Ausstellungen "Im Totaleinsatz" die sich mit tschechischen Zwangsarbeitern befasst, und die Ausstellung der Fresken aus Ellrich noch bis zum 13. März verlängert. Desweiteren hat man sich vorgenommen den Internetauftritt weiter zu optimieren, so soll zum Beispiel das Totenbuch demnächst in elektronischer Form der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Außerdem sollen die Außenanlagen der Gedenkstätte didaktisch-architektonisch umgestaltet werden. Besonderes Augenmerk wird hier auf der Hinrichtungsstätte und den Arrestzellen liegen.
Den Historikern ist zudem daran gelegen, trotz der abgelegenen Lage der Gedenkstätte, auch weiterhin in der Stadt präsent zu sein. Der erfolgreiche Stadtrundgang "Nordhausen im Nationalsozialismus" ist dementsprechend weiterhin in der Gedenkstätte buchbar, wird aber auch als öffentliche Führung durchgeführt, das nächste mal am 27. Januar. Mit der passenden Broschüre, die vergangene Woche im Bürgersaal vorgestellt wurde und die für drei Euro erhältlich ist, kann sich aber auch jeder interessierte Bürger die Geschichte der Stadt während der Naziherrschaft selber erschließen beziehungsweise "erlaufen". Der Stadtrundgang war ein vom Bund im Rahmen des Lokalen Aktionsplanes gefördertes Projekt und sollten der Region demnächst neue Förderprogramme zugute kommen, ist auch hier neues Engagement seitens der Gedenkstätte denkbar.
Abseits aller Pläne und Vorhaben die das nächste halbe Jahr bestimmen werden, wurde der Beginn des Jahres 2011 aber zunächst von einem schweren Schicksalsschlag überschattet. Nach kurzer, schwerer Krankheit verstarb die Leiterin des Vereins "Jugend für Dora" Dorothea August, vor knapp zwei Wochen im Alter von 35 Jahren . "Ihr Tod ist ein sehr großer Verlust für uns alle, für die Gedenkstätte und vor allem für den Jugendverein. Sie wird uns fehlen." so Dr. Jens-Christian Wagner.
Zu guter letzt präsentierten die Historiker dann doch noch ein kleines Highlight, das bestimmt auch Dorothea Augusts Zustimmung gefunden hätte: Bleistiftskizzen und Farbzeichnungen des Lagerchronisten Brähne. Die Zeichnungen wurden der Gedenkstätte als Dauerleihgabe von den Angehörigen Brähnes überlassen. Obwohl sie vor allem technischer Natur sind, könnten die Bilder eines Tages auch Teil einer Ausstellung sein und dazu beitragen, dass die Vergangenheit nicht in Vergessenheit gerät.
