Fr, 07:20 Uhr
20.06.2014
Fred Deux - Le livre de la vie
In diesem Jahr rückt ein bedeutender zeitgenössischer französischer Künstler in den Fokus europäischer Aufmerksamkeit. Fred Deux, der am 01. Juli dieses Jahres seinen 90. Geburtstag begehen wird, ist eine Ausstellungsreihe in Deutschland, Frankreich und der Schweiz gewidmet. Den Auftakt in Deutschland bildet die Exposition im Panorama Museum Bad Frankenhausen mit über 130 Werken aus dem gesamten Schaffenszeitraum von 1949 bis heute.
Die retrospektive Schau wird das Werk des Zeichners in seiner Entwicklung und all seinen unterschiedlichen Facetten erstmals im mitteldeutschen Raum zeigen. In jungen Jahren entdeckt Fred Deux Paul Klee und den Surrealismus mit André Breton für sich, dessen Gruppe er sich auch zeitweilig anschließt. Doch es ist nur ein kurzes Intermezzo. Der Autodidakt Fred Deux findet letztlich seinen ganz eigenen Weg in grandiosen figurativ-imaginären Bilderwelten, die zwischen Abstraktion und Figuration pendelnd die ganze Tiefe und Unendlichkeit seiner Empfindungen und Erinnerungen widerspiegeln.
Die Unterweisung, 1990, Bleistift und Aquarell auf Arches-Papier, 64 x 49 cm, Courtesy Galerie Alain Margaron, Paris
Die Ausstallung geht vom 28. Juni bis 12. Oktober 2014 im Panorama Museum Bad Frankenhausen, die Vernissage findet am Samstag, den 28. Juni 2014, um 16.00 Uhr statt.
Innenschauen an eine düstere Kindheit, an Krieg und Krankheit gebären mit äußerst sensibel geführtem Stift ein unentwirrbares Geflecht aus feinsten Linien und Schraffuren, das für sich alleine gesehen abstrakt zu sein scheint, im Zusammenspiel aller Geäste jedoch organische Gewebe entstehen lässt, die Leben atmen. Amorphe Kreaturen entsteigen der Dunkelheit des Seins und bezwingen die Dämonen der Vergangenheit. Es ist ein schmerzhafter, aber dennoch reinigender Prozess des Bezeichnens einer unaussprechlichen Wahrheit, die die Seele erdrückt.
Fred Deux ist ein kritisch Hinterfragender seines eigenen Schaffens. Ob als Autor (seinem ersten autobiografischen Roman mit dem Titel La Gana unter dem Pseudonym Joan Douassot folgen weitere Bücher) oder bildender Künstler sieht er den kreativen Prozess als identitätsstiftende Arbeit an, die allein es vermag, sich selbst zu finden und letztlich auch selbst zu erkennen. Es ist für ihn ein immer wiederkehrendes, bewusstes Hinabsteigen in die Abgründe seiner Seele, in der sich gewesene Wirklichkeiten mit gleichnishaften Träumen zu grotesken Visionen verbinden. Das Unwirkliche aufs Papier zu bringen, gleicht dabei einem unentwegten Ringen mit sich selbst.
Sepp Hiekisch-Picard, stellvertretender Direktor des Kunstmuseum Bochum, das ein repräsentatives Konvolut von Deux-Arbeiten zu seinem Sammlungsbestand zählt, charakterisiert das Œuvre wie folgt: Im Überblick erscheint sein Werk zwischen den Polen einer traumhaft-phantastischen Figuration und einer zur Formauflösung strebenden Abstraktion zu pendeln, zwischen Gegensätzen von Expressivität und meditativer Kontemplation, die zu immer wieder überraschenden Synthesen und Weiterentwicklungen führen. Ein Werk, das jahrzehntelang mit ungeheurer Arbeitsdisziplin in einer mönchisch anmutenden Abgeschiedenheit entsteht, fernab vom jeweils aktuellen Kunstgeschehen, nur sich selbst und dem absoluten Anspruch nach radikaler Ehrlichkeit in der Erforschung der eigenen Innenwelten verpflichtet.
Silke Krage
Panoramamuseum
Biografie
Fred Deux wird am 1. Juli 1924 als Kind einer Arbeiterfamilie in Boulogne-Billancourt/Frankreich geboren. Er wächst im Keller eines Bürgerhauses in der Nähe der Seine auf, der in manchen Wintern unter Wasser steht. Diese Lebensbedingungen zerrütten seine Gesundheit. Sie bilden auch den biographischen Kern, um den herum sich sein Werk entwickeln wird. Im Jahr 1939 schreibt er sich in eine Berufsschule ein und arbeitet drei Jahre später in einer Fabrik als Wartungselektriker im Nachtschichtdienst. 1943 schließt er sich der Widerstandsgruppe der Fabrik (FTP) an und geht in den Untergrund. Bei der Befreiung tritt er den marokkanischen Goumiers bei und nimmt an den Feldzügen in den Vogesen, im Elsass und in Deutschland teil.
Nach seiner Rückkehr nach Frankreich im Jahr 1947 lässt er sich in Marseille nieder. Heirat, Geburt von zwei Töchtern. Er findet eine Arbeit in der Buchhandlung Clary in Marseille. Dort entdeckt er die Literatur (Breton, Bataille, Cendrars, Péret, Sade …). Er begründet die Untergruppe der Surrealisten von Marseille und steht den Literaten der Cahiers du Sud nahe. Zur Offenbarung wird das Werk von Paul Klee. Er schafft seine ersten Klecksbilder mit Fahrradlack und Drucke (Stoff und Tusche).
1951 erregen seine Zeichnungen die Aufmerksamkeit von Karl Flinker, einem bedeutenden Pariser Galeristen, der diese in der Buchhandlung seines Vaters Martin Flinker ausstellt. Im November des selben Jahres lässt sich Fred Deux in Paris nieder, trifft André Breton, wird Mitglied der Gruppe der Surrealisten und befreundet sich mit Hans Bellmer. Zusammen mit den Surrealisten stellt er in der Galerie L’Étoile scellée aus. Es wird nur ein kurzes Intermezzo: 1954 zieht er sich wieder von der Gruppe zurück.
Bereits 1951 begegnet er auch der Kupferstecherin Cécile Reims, die seine Lebensgefährtin und Frau wird. Sehr schnell entscheiden sie aus gesundheitlichen Gründen, die sie beide betreffen, aber auch zur Förderung ihrer künstlerischen Arbeit, aus Paris wegzugehen. 1957 ziehen sie zunächst nach Corcelles im Département Ain. 1959 wechseln sie in das nahe Lacoux, wo sie Jahre später (1971) ein Zentrum für zeitgenössische Kunst einrichten, um kurz darauf, 1973, nach Couzat, im Berry, überzusiedeln. Die letzte Station ist schließlich La Châtre, wo sie seit 1985 leben.
Das zeichnerische Werk von Fred Deux war seit den 1950er Jahren immer wieder Gegenstand zahlreicher Ausstellungen in französischen Galerien und Museen. Im Musée national d’art moderne wird Fred Deux regelmäßig gezeigt, und im Museum von Issoudun ist ihm, wie auch Cécile Reims, ein großer Saal mit einer Dauerausstellung gewidmet. Die erste Exposition in Deutschland wurde 1995 im Kunstmuseum Bochum ausgerichtet. Seit 1999 und exklusiv seit 2001 wird der Künstler von der Galerie Alain Margaron vertreten, die regelmäßig Ausstellungen des Künstlers organisiert.
Autor: khhDie retrospektive Schau wird das Werk des Zeichners in seiner Entwicklung und all seinen unterschiedlichen Facetten erstmals im mitteldeutschen Raum zeigen. In jungen Jahren entdeckt Fred Deux Paul Klee und den Surrealismus mit André Breton für sich, dessen Gruppe er sich auch zeitweilig anschließt. Doch es ist nur ein kurzes Intermezzo. Der Autodidakt Fred Deux findet letztlich seinen ganz eigenen Weg in grandiosen figurativ-imaginären Bilderwelten, die zwischen Abstraktion und Figuration pendelnd die ganze Tiefe und Unendlichkeit seiner Empfindungen und Erinnerungen widerspiegeln.
Die Unterweisung, 1990, Bleistift und Aquarell auf Arches-Papier, 64 x 49 cm, Courtesy Galerie Alain Margaron, Paris
Die Ausstallung geht vom 28. Juni bis 12. Oktober 2014 im Panorama Museum Bad Frankenhausen, die Vernissage findet am Samstag, den 28. Juni 2014, um 16.00 Uhr statt.
Innenschauen an eine düstere Kindheit, an Krieg und Krankheit gebären mit äußerst sensibel geführtem Stift ein unentwirrbares Geflecht aus feinsten Linien und Schraffuren, das für sich alleine gesehen abstrakt zu sein scheint, im Zusammenspiel aller Geäste jedoch organische Gewebe entstehen lässt, die Leben atmen. Amorphe Kreaturen entsteigen der Dunkelheit des Seins und bezwingen die Dämonen der Vergangenheit. Es ist ein schmerzhafter, aber dennoch reinigender Prozess des Bezeichnens einer unaussprechlichen Wahrheit, die die Seele erdrückt.
Fred Deux ist ein kritisch Hinterfragender seines eigenen Schaffens. Ob als Autor (seinem ersten autobiografischen Roman mit dem Titel La Gana unter dem Pseudonym Joan Douassot folgen weitere Bücher) oder bildender Künstler sieht er den kreativen Prozess als identitätsstiftende Arbeit an, die allein es vermag, sich selbst zu finden und letztlich auch selbst zu erkennen. Es ist für ihn ein immer wiederkehrendes, bewusstes Hinabsteigen in die Abgründe seiner Seele, in der sich gewesene Wirklichkeiten mit gleichnishaften Träumen zu grotesken Visionen verbinden. Das Unwirkliche aufs Papier zu bringen, gleicht dabei einem unentwegten Ringen mit sich selbst.
Sepp Hiekisch-Picard, stellvertretender Direktor des Kunstmuseum Bochum, das ein repräsentatives Konvolut von Deux-Arbeiten zu seinem Sammlungsbestand zählt, charakterisiert das Œuvre wie folgt: Im Überblick erscheint sein Werk zwischen den Polen einer traumhaft-phantastischen Figuration und einer zur Formauflösung strebenden Abstraktion zu pendeln, zwischen Gegensätzen von Expressivität und meditativer Kontemplation, die zu immer wieder überraschenden Synthesen und Weiterentwicklungen führen. Ein Werk, das jahrzehntelang mit ungeheurer Arbeitsdisziplin in einer mönchisch anmutenden Abgeschiedenheit entsteht, fernab vom jeweils aktuellen Kunstgeschehen, nur sich selbst und dem absoluten Anspruch nach radikaler Ehrlichkeit in der Erforschung der eigenen Innenwelten verpflichtet.
Silke Krage
Panoramamuseum
Biografie
Fred Deux wird am 1. Juli 1924 als Kind einer Arbeiterfamilie in Boulogne-Billancourt/Frankreich geboren. Er wächst im Keller eines Bürgerhauses in der Nähe der Seine auf, der in manchen Wintern unter Wasser steht. Diese Lebensbedingungen zerrütten seine Gesundheit. Sie bilden auch den biographischen Kern, um den herum sich sein Werk entwickeln wird. Im Jahr 1939 schreibt er sich in eine Berufsschule ein und arbeitet drei Jahre später in einer Fabrik als Wartungselektriker im Nachtschichtdienst. 1943 schließt er sich der Widerstandsgruppe der Fabrik (FTP) an und geht in den Untergrund. Bei der Befreiung tritt er den marokkanischen Goumiers bei und nimmt an den Feldzügen in den Vogesen, im Elsass und in Deutschland teil.
Nach seiner Rückkehr nach Frankreich im Jahr 1947 lässt er sich in Marseille nieder. Heirat, Geburt von zwei Töchtern. Er findet eine Arbeit in der Buchhandlung Clary in Marseille. Dort entdeckt er die Literatur (Breton, Bataille, Cendrars, Péret, Sade …). Er begründet die Untergruppe der Surrealisten von Marseille und steht den Literaten der Cahiers du Sud nahe. Zur Offenbarung wird das Werk von Paul Klee. Er schafft seine ersten Klecksbilder mit Fahrradlack und Drucke (Stoff und Tusche).
1951 erregen seine Zeichnungen die Aufmerksamkeit von Karl Flinker, einem bedeutenden Pariser Galeristen, der diese in der Buchhandlung seines Vaters Martin Flinker ausstellt. Im November des selben Jahres lässt sich Fred Deux in Paris nieder, trifft André Breton, wird Mitglied der Gruppe der Surrealisten und befreundet sich mit Hans Bellmer. Zusammen mit den Surrealisten stellt er in der Galerie L’Étoile scellée aus. Es wird nur ein kurzes Intermezzo: 1954 zieht er sich wieder von der Gruppe zurück.
Bereits 1951 begegnet er auch der Kupferstecherin Cécile Reims, die seine Lebensgefährtin und Frau wird. Sehr schnell entscheiden sie aus gesundheitlichen Gründen, die sie beide betreffen, aber auch zur Förderung ihrer künstlerischen Arbeit, aus Paris wegzugehen. 1957 ziehen sie zunächst nach Corcelles im Département Ain. 1959 wechseln sie in das nahe Lacoux, wo sie Jahre später (1971) ein Zentrum für zeitgenössische Kunst einrichten, um kurz darauf, 1973, nach Couzat, im Berry, überzusiedeln. Die letzte Station ist schließlich La Châtre, wo sie seit 1985 leben.
Das zeichnerische Werk von Fred Deux war seit den 1950er Jahren immer wieder Gegenstand zahlreicher Ausstellungen in französischen Galerien und Museen. Im Musée national d’art moderne wird Fred Deux regelmäßig gezeigt, und im Museum von Issoudun ist ihm, wie auch Cécile Reims, ein großer Saal mit einer Dauerausstellung gewidmet. Die erste Exposition in Deutschland wurde 1995 im Kunstmuseum Bochum ausgerichtet. Seit 1999 und exklusiv seit 2001 wird der Künstler von der Galerie Alain Margaron vertreten, die regelmäßig Ausstellungen des Künstlers organisiert.
