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Mi, 10:55 Uhr
09.11.2016
nnz-Betrachtung zur US-Wahl

Der große Unbekannte

Es gibt Momente in der Geschichte, da wacht man eines morgens auf und die Welt ist eine andere. Abgezeichnet hat es sich dieses mal schon in der Nacht - Donald Trump wird der 45. Präsident der USA werden. Der Versuch einer ruhigen Analyse...


Ein Multimillionär der sei Geld in der Immobilienbranche und mit Glücksspiel gemacht hat, der mehrere Firmen vor die Wand gefahren hat, der ganze Bevölkerungsgruppen und Religionsgemeinschaften beleidigt, sich abschätzig über Frauen äußert, US-Kriegsveteranen verunglimpft, dem Missbrauch, Verbindungen zu mafiösen Strukturen, Steuerhinterziehung im großen Stil und noch einiges mehr nachgesagt werden wird im Januar wohl den Amtseid des US-Präsidenten ablegen. Und es war noch nicht mal knapp. Amerika, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

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Seine Rivalin, die Demokratin Hillary Clinton, schien den Beobachtern weltweit die sichere Wahl, eine erfahrene Politikerin, die bestens in der amerikanischen Elite verwurzelt ist und langjährige Politikerfahrung mit sich gebracht hätte. Dass Clinton die Wahl deutlich verloren hat, wird aber wohl genau daran gelegen haben. Donald Trump wird der erste US-Präsident in der Geschichte des Landes sein, der zuvor kein politisches Amt ausgeübt oder als hochrangiger Offizier gedient hat. Selbst Schauspieler und Republikaner Ikone Ronald Reagan war Gouverneur von Californien, bevor es ins Weiße Haus einzog.

Trump war der Anti-Establishment-Kandidat. Angetreten ist er für die republikanische Partei, aber nicht aus Überzeugung, sondern aus Notwendigkeit. Wer Präsident werden will, muss es in den USA auf den Rücken einer der beiden großen Parteien versuchen. Der Parteielite hat Trump immer missfallen, man versuchte seine Nominierung zu verhindern. Anders als den Demokraten, die mit Bernie Sanders ebenfalls einen Kandidaten vom politischen Rand in ihren Reihen hatten, ist ihnen das aber nicht gelungen. Die großen US-Medien, darunter selbst der konservative Haussender der "Grand Old Party" Fox-News, haben sich an Donald Trump im Vorwahlkampf die Zähne ausgebissen.

Skandale, die jeden anderen Kandidaten aus dem Rennen geschmissen hätten, haben Trump nicht schaden können. Seine Innerparteilichen Gegenspieler haben es trotz finanzkräftiger Unterstützung aus den elitären Zirkeln des Landes nicht geschafft, ihn zu verhindern und jetzt ist auch Hillary Clinton am Phänomen Trump gescheitert. Eigentlich ist das unmöglich.

Wie bitte, Amerika?

Eigentlich. Dass es eben doch geht, das hat der heutige morgen gezeigt. Es ist nicht das erste mal in diesem Jahr, das der Wähler so ganz anders entscheidet, als man das international erwartet hätte. Trump ist Brexit 2.0, wenn man so will. Stellt sich die offensichtliche Frage, warum? Sie wird noch viel diskutiert werden in den kommenden Tagen, und auch hier soll ein Erklärungsversuch unternommen werden.

Dazu sollte man sich die Vorgeschichte vor Augen führen. "Change has come to America" - der Wandel ist nach Amerika gekommen - mit dem Versprechen das Land zu verändern war Barack Obama vor acht Jahren in das Weiße Haus eingezogen. Auf dem Papier ist ihm das durchaus gelungen - die Kriege seines Vorgängers hat er beendet, oder sie vielmehr ohne US-Bodentruppen dafür aber per Drohnen weitergeführt, die Wirtschaftskrise nach dem Finanzkollaps von 2008 scheint überwunden, die Beschäftigung steigt, die Amerikaner haben zum ersten mal in ihrer Geschichte eine Art allgemeine Krankenversicherung. Alles gut also im Land der Tapferen?

Tatsächlich hat sich die Situation für weite Teile der Bevölkerung in den letzten Jahren kaum geändert, der Aufschwung ist nicht ganz unten angekommen. Die amerikanische Gesellschaft krankt an vielen Stellen, und ist von Ungerechtigkeiten durchzogen, die dem Beobachter von außerhalb häufig nicht einmal bekannt sind. Wer des englischen mächtig ist und sich wiederholt vor Unglauben die Haare raufen möchte, dem sei John Olivers "Last Week Tonight" empfohlen. Der britische Komödiant legt im US-Fernsehen immer wieder gerne den Finger in die vielen Wunden. Und er ist bei weitem nicht der Einzige, die scheinbar Systemimmanenten Fehler sind mit dem Wahlversprechen Obamas nur noch schärfer zu Tage getreten.

Letztlich war auch Obama Teil des Establishments, im Wahlkampf von der Wall Street gestützt und von Beratern aus eben jenen elitären Kreisen umgeben. Der "Change" hielt sich abseits der hart erkämpften und schwer verwässerten Gesundheitsreform in Grenzen. Gleichzeitig haben die Republikaner acht Jahre lang auf Totalopposition geschaltet, haben blockiert wo es nur ging und, begleitet von medialem Dauerfeuer, auch radikalsten Stimmen wie der Tea Party Bewegung und Verschwörungstheoretikern wie den "Birthern" Raum gegeben.

Mit zum Teil harscher Rhetorik gegen das Washingtoner Establishment hat man sich gegen die Obama Administration eingeigelt. Den Geist bekommt man jetzt nicht mehr in die Flasche, er hat sich gegen seine Meister gewendet, schließlich sind sie selbst Teil des Establishments, das man so gern geißelte. Es waren die eigenen Wähler, die den Republikaner mit der Nominierung Trumps die Gefolgschaft verweigert haben. Die Entwicklung ist nicht auf die USA beschränkt, in weiten Teilen der "westlichen Welt" haben die etablierten Systeme mit Emporkömmlingen zu kämpfen, die nationalistische Stereotype bedienen und mit Populismus Erfolge einfahren.

Der große Unbekannte

Das politische System ist aus den Fugen. Neu ist das nicht, die letzte Nacht hat diese Einsicht nur noch einmal verdeutlicht. Dabei muss Trump noch nicht einmal ein schlechter Präsident werden. Auch der "Commander in Chief", der oberste Befehlshaber der USA, der Trump nun wird, regiert nicht alleine. Die Präsidenten der USA haben viel Macht, aber sie sind keine Alleinherrscher. Die Zukunft wird zeigen wie stark die innerparteiliche Opposition zu Trump nach seinem Wahlsieg noch ist, denn theoretisch weiß der neue Präsident eine Mehrheit im Kongress hinter sich. Ob er mit ihr auch "durchregieren" kann, ist eine andere Frage, denn die Senatoren und Gouverneure gehören vielfach zu den "alten" Republikanern.

Die Verunsicherung in den politischen und wirtschaftlichen Zirkeln der Welt rührt denn auch eher daher, das man nicht weiß, was man von Trump überhaupt zu erwarten hat. Mit Clinton wäre eine bekannte, eine berechenbare Größe zur Präsidentin geworden. Ihr siegreicher Gegenspieler hat im gesamten Wahlkampf nur wenig konkretes verlautbaren lassen. Mit Russland will er reden, das wird hierzulande vielen gut gefallen, wie die Gespräche aussehen und was am Ende dabei herauskommt, steht aber auf einem ganz anderen Blatt. Freihandelsabkommen wie "NAFTA" mit Mexiko will er neu verhandeln, klingt auch erst einmal gut, welche Veränderungen ihm vorschweben weiß man nicht. An der Südgrenze der USA will er eine Mauer bauen, wie das Mammutprojekt finanziert werden soll ist klar, Mexiko soll zahlen, wie man die Nachbarn aber dazu bringen will dem zuzustimmen weiß niemand. Obamas Gesundheitsreform will er schnellstmöglich abschaffen und durch "etwas besseres" ersetzen. Zu den Details hat er geschwiegen.

Trump ist der große Unbekannte. Wird er sich mit kompetenten Beratern umgeben oder mit Leuten die ihn in allem bestätigen? Wird er überhaupt auf den Kongress oder das Kabinett hören? Die Intentionen des 45. US-Präsidenten sind unklar, sein Charakter fordert schwere Zweifel an seiner Kompetenz geradezu heraus.

Ruhe bewahren

Die USA hatten gestern die Wahl zwischen zwei Übeln, aus europäischer Sicht war keines davon wirklich klein. Was einem Sorgen bereiten sollte ist denn auch gar nicht so sehr die politische Entwicklung der nächsten Jahre, die steht in den Sternen.

Besorgniserregend ist der Weg den die letzte verbliebene Supermacht gesellschaftlich eingeschlagen hat. Trump hat mit unmöglichen Positionen einen unmöglichen Wahlkampf gewonnen. Weite Teile der amerikanischen Gesellschaft haben sich abseits aller Sachargumente radikalisiert. Wenn ein US-Präsident mit der Verunglimpfung und Beschimpfung von Einwanderern, Mitbürgern mit Migrationshintergrund, Schwarzen, Frauen und Muslimen, die Wahl gewinnen kann, was wird sich der kleine Mann demnächst auf der Straße erlauben? Wohin die Reise geht, kann niemand wissen, ab sofort fahren alle nur auf Sicht.

Wir stehen nicht der Apokalypse gegenüber. Im besten Falle schafft es der Außenseiter Trump das politische System der USA tatsächlich zu erneuern, im schlimmsten Fall fährt er den Laden im Schulterschluss mit dem Kongress endgültig vor die Wand und wir sitzen als europäische Verbündete mit ihm Boot, wenn es untergeht. Unter Umständen ändert sich an der Politik des Landes wenig bis gar nichts. Was auch geschieht, ein gesundes Maß an Skepsis ist angesichts dieses Präsidenten in jedem Fall angebracht. Und noch etwas steht zu befürchten - es könnte nicht das letzte mal sein, das wir aufwachen und uns vor Unglauben die Augen reiben, die nächsten Wahlen sind nicht mehr fern. In Frankreich und sukzessive auch dem Rest Europas könnte sich die Geschichte schon bald wiederholen. Wie das alles ausgeht, entzieht sich jeder Analyse.
Angelo Glashagel

Bildquelle: Unsplash/pixabay.com
Autor: red

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Kommentare
Leser X
09.11.2016, 11:40 Uhr
Trump - na und?
Trump sagte "Amerika" zuerst. Bei seinen sämtlichen Vorgängern war es nicht anders. Unterschied: es haben nicht alle ausgesprochen, immer aber danach gehandelt mit allen ihren Kriegen.

Preisfrage: Ist das jetzt die Pest oder die Cholera? Egal. Beides nicht gut.

Und da Clinton als Kriegstreiberin bekannt war, kann es so viel schlimmer nicht werden.

Und überhaupt: warum sind jetzt alle so entsetzt? Kann ich Euch sagen: Weil unser Mainstream-Journalismus in seiner Einseitigkeit einen solchen Fall im Denken der Leute regelrecht verboten hat.

Wieder so ein Tag, an dem viele begreifen werden, dass irgendwas schief läuft in unserer Meinungsindustrie.
henry12
09.11.2016, 11:48 Uhr
Alles Trump oder was ?
Meine Meinung ist, das wir uns hier in Deutschland
mit einer sehr einseitigen und tendenziösen Wahlkampf Berichterstattung kein wirklich reales Bild von den amerikanischen Verhältnissen machen können und sollten.
Gefühlt bin ich erleichtert, das Clinton raus ist.
Dann hätten wir nächstes Jahr Krieg mit Russland.
Wer hätte vor 8 Jahren gedacht, das ein burschikoser, intelligenter, sympatischer Friedensnobelpreisträger mit Begeisterung Frauen und Kinder durch Drohnen töten lässt ?
Also, erst einmal abwarten. Am meisten Angst haben die Politbonzen, das Trump ihnen beim
Tanz auf dem Vulkan auf die Füsse tritt.
Johann George
09.11.2016, 13:29 Uhr
Trost für Trump-Feinde
Die Verzweiflung aller, die auf Clinton als Präsidentin gehofft hatten (inklusive des Autors oberstehenden Artikels) ist groß. Doch es gibt auch Trost für sie:
1. Wahrscheinlich wird es keinen 3. WK von der Ukraine ausgehend geben.
2. Vermutlich wird der IS in Syrien besiegt werden.
3. Die Amerikaner werden sich wieder mehr mit sich selbst beschäftigen müssen.
4. Das verkrustete politische System wird aufgebrochen und durcheinander gewirbelt.
5. Das Handelsabkommen TTIP und der damit verbundene Einfluss der großkonzerne auf alle Handelsbereiche wird nicht kommen.
6. Die kriselnde EU hat die Chance auf einen Neuanfang, wenn sie einmal darüber nachdenkt, was in den USA geschehen ist.
7. Wir stellen einmal mehr fest, dass sich Medien und veröffentlichte Politiker-Meinungen die Welt nicht so zusammenwünschen können, wie sie es gerne wollen.
Und schließlich
8. Die arme Frau Clinton kann nun für die Dankesbriefe an saudiarabische und waffenproduzierende Wahlkampfspender endlich wieder den eigenen e-mail-Server benutzen und muss nie wieder Angst haben, dass sie ihn mit einem Regierungsserver verwechselt.
U. Alukard
09.11.2016, 14:06 Uhr
Johan George, es gibt noch mehr Vorteile:
Die Merkeladministration wird von Herrn Trump nicht unterstützt und wir sind sie hoffentlich bald los. Dann können deutsche Unternehmen wieder Handel mit den Russen Treiben und die Hexenjagt auf Putin hört endlich auf! Ich habe zu Wahlsieg von Herrn Trump Freudentränen vergossen genauso als die Britten den Brexit beschlossen haben. Wählen geht der Arbeiter und der fühlt sich hier und in den Staaten von den momentan Regierenden schon lange verar.... Kann noch ergänzt werden...
Günther Hetzer
09.11.2016, 14:30 Uhr
Noch ist es hell
Ist die Welt schon untergegangen? Noch ist es hell draußen wenn ich aus dem Fenster schaue...

Auch in der USA gilt: Nach einer Wahl verändern sich nur die Gesichter, die Politik jedoch nicht!
tuco
09.11.2016, 16:04 Uhr
Man sollte...
...sich nicht an Worte klammern.
Besonders nicht, wenn sich diese VOR einer Wahl ergießen.
Es wird auch in den VSA nur mit Wasser gekocht.
Und dass dieser "Neue" alles umkrempelt, glaub ich erst, wenn's so weit ist.
Allein der MIK mit seinem diesjährigen Budget von 650 Mrd. Talern, wird im kommenden Jahr gewiss wieder auf der Matte stehen und betteln...ganz gleich wie der Oberindianer heißt.
Also abwarten und schauen... und sich amüsieren über die ganzen "aufgeschreckten Hühner", die die absolute Apokalypse heraufbeschwören ..."Popcorn!"
Taiko
09.11.2016, 17:18 Uhr
Der Beitrag wurde deaktiviert – Verstoß gegen AGB
H.Buntfuß
09.11.2016, 18:18 Uhr
Schock
Weltweit stehen angeblich viele Politiker unter Schock, Schuld sei das Wahlergebnis in den USA. Hätten sich die politischen Versager etwas früher mit der Wahlpolemik auseinandergesetzt, dann bräuchten sie HEUTE nicht so schockiert zu tun.

Man hat sich nur auf die sehr Zweifelhaften Umfragen verlassen, anstatt sich einmal unter das gemeine Volk zu mischen, um zu verstehen was im Land so vor sich geht. Aber was machen die angeblich so schockierten, sie setzen die Rosa-Rote- Brille auf, dass ist ja auch viel bequemer, oder nicht?

Lesen sie doch nur einmal die Stellungsnamen der Politiker hier in dieser Zeitung, sie zeigen doch sehr deutlich, wie unfähig die hiesigen Politiker sind, oder? Was sie da von sich geben, sind doch nur wie immer leere Worthülsen. Auch hier verlässt man sich lieber auf geschönte Umfragen.

Nehmen wir nur das Beispiel „AfD“, man tut so als wäre das alles nicht so schlimm. Auf die Ängste und Nöte der Bevölkerung reagiert man nur mit abfälligen Sprüchen. Man verschließt die Augen vor der Realität. Die Politik versagt auf ganzer Linie, wer versucht etwas gegen diese VERSAGERPOLITIK etwas zu tun, der Kurzerhand als Nazi abgestemmpelt.

Ich kann den politischen Marionetten nur raten sich mehr um die Belange des gemeinen Volkes zu kümmern, als nur die Bedürfnisse der so genannten „OBEREN ZEHNTAUSEN“ zu befriedigen. Wenn sie mit ihrer Versagerpolitik so weiter machen, werden sie nach der nächsten Bundestagswahl einen noch größeren Schock über sich erlassen müssen, das glaube ich zumindest.
U. Alukard
10.11.2016, 09:07 Uhr
Herr Buntfuß spricht von "politischen Marionetten"!
Es ist in den USA bald keiner mehr da, der die Fäden zieht!

So war es zum Ende der DDR auch, der neue Präsident Gorbi hat die DDR frei gegeben, in Russland zog keiner mehr die Fäden, so haben die DDR Marionetten mangels eigener Führungskonzepte einfach aufgegeben.

AfD übernehmen Sie Deutschland so schnell es geht!
Stärken Sie den Nationalstolz so lange es ihn noch gibt!
Ich wünsche mir den DE-EXIT!
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