Di, 14:10 Uhr
12.07.2016
15 Minuten für den Norden
Eine Bastion für Nordthüringen
Meinungsvielfalt braucht Kanäle über die verschiedene Ansichten vermittelt werden können, braucht Medien, die Informationen verbreiten. Das gilt nicht nur für die "großen" Themen, sondern auch für den lokalen Bereich, nur das Medienarbeit hier kein leichtes Geschäft ist. Im klassischen Rundfunk gibt es in ganz Nordthüringen dafür nur eine richtige "Bastion"...
Bei Radio Enno bekam man heute Besuch aus der Erfurter Staatskanzlei - Enno-Leiterin Sandra Witzel mit Staatssekretär Malte Krückels (Foto: Angelo Glashagel)
Radio, Fernsehen, Internet, Zeitung, Smartphone-Apps - wer will kann sich heute stets und ständig auf dem neuesten Stand halten. Zumindest, wenn es um die "großen" Themen geht, Bundespolitik, Weltgeschehen, Kultur, Gesellschaft, Boulevard. Sobald es aber um das Geschehen vor der eigenen Haustür geht, nimmt die Zahl der möglichen Informationsquellen drastisch ab.
Das gilt vor allem für Formate, deren Produktion kostenintensiv ist - etwa lokales Fernsehen. Ein paar Mutige haben in den vergangenen Jahren wiederholt versucht, einen Fernsehsender für die Region zu etablieren, gescheitert sind sie alle. Sieht man einmal vom geschriebenen Wort ab, und die Vielfalt hier ist nicht zuletzt auch den Nordthüringer Onlinezeitungen geschuldet, ist der Norden des Freistaats eine mediale Wüstenlandschaft.
Im klassischen Rundfunkbereich gibt es nur eine "Bastion", die tatsächlich Informationen über die Region liefert - Radio Enno, das Nordhäuser Bürgerradio. Die großen privaten Sendeanstalten wenden für Berichte über das Geschehen im Norden im Schnitt 15 Minuten auf. Pro Woche. Bei Radio Enno sollen es, seit Anfang diesen Jahres, 85 Minuten sein. Pro Tag. In ein paar Jahren, so die Wünsche der Thüringer Landesmedienanstalt (TLM) als Finanzier der offenen Radioszene in Thüringen, sollen es rund 588 Minuten pro Woche sein.
Die Zahlen legte heute Martin Ritter von der TLM in den Redaktionsräumen des Nordhäuser Radios vor. Mit dabei war auch Malte Krückels, Thüringer Staatsekretär für Medien und Bundesangelegenheiten. Angesichts dieser Stellenbeschreibung bleibt für den medialen Teil nicht viel Zeit übrig, dass gab der Staatssekretär unumwunden zu, der Freistaat und der Bund hatten in den letzten Monaten viel zu klären, etwa in Sachen Flüchtlingskrise. Dieser Tage nun hat sich die Staatskanzlei Zeit genommen, besucht die Thüringer Bürgerradios und informiert sich über den Stand der Dinge und die Erfahrungen nach den neuesten Umstrukturierungen.
In Erfurt sieht man ein "Informationsdilemma", nicht nur aber eben auch im Norden, so der Tenor des heutigen Treffens. Im Thüringer Speckgürtel Erfurt-Weimar-Jena sieht das anders aus, hier gibt es mehr Vielfalt, lange etablierte Medien mit guten Nutzerzahlen und guter personeller Ausstattung. Dazu gehören auch Sendeanstalten wie "Radio F.R.E.I." aus Erfurt oder das Weimarer Stadtradio "Lotte", die traditionell als "Programm-Radios" gearbeitet haben, neben Musik also auch viel Information anbieten.
Seit Beginn des Jahres wurden aus den "offenen Kanälen", derer es inklusive der "alten" im Zentrum sechs gibt, sogenannte "Bürgerradios". Mehr professionelle Information, mehr redaktionelle Inhalte soll es zu hören geben, so die Grundidee hinter der Neuordnung und damit mehr Meinungsvielfalt, mehr demokratische Informationsfreiheit.
Allein das ist nicht so leicht, wie es klingt. Es sei eine "ordentliche Aufgabe", sagte Mario Ruß, stellvertretender Vorsitzender des Trägervereins und selber langjähriger Nutzer. Die Informationsbereiche seien so groß geworden, dass sich die Aufgaben mit den Nutzern nur schwer umsetzen ließen. Eine neue Stelle für Medienpädagogik habe man schaffen können, insgesamt fehle es aber an "Manpower", wenn man die 588 Minuten pro Woche schaffen wolle. Zur Zeit geben sich vor allem Radioleiterin Sandra Witzel, Redakteur Peter Jentsch und FSJ'lerin Lucy alle Mühe, die Vorgaben umzusetzen.
Wie weiter mit der medialen Landschaft im Norden? - Gespräch bei Radio Enno (Foto: Angelo Glashagel)
Und das ist nur ein Problem. Das andere ist die Erreichbarkeit. Radio Enno verfügt über die Sendeleistung einer herkömmlichen Glühbirne, so der Vergleich von Enno-Redakteur Peter Jentsch, gerade mal mit 100 Watt gehen die Informationen über den Äther. Die Reichweite beschränkt sich deswegen auf das Stadtgebiet, und selbst hier gibt es Lücken.
Daran wird sich auch nach dem Besuch des Staatssekretärs nicht viel ändern - das Problem ist technischer und geographischer Natur. Durch die Nähe zu den angrenzenden Bundesländern gibt es keine freien Frequenzen, die man nutzen könnte. Bei allem Engagement der Radiomacher, die Nordthüringer "Bastion" ist vor allem eines: sehr klein. "Wir haben keine Möglichkeit uns zu entwickeln.", sagte Vereinsvorsitzender Ruß.
Das ist die schlechte Nachricht. Die gute Nachricht ist, dass sich das Nordhäuser Radio wohl nicht um seine Existenz wird sorgen müssen, eben weil man allein auf weiter Flur sendet.
Die einzige Möglichkeit, die bliebe um mehr Menschen als bisher zu erreichen, wäre ein verstärkter Fokus auf dem digitalen Verbreitungsweg, ein Live-StreamLive-Stream des Programms existiert seit langem. Aber der Hörer des 21. Jahrhunderts mag es nach wie vor lieber traditionell - das Radio läuft meistens im Auto, auf Arbeit oder in der heimischen Küche, digitale Angebote wie Streams werden kaum genutzt, auch diese Zahlen hatte Herr Ritter von der TLM dabei.
Zumindest im Rundfunkbereich wird Nordthüringen also wohl auch auf die nächsten Jahre hinaus mediale Wüstenei bleiben. Mit Ausnahme einer kleinen Oase hoch oben über dem Nordhäuser August-Bebel-Platz.
Angelo Glashagel
Autor: red
Bei Radio Enno bekam man heute Besuch aus der Erfurter Staatskanzlei - Enno-Leiterin Sandra Witzel mit Staatssekretär Malte Krückels (Foto: Angelo Glashagel)
Radio, Fernsehen, Internet, Zeitung, Smartphone-Apps - wer will kann sich heute stets und ständig auf dem neuesten Stand halten. Zumindest, wenn es um die "großen" Themen geht, Bundespolitik, Weltgeschehen, Kultur, Gesellschaft, Boulevard. Sobald es aber um das Geschehen vor der eigenen Haustür geht, nimmt die Zahl der möglichen Informationsquellen drastisch ab.
Das gilt vor allem für Formate, deren Produktion kostenintensiv ist - etwa lokales Fernsehen. Ein paar Mutige haben in den vergangenen Jahren wiederholt versucht, einen Fernsehsender für die Region zu etablieren, gescheitert sind sie alle. Sieht man einmal vom geschriebenen Wort ab, und die Vielfalt hier ist nicht zuletzt auch den Nordthüringer Onlinezeitungen geschuldet, ist der Norden des Freistaats eine mediale Wüstenlandschaft.
Im klassischen Rundfunkbereich gibt es nur eine "Bastion", die tatsächlich Informationen über die Region liefert - Radio Enno, das Nordhäuser Bürgerradio. Die großen privaten Sendeanstalten wenden für Berichte über das Geschehen im Norden im Schnitt 15 Minuten auf. Pro Woche. Bei Radio Enno sollen es, seit Anfang diesen Jahres, 85 Minuten sein. Pro Tag. In ein paar Jahren, so die Wünsche der Thüringer Landesmedienanstalt (TLM) als Finanzier der offenen Radioszene in Thüringen, sollen es rund 588 Minuten pro Woche sein.
Die Zahlen legte heute Martin Ritter von der TLM in den Redaktionsräumen des Nordhäuser Radios vor. Mit dabei war auch Malte Krückels, Thüringer Staatsekretär für Medien und Bundesangelegenheiten. Angesichts dieser Stellenbeschreibung bleibt für den medialen Teil nicht viel Zeit übrig, dass gab der Staatssekretär unumwunden zu, der Freistaat und der Bund hatten in den letzten Monaten viel zu klären, etwa in Sachen Flüchtlingskrise. Dieser Tage nun hat sich die Staatskanzlei Zeit genommen, besucht die Thüringer Bürgerradios und informiert sich über den Stand der Dinge und die Erfahrungen nach den neuesten Umstrukturierungen.
In Erfurt sieht man ein "Informationsdilemma", nicht nur aber eben auch im Norden, so der Tenor des heutigen Treffens. Im Thüringer Speckgürtel Erfurt-Weimar-Jena sieht das anders aus, hier gibt es mehr Vielfalt, lange etablierte Medien mit guten Nutzerzahlen und guter personeller Ausstattung. Dazu gehören auch Sendeanstalten wie "Radio F.R.E.I." aus Erfurt oder das Weimarer Stadtradio "Lotte", die traditionell als "Programm-Radios" gearbeitet haben, neben Musik also auch viel Information anbieten.
Seit Beginn des Jahres wurden aus den "offenen Kanälen", derer es inklusive der "alten" im Zentrum sechs gibt, sogenannte "Bürgerradios". Mehr professionelle Information, mehr redaktionelle Inhalte soll es zu hören geben, so die Grundidee hinter der Neuordnung und damit mehr Meinungsvielfalt, mehr demokratische Informationsfreiheit.
Allein das ist nicht so leicht, wie es klingt. Es sei eine "ordentliche Aufgabe", sagte Mario Ruß, stellvertretender Vorsitzender des Trägervereins und selber langjähriger Nutzer. Die Informationsbereiche seien so groß geworden, dass sich die Aufgaben mit den Nutzern nur schwer umsetzen ließen. Eine neue Stelle für Medienpädagogik habe man schaffen können, insgesamt fehle es aber an "Manpower", wenn man die 588 Minuten pro Woche schaffen wolle. Zur Zeit geben sich vor allem Radioleiterin Sandra Witzel, Redakteur Peter Jentsch und FSJ'lerin Lucy alle Mühe, die Vorgaben umzusetzen.
Wie weiter mit der medialen Landschaft im Norden? - Gespräch bei Radio Enno (Foto: Angelo Glashagel)
Und das ist nur ein Problem. Das andere ist die Erreichbarkeit. Radio Enno verfügt über die Sendeleistung einer herkömmlichen Glühbirne, so der Vergleich von Enno-Redakteur Peter Jentsch, gerade mal mit 100 Watt gehen die Informationen über den Äther. Die Reichweite beschränkt sich deswegen auf das Stadtgebiet, und selbst hier gibt es Lücken.
Daran wird sich auch nach dem Besuch des Staatssekretärs nicht viel ändern - das Problem ist technischer und geographischer Natur. Durch die Nähe zu den angrenzenden Bundesländern gibt es keine freien Frequenzen, die man nutzen könnte. Bei allem Engagement der Radiomacher, die Nordthüringer "Bastion" ist vor allem eines: sehr klein. "Wir haben keine Möglichkeit uns zu entwickeln.", sagte Vereinsvorsitzender Ruß.
Das ist die schlechte Nachricht. Die gute Nachricht ist, dass sich das Nordhäuser Radio wohl nicht um seine Existenz wird sorgen müssen, eben weil man allein auf weiter Flur sendet.
Die einzige Möglichkeit, die bliebe um mehr Menschen als bisher zu erreichen, wäre ein verstärkter Fokus auf dem digitalen Verbreitungsweg, ein Live-StreamLive-Stream des Programms existiert seit langem. Aber der Hörer des 21. Jahrhunderts mag es nach wie vor lieber traditionell - das Radio läuft meistens im Auto, auf Arbeit oder in der heimischen Küche, digitale Angebote wie Streams werden kaum genutzt, auch diese Zahlen hatte Herr Ritter von der TLM dabei.
Zumindest im Rundfunkbereich wird Nordthüringen also wohl auch auf die nächsten Jahre hinaus mediale Wüstenei bleiben. Mit Ausnahme einer kleinen Oase hoch oben über dem Nordhäuser August-Bebel-Platz.
Angelo Glashagel
