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"Sonderbares aus Sondershausen" (9)

Sonntag, 13. Februar 2011, 15:40 Uhr
Unser Leser Eric Sommer nimmt in seinem neuen satirischen Beitrag das Thema Presse und die jüngste Uraufführung eines Konzertes aufs Korn...

Da stehe ich doch tatsächlich vor einem Dilemma oder nennen wir es, um es positiv auszudrücken, eine Herausforderung. Was macht der Satiriker, wenn er an einer Sache mal nichts zu meckern hat? Genau, es bleibt ihm nur, sich auf die Begleitumstände zu stürzen, um ein paar Haare in der kosmischen Ursuppe zu finden, aus der das alltägliche Chaos unseres Seins hervorgegangen ist. Das könnte zum Bespiel die Presse sein, die sich an diesem Abend in infinitesimaler Diskretion übte, um das für eine Musikstadt durchaus bedeutsame Ereignis einer Uraufführung nicht unnötigerweise durch Blitzlichtgewitter oder zeitnahe authentische Berichterstattung zu stören.

Bedanken muss ich mich bei Gustav Holst, der vor beinahe hundert Jahren seine Planeten-Suite "The Planets" komponiert hat. Gelesen hatte ich schon oft darüber und wollte mir nicht entgehen lassen, dieses für Sondershäuser Verhältnisse schon monumentale Werk praktisch vor der Haustür live, ohne elektronische Verstärkung oder gar Digitalisierung zu erleben. Phantastisch und beeindruckend wie frisch und aktuell diese Art von Musik sein kann oder anders herum, wie wenig sich seitdem getan hat, wenn man Gustav Holsts Arrangements mit heutiger Filmmusik vergleicht.

Andererseits stimmt das natürlich überhaupt nicht, denn, und hier komme ich zum eigentlichen Belang, an Holsts Planeten-Suite hing im Rahmen des 5. Sinfoniekonzerts des Lohorchesters, das den Titel "Sphärenmusik" trug, eine Uraufführung dran, die es in sich hatte.

Thematisch passte Ilias Rachaniotis' "Kosmophonia" zweifelsfrei zum Thema und es gelang im noch zweifelsfreier das Sphärische derart erlebbar umzusetzen, dass der Zuhörer glaubte, sich in seinem Sitz auf pendelnden und kreisenden Bahnen zu bewegen. Um das zu erreichen, hatte der Komponist die Sitzordnung des Klangkörpers völlig auf den Kopf gestellt und die einzelnen Instrumente über die gesamte Bühne verteilt. Für manchen "Klassiker" mag das allein schon ein Graus gewesen sein, für das Orchester unter Leitung von Generalmusikdirektor Markus L. Frank eröffnete sich aber dadurch die Möglichkeit, Klänge fast beliebig über die Bühne wandern zu lassen, von links nach rechts, von vorn nach hinten oder gar in elliptischen Zirkeln durch den Raum.

Aber damit nicht genug, denn die Ellipse sollte, angelehnt an die das Universum bestimmende Form der Bahnen von Planeten und Galaxien, die mathematische Basis für die gesamte Komposition der "Kosmophonia" bilden. Daher errichtete Ilias Rachaniotis ein eigenes Notengebäude und beschränkte sich hinsichtlich des Notenspektrums auf diejenigen Töne, die sich mathematisch entlang einer Parabel abbilden lassen. (Den kleinen Unterschied zwischen Ellipse und Parabel lassen wir an dieser Stelle großzügig unter den Tisch fallen und bitten die exakte Mathematik um Vergebung.) Zwangsläufig führt diese Einschränkung zu harmonischen Verwerfungen, die für das menschliche, nicht kosmisch ausgerichtete Ohr als leicht gewöhnungsbedürftig einzustufen sind. Dem sei aber entgegengehalten, dass der gesamte Kosmos, so harmonisch seine grundlegenden Gesetze auch sind, letztlich eine einzige Anhäufung von Verwerfungen darstellt.

Die "Kosmophonia" ist ein musikalisches Experiment, dass allen Beteiligten, vom Komponisten über das Orchester bis zum Publikum einiges abverlangt, aber, sofern man sich der Idee vorurteilsfrei öffnet, auch vieles zurückgibt, vor allem einen akustischen Einblick in andere, zunächst ungewohnte Klangwelten, denn Rachaniotis gelingt es auch ohne den Rückgriff auf eingängige Harmonien und Melodien Klangteppiche zu legen und Bilder den Köpfen der Zuhörer zu erzeugen.

Danke an alle, die dieses Konzert ermöglicht und an seiner Vorbereitung und Umsetzung mitgewirkt haben. Danke an alle, die den Mut hatten, sich auf diesen Weg zu begeben. Danke an Ilias Rachaniotis, der sicher hart an seinen ungewohnten Melodien arbeiten musste, stets auf der Hut, dass sich nicht doch eine kosmisch unerlaubte Note einschleichen würde. Danke an Markus L. Frank, der an diesem Abend nicht nur einen, nach klassischer Auffassung, durcheinandergewürfelten Instrumentenwald zu dirigieren hatte, sondern darüber hinaus als Mathematik-, Astronomie- und Musikdozent eine unerlässliche Einführung in das Stück gab.

Danke an die Musiker, die die Herausforderung angenommen und die Idee mit hohem Engagement und musikalischer Disziplin umgesetzt haben. Und nicht zuletzt danke an das Publikum zwischen acht und achtzig, das zwar nicht in euphorische Begeisterung verfallen ist, aber das sich vorurteilsfrei auf dieses Experiment eingelassen hat, meiner Meinung nach eine wesentliche

Voraussetzung für die Entwicklung einer Musikstadt und ein gutes Zeichen für Sondershausen, nämlich Neues zuzulassen.
Was mich angeht, so habe ich Appetit auf mehr von Ilias Rachaniotis bekommen.
© Eric Sommer
Autor: khh

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