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Mo, 06:43 Uhr
10.06.2013

Forum: Verantwortungslosigkeit

Mit dem Hochwasser der vergangenen Tage und mit der Rolle der Politik setzt sich ein Leser der nnz in seinem Beitrag auseinander, den wir in unserem Forum veröffentlichen...


Ich bin gespannt, was die Länder-Konferenz zum Thema Hochwasserschutz, vorgeschlagen noch für 2013 von Thüringens Umweltminister Reinholz, bringen wird. Wieder einmal, wie schon nach dem ketzten Jahrhunderthochwasser vor nur elf Jahren, wird man Besserung geloben: zum Bau von mehr und höheren Deichen und zur Schaffung von mehr Überflutungsraum für die Flüsse.

Dabei zeigt so manche Äußerung maßgeblicher Leute, dass sie eigentlich nichts, aber auch gar nichts lernen wollen. Der sachsen-anhaltische Ministerpräsident Haseloff kritisierte vor wenigen Tagen allen Ernstes die Umweltschutzverbände, die in Dessau-Rosslau ein hochwassersenkendes Schöpfwerk verhindert hätten. Sie trügen damit eine Mitverantwortung für die derzeitigen Auswirkungen des tagelangen Starkregens.

Laut Welt-Online zeigte er sich erschüttert über das viele Wasser und mahnte, Gefahrenschutz müsse vor Naturschutz gehen. Dass es aber gerade die menschlichen Eingriffe in die Natur sind, CO2-Emission, Versiegelung, Auenzerstörung, die derartige Hochwässer begünstigen, erwähnt er nicht. Dabei sind es doch die Umweltschützer, die seit Jahrzehnten fordern, den Flüssen jene Überflutungsflächen zurückzugeben, die man ihnen im Zuge des Versiegelungs- und Intensivierungswahn in den vergangenen 150 Jahren mehr und mehr genommen hat, sie sind es, die ein Maßhalten anmahnen.

Haselhoff verkennt bewusst die wahren Ursachen der neuerlichen Katastrophe und er verniedlicht sie, in dem er sie auf ein einzelnes nicht gebautes Schöpfwerk reduziert. Er drückt sich um die wahren Probleme herum, die man in Brandenburg wenigstens erkannt zu haben scheint: Dort forderten Politiker gerade erst deutlich mehr Überflutungsflächen und auch den Rückbau von Siedlungen, notfalls gegen den Willen der Bevölkerung. Selbst das Wort "Klimawandel" fiel, jenes schwer zu greifende und doch allgegenwärtig Zerstörung verursachende Faktotum, das Politiker all zu gern vergessen, zumal in der Provinz.

Jener Politiker ist gut beraten, der sich den bedrohlichsten Zukunftsszenarien nicht, wie Herr Haselhoff, verschließt, der also, der sich tatsächlich um seine Bevölkerung und vor allem um deren Nachfahren sorgt, der, der Weitblick beweist und damit wahre Verantwortung statt Machtpoker. Dem sachsen-anhaltischen CDU-Ministerpräsidenten, Hardliner einer exzessiven Wirtschaftspolitik, kommt das neuerliche Hochwasser denkbar ungelegen, weil es die Widersprüche zwischen der menschlichen Wirtschafts- und Siedlungsgebaren einerseits und deren Folgen andererseits so klar wie selten offenbart. Sein Verhalten ist, angesichts tausender Evakuierter, schlichtweg verantwortungslos. Und es offenbart noch etwas ganz anderes: Ein ganz verstecktes Eingeständnis der Machtlosigkeit gegenüber der Natur.

Die Flüsse Fluss sein lassen

Aus meiner halleschen Zeit kenne ich noch gut das jetzt meterhoch überschwemmte Mündungsgebiet der Saale in die Elbe aus einem gutachterlichen Auftrag. Die Saale fließt dort noch naturnah in mehreren wunderschönen und engen Schleifen. Im Zuge des Ausbaus der Flüsse für noch größere Schiffe könnten diese durch einen Kanal umgangen werden, was Auswirkungen auf die sensible Auenlandschaft hätte.

Immerhin hatte das Hochwasser 2002 bewirkt, das Projekt einer hoch umstrittene Staustufe bei Groß Rosenburg zu begraben. Hier hat man tatsächlich einmal gelernt. Gutachten zeigen zudem, dass sich die weitere Ausbaggerung der noch vielfach naturnah fließenden Elbe nicht lohnt. Im Zuge des Klimawandels werden die Niedrigwässer immer häufiger. Die riesigen EU-Schiffe können schon jetzt an immer mehr Tagen pro Jahr nicht fahren. Und bei Hochwässern droht eine noch höhere Fließgeschwindigkeit mit verheerenden Folgen. Die Wirtschaft tobt, weil alle bisherigen Gutachten zur Wirtschaftlichkeit eines solchen Kanals zu ihren Ungunsten ausgingen. Sie wird nicht umhin kommen, die Fakten zu akzeptieren. Tut sie dies nicht, wird sie nach 2002 und 2013 noch öfter schmerzlich an ihre Ignoranz erinnert werden.

Die Begradigung und Kanalisierung der deutschen Flüsse wurde jüngst erst von Österreich kritisiert. Deutschland habe auf diesem Gebiet Missmanagement betrieben und viele Fehler gemacht. Den Schaden, den die Donau in dem Alpenland gegenwärtig anrichtet, habe Deutschland mit zu verantworten.

Menschen ohne Weitblick

Der Schaden des aktuellen Hochwassers wird, glaubt man Zeitungsmeldungen, die 11 Milliarden Euro von 2002 wohl weit übersteigen. Die viel gepriesene Spitzentechnik ist vielerorts unwichtig zur Zeit: Gefragt sind Muskelkraft und Sandsäcke, während der schwer erarbeitete materielle Besitz vieler Menschen im Hochwasser dümpelt, Kläranlagen und Öltanks ihren Inhalt in die Flüsse ergießen und unsere Meere mit Gülle und anderem Unrat aus dem Binnenland geflutet werden. Gefragt aber ist ein radikales Umdenken, ist Druck auf die Politiker mit ihrer Verschieberitis und ihrer Behäbigkeit, gefragt ist der zukunftskritische Bürger, der sich die Frage stellt, warum genau sein Hab und Gut überhaupt wegschwimmt.

Keine Wirtschaft wird Extremhochwässer im Abstand von wenigen Jahrzehnten auf Dauer verkraften können. Auf lange Sicht sparsam zu wirtschaften, hieße, die Auen unserer zu Kanälen degradierten Flüsse wieder zu beleben, Deiche zurückzubauen und so manche Einfamilienhaus-Retortensiedlung aufzugeben. Wenn die Mibrag Kohle fördern will, gibt es auch keine Diskussion. Warum klappt das nicht im Vorfeld von Leib und Leben bedrohenden Hochwässern? Warum wird Ökologie noch immer als lästig empfunden, statt als existenzsichernd und ökonomisch sinnvoll?

Magdalenenhochwasser 1342

Dieses empfehle ich Ihnen, liebe nnz-Leser, einmal zu googeln. Dieses tatsächlich apokalyptische Hochwasser forderte allein in Deutschland nicht nur tausende Menschenleben, sondern es hinterließ in unserer Landschaft Spuren, die noch heute sichtbar sind. Damals jedoch waren die Auen noch unverbaut und naturnahe. Die hochwasserführenden Flüsse konnten sich ausbreiten. Würde uns heute ein derartiges Hochwasser heimsuchen, wären die Folgen wohl weitaus gravierender. Die Bevölkerungszahl ist ungleich größer als damals, die Wirtschaft zentral und dadurch extrem verwundbar, die Flüsse weithin kanalisiert.

Das Schlimme: Klimaforscher prophezeien uns immer mehr Extremwetterlagen. Gigantische Hochwässer werden demnach nicht unwahrscheinlicher.

Pompeij lässt grüßen

Mich erinnert das menschliche Verhalten der meisten Menschen seit dem Oderhochwasser 1997 stark an jenes der Pompeijaner, die im Jahre 79 durch den Ausbruch des Vesuv nicht nur ihre reiche und schöne Stadt, sondern auch ihr Leben verloren. Aus der römischen Geschichtsschreibung geht hervor, dass sie sehr wohl wussten, dass der Vulkan in gewissen Abständen ausbricht, ja Tod und Zerstörung bringt. Für ihre Ignoranz zahlten sie unfreiwillig mit dem höchstmöglichen Preis. Haben wir und vor allem unsere Politiker von ihnen gelernt?
Bodo Schwarzberg

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Autor: red

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