Fr, 08:57 Uhr
10.02.2012
nnz/kn-Forum: Ungarn sind begeistert
Zu unserem Artikel Ungarn sind begeistert erreichte uns auch ein Leserbrief, den wir Ihnen nicht vorenthalten möchten...
Sehr geehrtes Redaktionsteam,
in neumodischen Kaufhäusern sucht man das Wort "Schlüpfer" vergeblich, Kinos heißen heute nicht mehr Lichtspielhäuser und in Zeiten von Smartphones braucht niemand mehr Münzfernsprecher. Sprache befindet sich stets im Wandel und passt sich ihrer Zeit an. Für Journalisten ist sie, was für Tischler der Hobel ist - ihr Handwerkszeug.
Warum also lese ich ständig "Lehrling" in den Zeitungen (jüngst im Artikel "Ungarn sind begeistert", vom 8.Februar 2012, Kyffhäuser Nachrichten)?
In der BRD wurde der Begriff Lehrling bereits nach der Novellierung des BBiG 1971 durch die Bezeichnung Auszubildene_r ersetzt. Aus guten Gründen: Ein Lehrling hatte nur wenig Rechte, schuldete seinem Lehrherrn strengen Gehorsam, bezahlte an ihn Lehrgeld und durfte sogar von ihm gezüchtigt werden.
Mit der Neuordnung der Berufe zur Zeit der Industrialisierung änderten sich auch Formen der Lehre. Das Berufsbildungsgesetz von 1969 nimmt diese Änderungen auf und legt erstmals den Begriff "Auszubildender" fest. Damit einher gingen festgeschriebene Rechte und Pflichten von Auszubildenden und Ausbildern. Die Art der Ausbildung, ihre sachliche und zeitliche Gliederung mussten beschrieben werden, tägliche Arbeitszeiten wurden festgelegt und eine Ausbildungsvergütung gezahlt.
Schließlich ging und geht es um viel mehr, als etwas "gelehrt" zu werden. Zum Bildungsauftrag der Berufsschulen gehört heute zum Beispiel, den Auszubildenden berufliche Handlungskompetenzen zu vermitteln aber auch ihre Allgemeinbildung zu erweitern. Sie sollen nicht nur ihre Aufgaben im Beruf erfüllen, sondern ihre eigene Arbeitswelt und die Gesellschaft mitgestalten und soziale, sowie ökologische Verantwortung übernehmen (Kultusministerkonferenz)
Rein sprachlich gesehen, ist das Wort "Lehrling" mit einer Nachsilbe versehen, die pejorativ, abwertend zu verstehen ist. In Zeiten, in denen die Wirtschaft händeringend nach Fachkräften sucht, sollte man denen, die Fachkräfte sein werden, mehr Respekt entgegen bringen.
Da geht es zum Einen um das ständige Schimpfen auf Bewerber_innen, zum anderen aber auch um die gebetsmühlenartige Wiederholung veralteter und überholter Begriffe.
Ich bitte Sie, in Ihrer Schreibweise sensibler auf Begrifflichkeiten dieser Art zu achten und als Journalisten und Meinungsbildner entsprechende Verantwortung zu übernehmen.
Jenny Zimmermann, DGB Thüringen
Autor: khhSehr geehrtes Redaktionsteam,
in neumodischen Kaufhäusern sucht man das Wort "Schlüpfer" vergeblich, Kinos heißen heute nicht mehr Lichtspielhäuser und in Zeiten von Smartphones braucht niemand mehr Münzfernsprecher. Sprache befindet sich stets im Wandel und passt sich ihrer Zeit an. Für Journalisten ist sie, was für Tischler der Hobel ist - ihr Handwerkszeug.
Warum also lese ich ständig "Lehrling" in den Zeitungen (jüngst im Artikel "Ungarn sind begeistert", vom 8.Februar 2012, Kyffhäuser Nachrichten)?
In der BRD wurde der Begriff Lehrling bereits nach der Novellierung des BBiG 1971 durch die Bezeichnung Auszubildene_r ersetzt. Aus guten Gründen: Ein Lehrling hatte nur wenig Rechte, schuldete seinem Lehrherrn strengen Gehorsam, bezahlte an ihn Lehrgeld und durfte sogar von ihm gezüchtigt werden.
Mit der Neuordnung der Berufe zur Zeit der Industrialisierung änderten sich auch Formen der Lehre. Das Berufsbildungsgesetz von 1969 nimmt diese Änderungen auf und legt erstmals den Begriff "Auszubildender" fest. Damit einher gingen festgeschriebene Rechte und Pflichten von Auszubildenden und Ausbildern. Die Art der Ausbildung, ihre sachliche und zeitliche Gliederung mussten beschrieben werden, tägliche Arbeitszeiten wurden festgelegt und eine Ausbildungsvergütung gezahlt.
Schließlich ging und geht es um viel mehr, als etwas "gelehrt" zu werden. Zum Bildungsauftrag der Berufsschulen gehört heute zum Beispiel, den Auszubildenden berufliche Handlungskompetenzen zu vermitteln aber auch ihre Allgemeinbildung zu erweitern. Sie sollen nicht nur ihre Aufgaben im Beruf erfüllen, sondern ihre eigene Arbeitswelt und die Gesellschaft mitgestalten und soziale, sowie ökologische Verantwortung übernehmen (Kultusministerkonferenz)
Rein sprachlich gesehen, ist das Wort "Lehrling" mit einer Nachsilbe versehen, die pejorativ, abwertend zu verstehen ist. In Zeiten, in denen die Wirtschaft händeringend nach Fachkräften sucht, sollte man denen, die Fachkräfte sein werden, mehr Respekt entgegen bringen.
Da geht es zum Einen um das ständige Schimpfen auf Bewerber_innen, zum anderen aber auch um die gebetsmühlenartige Wiederholung veralteter und überholter Begriffe.
Ich bitte Sie, in Ihrer Schreibweise sensibler auf Begrifflichkeiten dieser Art zu achten und als Journalisten und Meinungsbildner entsprechende Verantwortung zu übernehmen.
Jenny Zimmermann, DGB Thüringen
Anmerkung der Redaktion:
Die im Forum dargestellten Äußerungen und Meinungen sind nicht unbedingt mit denen der Redaktion identisch. Für den Inhalt ist der Verfasser verantwortlich. Die Redaktion behält sich das Recht auf Kürzungen vor.
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