Mi, 11:35 Uhr
09.07.2008
Ein imaginärer Ort?
Am vergangenen Wochenende fand in Rudolstadt zum 18. Mal das Tanz & Folk Fest statt. Wie in jedem Jahr gab es außer Sonne und Regen viel tolle Musik. Für die nnz war Olaf Schulze vor Ort und John Kahnes hat fotografiert. Die traditionell tolle Stimmung wurde dieses Jahr aber leider auch etwas getrübt.
In der Phantasie ist alles möglich. Und so stellten sich die Musiker um den Gitarristen und Produzenten Simon Emmerson ein Dorf vor, in dem die Kulturen der Welt und ihre ursprüngliche Musik zusammenkommen und friedlich miteinander leben und harmonieren. The Imagined Village heißt das Projekt, das zu mitternächtlicher Stunde am letzten Samstag die Besucher des diesjährigen Festivals für Folk. Roots und Weltmusik, kurz tff, auf der Heidecksburg in Rudolstadt begeisterte.
Emmerson ging es darum, die unterschiedlichen Regionen des einstigen britischen Empires zu vereinen und die Frage zu beantworten. Was ist englischer Folk? Pakistanische Trommler, jamaikanische Bassisten, englische Gitarristen, indische Sitharspieler? Mit so grandiosen Leuten wie Martin Carthy, der schon Simon & Garfunkel inspirierte und seiner fiedelnden Tochter Eliza, die wie ein Derwisch über die Bühne fegte, mit begnadeten Sängern wie Billy Bragg und Chris Wood, mit einem Cellisten namens Barney Morse Brown und den anderen perfekten Musikanten kam ein hochklassiges Konzert zustande, das in die Annalen des nunmehr 18-jährigen tff eingehen wird.
Fanfara Ciocarlia und die GYPSY QUEENS & KINGS gaben ein grandiosen Abschlusskonzert auf der Heidecksburg
Die Grundidee des imagined village ist auch die des Rudolstädter Tanz & Folk Festes und wurde einmal mehr eindrucksvoll umgesetzt. Israelische Juden und Araber musizieren gemeinsam in der schon fast jazzrockigen Kapelle Tizmoret (wobei mit den Auftrittsterminen Sonntag 0 Uhr und 13 Uhr sowohl der muslimische Feiertag beachtet wurde als auch der heilige Sabbath der Juden). Die italienische Variante der Pogues heißt Riserva Moac und begeisterte im Heinepark. Die meist 23 Berliner Trommler von Rakatak klopfen und hämmern, dass es eine wahre Freude ist und wir entdecken im verzauberten Publikum eine ganze Reihe von Menschen, die sich erfolgreich weigern, erwachsen zu werden. Die Aktionskünstlerin Erika Stucky testet in der proppevollen Stadtkirche ihre Stimme und deren Tragfähigkeit im Gotteshaus. Die polnische Psio Crew verlässt auch mal die Bahnen des Folk und drumt und basst ein bisschen, die schottischen Proclaimers stellen sich das Motto: Pop im Park, im Konzertzelt spielt der Norweger Karl Seglam einen betörenden, eindringlichen Jazz nordischer Prägung und Billy Bragg und die norddeutschen Strom und Wasser bedienen den alternativen politischen Anspruch der Festivalgäste.
Einen guten Zahnarzt hat der Sänger der schottischen Band THE PROCLAIMERS ganz offensichtlich
Zunehmend wird das mit 68.000 Folkies wieder sensationell besuchte Festival aber auch zum Marktplatz für Musiker, Veranstalter, Instrumentenbauer und –käufer.
Wir spielen nicht für Geld, sagt der Frontmann der Straßenmusikkapelle La Marotte und trifft damit den Nerv der früh aufgestanden Festivalgäste am Sonntagmorgen in der Marktstraße. Aber was Musiker und Zuschauer von diesem Fest mit nach Hause nehmen, ist mit Geld ohnehin nicht aufzuwiegen.
Manchmal decken sich die Ankündigungen im Programmheft nicht hundertprozentig mit der musikalischen Realität, aber wenn der Besucher zur mittäglichen Stunde einen Sitzplatz im Handwerkerhof ergattert und noch ein anstrengendes Tagesprogramm vor sich hat, dann verzeiht er auch den fehlenden Punk oder Drive in der Darbietung, der eigentlich versprochen war.
Bei nach wie vor phantastischem Wetter blödelt Olaf Schubert als herausragender Vertreter des im regionalen Fokus stehenden Freistaates Sachsen auf der Burgterrasse, ehe am späten Sonntagabend der Regen doch noch kommt.
Pikanterweise bei der irischen Band Gráda, die strafverschärfend aus dem feuchten Nordwesten der Republik stammt. Logisch, dass sich die Iren für solches Wetter entschuldigen – mit ihrem tollen Auftritt ließen sie die wenigen Tropfen aber schnell vergessen machen. Glücklicherweise musste sich der nachfolgende Künstler nicht für landestypisches Wetter entschuldigen, denn dann hätte es wohl geschneit. Marko Haavisto stürmte die Burgterrasse mit seiner finnisch-amerikanischen Freundschaftsmusik, die glänzend zum Tanz des Jahres, dem Rock’n’Roll passte.
Zum Abschluss dann noch ein Gewitter auf der Burg – ein rein musikalisches aber. Fanfara Ciocarlias und die Gypsy Queens and Kings setzten einen fulminanten Schlusspunkt auf ein gelungenes Fest.
Vielleicht ist Rudolstadt ein imagined village an jedem ersten Juliwochenende im Jahr. Wenn man sich das verträumte Städtchen nur einen Morgen nach dem Fest ansieht, mag man das glauben. Der Freistaat Thüringen ist es noch nicht. Wie am Sonntagabend des tff in Erfurt ein Konkurrenzkonzert mit dem Weltstar Loreena Mc Kennitt stattfinden kann, ist unbegreiflich. Da hatte ein Veranstalter kein Gespür für die Thüringer Verhältnisse. Oder er tat es mit Absicht, um dem tff zu schaden. Das ist kein guter Stil und die tff-Besucher werden es einzuordnen wissen.
OLAF SCHULZE
Fotos: John Kahnes
Autor: nnzIn der Phantasie ist alles möglich. Und so stellten sich die Musiker um den Gitarristen und Produzenten Simon Emmerson ein Dorf vor, in dem die Kulturen der Welt und ihre ursprüngliche Musik zusammenkommen und friedlich miteinander leben und harmonieren. The Imagined Village heißt das Projekt, das zu mitternächtlicher Stunde am letzten Samstag die Besucher des diesjährigen Festivals für Folk. Roots und Weltmusik, kurz tff, auf der Heidecksburg in Rudolstadt begeisterte.
Emmerson ging es darum, die unterschiedlichen Regionen des einstigen britischen Empires zu vereinen und die Frage zu beantworten. Was ist englischer Folk? Pakistanische Trommler, jamaikanische Bassisten, englische Gitarristen, indische Sitharspieler? Mit so grandiosen Leuten wie Martin Carthy, der schon Simon & Garfunkel inspirierte und seiner fiedelnden Tochter Eliza, die wie ein Derwisch über die Bühne fegte, mit begnadeten Sängern wie Billy Bragg und Chris Wood, mit einem Cellisten namens Barney Morse Brown und den anderen perfekten Musikanten kam ein hochklassiges Konzert zustande, das in die Annalen des nunmehr 18-jährigen tff eingehen wird.
Fanfara Ciocarlia und die GYPSY QUEENS & KINGS gaben ein grandiosen Abschlusskonzert auf der Heidecksburg
Die Grundidee des imagined village ist auch die des Rudolstädter Tanz & Folk Festes und wurde einmal mehr eindrucksvoll umgesetzt. Israelische Juden und Araber musizieren gemeinsam in der schon fast jazzrockigen Kapelle Tizmoret (wobei mit den Auftrittsterminen Sonntag 0 Uhr und 13 Uhr sowohl der muslimische Feiertag beachtet wurde als auch der heilige Sabbath der Juden). Die italienische Variante der Pogues heißt Riserva Moac und begeisterte im Heinepark. Die meist 23 Berliner Trommler von Rakatak klopfen und hämmern, dass es eine wahre Freude ist und wir entdecken im verzauberten Publikum eine ganze Reihe von Menschen, die sich erfolgreich weigern, erwachsen zu werden. Die Aktionskünstlerin Erika Stucky testet in der proppevollen Stadtkirche ihre Stimme und deren Tragfähigkeit im Gotteshaus. Die polnische Psio Crew verlässt auch mal die Bahnen des Folk und drumt und basst ein bisschen, die schottischen Proclaimers stellen sich das Motto: Pop im Park, im Konzertzelt spielt der Norweger Karl Seglam einen betörenden, eindringlichen Jazz nordischer Prägung und Billy Bragg und die norddeutschen Strom und Wasser bedienen den alternativen politischen Anspruch der Festivalgäste.
Einen guten Zahnarzt hat der Sänger der schottischen Band THE PROCLAIMERS ganz offensichtlich
Zunehmend wird das mit 68.000 Folkies wieder sensationell besuchte Festival aber auch zum Marktplatz für Musiker, Veranstalter, Instrumentenbauer und –käufer.
Wir spielen nicht für Geld, sagt der Frontmann der Straßenmusikkapelle La Marotte und trifft damit den Nerv der früh aufgestanden Festivalgäste am Sonntagmorgen in der Marktstraße. Aber was Musiker und Zuschauer von diesem Fest mit nach Hause nehmen, ist mit Geld ohnehin nicht aufzuwiegen.
Manchmal decken sich die Ankündigungen im Programmheft nicht hundertprozentig mit der musikalischen Realität, aber wenn der Besucher zur mittäglichen Stunde einen Sitzplatz im Handwerkerhof ergattert und noch ein anstrengendes Tagesprogramm vor sich hat, dann verzeiht er auch den fehlenden Punk oder Drive in der Darbietung, der eigentlich versprochen war.
Bei nach wie vor phantastischem Wetter blödelt Olaf Schubert als herausragender Vertreter des im regionalen Fokus stehenden Freistaates Sachsen auf der Burgterrasse, ehe am späten Sonntagabend der Regen doch noch kommt.
Pikanterweise bei der irischen Band Gráda, die strafverschärfend aus dem feuchten Nordwesten der Republik stammt. Logisch, dass sich die Iren für solches Wetter entschuldigen – mit ihrem tollen Auftritt ließen sie die wenigen Tropfen aber schnell vergessen machen. Glücklicherweise musste sich der nachfolgende Künstler nicht für landestypisches Wetter entschuldigen, denn dann hätte es wohl geschneit. Marko Haavisto stürmte die Burgterrasse mit seiner finnisch-amerikanischen Freundschaftsmusik, die glänzend zum Tanz des Jahres, dem Rock’n’Roll passte.
Zum Abschluss dann noch ein Gewitter auf der Burg – ein rein musikalisches aber. Fanfara Ciocarlias und die Gypsy Queens and Kings setzten einen fulminanten Schlusspunkt auf ein gelungenes Fest.
Vielleicht ist Rudolstadt ein imagined village an jedem ersten Juliwochenende im Jahr. Wenn man sich das verträumte Städtchen nur einen Morgen nach dem Fest ansieht, mag man das glauben. Der Freistaat Thüringen ist es noch nicht. Wie am Sonntagabend des tff in Erfurt ein Konkurrenzkonzert mit dem Weltstar Loreena Mc Kennitt stattfinden kann, ist unbegreiflich. Da hatte ein Veranstalter kein Gespür für die Thüringer Verhältnisse. Oder er tat es mit Absicht, um dem tff zu schaden. Das ist kein guter Stil und die tff-Besucher werden es einzuordnen wissen.
OLAF SCHULZE
Fotos: John Kahnes
























