Do, 16:39 Uhr
11.02.2016
Erfinder der Annoncier-Säule wurde heute vor 200 Jahren geboren
In ganz Mansfeld-Südharz noch 30 Litfaßsäulen - Allein Nordhausen hat 24, Artern fünf
In ganz Mansfeld-Südharz stehen nur noch etwa 30 Litfaßsäulen - eine davon hier in Hettstedt. (Foto: Jochen Miche)
Heute vor 200 Jahren, am 11. Februar 1816, wurde in Berlin Ernst Theodor Amandus Litfaß geboren. An ihn erinnern im gesamten Landkreis Mansfeld-Südharz noch etwa 30 Litfaßsäulen. In Nordhausen dagegen stehen allein schon 24.Die erste Litfaßsäule in Deutschland wurde am 15. April 1855 in Berlin-Mitte aufgestellt. Zweieinhalb Monate später konnte bereits die 100. Säule und 50. Brunnen- und Pissoirsverkleidung zum Zwecke der Plakatierung eingeweiht werden. Aus diesem Anlass war sogar eine Annoncier-Polka komponiert worden, die auf dem Einweihungsfest für gute Stimmung sorgte. Damals kamen in Berlin visionäre Projekte noch ziemlich schnell voran, scheint es. Allerdings war der Erfinder auch ein äußerst agiler Mensch. Wer war Litfaß?
Ernst Theodor Amandus Litfaß wurde als Sohn des Gründers der Litfaßschen Buchdruckerei, Ernst Joseph Gregorius Litfaß, geboren. Nach dem frühen Tod seines Vaters heiratete seine Mutter den Berliner Buchdrucker und Buchhändler Leopold Wilhelm Krause. Das Aufwachsen im Familienunternehmen prägte den Jungen nachhaltig. Nach der Schule lernte Ernst Litfaß zunächst Buchhändler. Danach unternahm er ausgedehnte Bildungsreisen nach Westeuropa und gründete das Theater Lätitia am Rosenthaler Tor in Berlin (später in das Vorstädtische Theater umbenannt). 1845 wurde er Buchhändler.
Vor 170 Jahren, am 16. Januar 1846, trat er vollends in das stiefväterliche Druck- und Verlagshaus ein. Mit der Herausgabe des Declamatoriums, einer Art Wissensbuch, gewann das Unternehmen viele Kunden; Litfaß machte damit ein Vermögen. Während der März-Revolution brachte er einige Flugschriften und Zeitungen heraus, darunter den Berliner Krakehler, der aber schon ein halbes Jahr später verboten wurde. Andere Blätter waren da langlebiger: die Berliner Schnellpost (später Berliner Curier), der Norddeutsche Frühlingsalmanach, der Berliner Figaro und Berliner Tagestelegraph, der 1851 erstmals erschien und seine Leser über Konzerte, Theateraufführungen, Unterhaltungs- und Gastronomieangebote informierte und einen umfangreichen Anzeigenteil hatte.
Litfaß war nicht nur ein erfolgreicher Verleger, sondern auch als Drucker sehr innovativ. So führte er die revolutionäre Erfindung des in Eisleben geborenen Friedrich König und seines Geschäftspartner Andreas Bauer in seiner Berliner Druckerei ein: die Schnellpresse. Außerdem druckte er bunt und als erster Riesenplakate im Format 20 x 30 Fuß (6,28 x 9,42 m). 1846 wurde Litfaß mit der Formatvergrößerung und Ausstattung der Anschlagzettel, die Litfaßzettel genannt wurden, überall populär.
Dann kam der 5. Dezember des Jahres 1854. An jenem Tag erhielt Litfaß vom Polizeipräsidenten von Hinckeldey die Konzession zur Errichtung einer Anzahl von Anschlagsäulen auf fiskalischem Straßenterrain zwecks unentgeltlicher Aufnahme der Plakate öffentlicher Behörden und gewerbsmäßiger Veröffentlichungen von Privatanzeigen. Litfaß, den das wilde Plakatieren in Berlin kolossal störte, bekam somit die Erlaubnis, zunächst 150 Annoncier-Säulen aufzustellen; 100 davon wurden neu errichtet, 50 waren bereits vorhandene Brunnen und Pissoirs, die er nur verkleiden ließ.
Der Unternehmer errichtete später weitere solcher Werbeträger. Er erkannte sehr zeitig den Wert von Reklame, weshalb er sich zunächst das alleinige Recht zur Plakatierung für Berlin sicherte, was ihn zu einem reichen Mann machte. Von seinem Geld jedoch gab er immer schon etwas an Bedürftige ab. So unterstützte er verwundete Soldaten und Hinterbliebene nach den Kriegen von 1864, 1866 und 1870/71. Er organisierte und finanzierte Konzerte, Feuerwerke und Bootsfahrten, deren Erlöse er Komitees stiftete, die sich um die Bedürftigen kümmerten. Dafür wurde er mehrfach vom Königshaus geehrt.
Ernst Litfaß starb während einer Kur in Wiesbaden am 27. Dezember 1874. Das Geschäft ging an seine minderjährigen Erben und existiert noch heute unter dem Namen Ernst Litfaß’ Erben. Litfaß, der König der Reklame, erhielt ein Ehrengrab auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin-Mitte. Es existiert noch heute.
Nach dem Tod von Ernst Litfaß wurden die nach ihm benannten Säulen in ganz Deutschland populär. Heute gibt es laut Wikipedia noch etwa 67.000 Litfaßsäulen in ganz Deutschland. Keinem anderen Deutschen wurden je so viele Denkmäler gesetzt wie Ernst Litfaß.
Heute werden sie zuweilen auch Werbe-, Plakat- oder Infosäule genannt, am Ende aber bleiben sie, was sie seit rund 160 Jahren sind: Litfaßsäulen. Im Mansfelder Land stehen davon noch etwa 30 Stück. Lediglich eine große und eine kleine sind in Hettstedt erhalten geblieben. Anders in Sangerhausen. Laut Auskunft der Mitarbeiterin Liegenschaften der Stadtverwaltung Sangerhausen, Sabine Hahn, werden in der Kreisstadt noch 14 Litfaßsäulen von einer Werbeagentur aus Nordhausen beworben, also mit stets aktueller Werbung beklebt, und baulich betreut. Den Mansfeld-Südharzer Säulen-Rekord stellt die Lutherstadt Eisleben auf: Dort befinden sich, wie Pressesprecher Maik Knothe mitteilt, 15 Litfaßsäulen. Auch sie werden noch in unregelmäßigen Abständen mit Werbung und Kulturempfehlungen beklebt.
Die Thüringer sind da offenbar traditionsbewusster. Dass Traditionsbewusstsein nicht gleichbedeutend mit "altmodisch" ist, beweist Artern. Dort wurde in der schick hergerichteten Leipziger Straße sogar eine moderne, von innen bestück- und beleuchtbare Säule errichtet. Aber auch die Betonsäulen in der Rudolf-Breitscheid/Ecke Bergstraße, Ankerallee/Ecke Sangerhäuser Straße, Puschkinstraße/Ecke Weinbergstraße, Salzdamm oder die auf dem Goetheplatz erfreuen sich noch großer Beliebtheit bei den Passanten, wie die Arternerin Hannelore Lauer unserer Zeitung mitteilte.
In Nordhausen werden gegenwärtig sogar noch 24 Säulen beworben und gepflegt. Sie alle halten die Erinnerung wach an einen unerhört kreativen Berliner Unternehmer und großen Kunst-, Kultur- und Menschenfreund: an Ernst Theodor Amandus Litfaß.
Jochen Miche
