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Di, 07:02 Uhr
11.05.2010

Wiege des Musikfestes

"Bad Frankenhausen - die Wiege des ersten Deutschen Musikfestes 1810" so der Titel einer Ausstellung die demnächst in Bad Frankenhausen eröffnet. Historische Hintergründe dazu gibt es hier...

Am Sonntag, den 16. Mai 2010, um 15.00 Uhr, wird diese interessante Ausstellung zu 200 Jahre Musikgeschichte im Festsaal von Schloss Bad Frankenhausen eröffnet werden. Am Dienstag, den 18. Mai 2010, um 19.30 Uhr, wird es dazu ein Ausstellungsgespräch im Regionalmuseum Bad Frankenhausen geben.

Im Vorfeld dieser Ausstellung wurde vom Regionalmuseum eine interessante Dokumentation erarbeitet, die Ihnen kn nicht vorenthalten möchte:

Bad Frankenhausen, die kleine Kur- und Erholungsstadt am Südhang des Kyffhäusergebirges, besitzt kein Orchester, keine Konzerthalle und kein Theater. Bis auf den Musikpavillon aus dem Jahre 1890 im Kurpark deutet kaum etwas daraufhin, dass diese Stadt eine vielfältige Beziehung zur Musik haben könnte. Und doch hat Bad Frankenhausen seinen Platz in der deutschen Musikgeschichte gefunden. Zu verdanken ist dieses Johann Georg Friedrich Bischoff (1780-1841), Kantor an der evangelisch-lutherischen Hauptkirche, der Unterkirche, und Lehrer am Frankenhäuser Lyzeum.

Am 20. und 21.Juni 1810 veranstaltete Kantor Bischoff in der Frankenhäuser Unterkirche ein Musikfest. Daran teilnahmen mehr als 200 Musiker und Sänger aus Gotha, Rudolstadt, Sondershausen, Nordhausen, Weimar, Leipzig, Erfurt und zahlreichen anderen Städten. Herausragende Unterstützung fand Kantor Bischoff in dem Gothaer, später in Kassel wirkenden Konzertmeister und Dirigenten Louis Spohr (1784-1859) und Johann Simon Hermstedt (1778-1846), Musikdirektor des fürstlich schwarzburg-sondershäusischen Hautboistenkorps, der Keimzelle des heutigen Lohorchester Sondershausen. Diesem Musikfest folgten 1811 und 1815 zwei weitere in Frankenhausen. Der damit gewonnene Bekanntheitsgrad ließen ihn den französischen Besatzungsbehörden geeignet erscheinen, zur Feier des Geburtstages Kaiser Napoleon I. (1769-1821) 1811 in Erfurt eine "große musikalische Akademie" aufzuführen. Auch dieser musikalischen Großveranstaltung folgte im Jahre 1812 eine weitere. Zusammengenommen trugen alle Veranstaltungen Kantor Bischoff den Ruf ein, ein hervorragender Initiator und Organisator musikalischer Großveranstaltungen gewesen zu sein. Ganz im Besonderen trug ihm jedoch das Musikfest des Jahres 1810 bereits die Anerkennung seiner Zeitgenossen ein, der Begründer der deutschen Musikfeste zu sein. Demnach ist das Jahr 2010 für Bad Frankenhausen ein Jubiläumsjahr, für das Regionalmuseum Anlass für eine Jubiläumsausstellung.

Eine Jubiläumsausstellung? Hat es diese nicht erst vor einigen, wenigen Jahren gegeben? Diese und andere Fragen wird sich manch aufmerksamer Leser unserer Rubrik und aktiver Museumsbesucher stellen. Und alle, die dieses denken, haben vollkommen richtig überlegt. Bereits im Jahre 2004, am gleichen Tag, den 16. Mai, wurde schon einmal eine Jubiläumsausstellung im Schloss eröffnet. Diese Ausstellung beruhte auf der Annahme, Kantor Bischofs erste große Konzertveranstaltung im Jahre 1804 habe bereits den Charakter eines Musikfestes gehabt.

Am 19.Mai 1804 hatte Kantor Bischoff im "Wöchentlichen Frankenhäusischen Intelligenzblatt" inseriert, dass er und der Frankenhäuser Stadtmusikus Gottlob August Löscher (um 1752-1825) für den 13.Juni die Aufführung von Joseph Haydns "Die Schöpfung" planen. Über den genauen Umfang und den Erfolg der Konzertaufführung ist kaum etwas bekannt und führte immer wieder zu unterschiedlichen Interpretationen. Letztlich auch dazu, dass die Konzertaufführung zum ersten deutschen Musikfest erklärt wurde. Eine Aussage, die Kantor Bischoff so nie getroffen hatte. Manifestiert hatte sich diese Sichtweise vor allem durch das im großen Stil inszenierte Jubiläumsmusikfest 1904, dem 1954 und 1979 weitere nachfolgen sollten. Für diese Jubiläen wurden z. T. umfangreiche Festschriften verfasst und herausgegeben, die sich sowohl dem Leben des Kantors als auch Anlässlich der Sonderausstellung "Stimmt an - Musikfeste in Frankenhausen" 2004 hielt Dr. Samuel Weibel, ein prädestinierter Musikwissenschaftler aus der Schweiz, die Laudatio. Dr. Weibel benannte eine Reihe von Gründen, warum die Konzertaufführung 1804 nicht als Musikfest gelten kann, die Jubiläumsausstellung eigentlich sechs Jahre zu früh stattfinde. Wir können auch heute noch nicht alle von ihm benannten Gründe widerlegen, weshalb wir Kantor Bischoffs erste große Konzertaufführung nicht als erstes deutsches Musikfest ansehen sollten. Doch des Schweizers Logik folgen können wir allemal.

Die Schweizer betrachten unbestritten das Jahr 1808 als die Geburtsstunde ihrer nationalen Musikfeste in deutscher Sprache. Würde die Konzertaufführung 1804 bereits als Musikfest anerkannt werden, so ist dies dann zugleich das "erste Musikfest im deutschen Sprachraum". Bleibt es bei dem heute in der Musikwissenschaft allseits anerkannten Datum von 1810, ist es "lediglich" das "erste deutsche Musikfest". Demnach gilt den Schweizern die Ehre, dass "erste deutschsprachige Musikfest" durchgeführt zu haben. Im Moment müssen wir ihnen diese Ehre noch belassen, doch wir arbeiten dran.

Leider besitzen wir heute nur noch wenige authentische schriftliche Zeugnisse aus der Feder von Kantor Bischoff. Und dabei hatte er bei seinem Weggang 1816 aus Frankenhausen einen bedeutenden Teil seines Schriftgutes der Jahre 1810 bis 1816 der Schulbibliothek geschenkt. Während der Neuordnung der Stadtbibliothek 1883/84 wurde hinter den Regalen Bischoffs Briefwechsel mit Teilnehmern der Musikfeste wieder entdeckt. In den kommenden Jahren wurde der Schriftwechsel mehrere Male zur Hand genommen und in Auszügen veröffentlicht. Mitte der 30er Jahre des 20. Jh. galt das Schriftgut bereits als verschollen. Sowohl in Vorbereitung der Sonderausstellung des Jahres 2004 als auch zu dieser des Jahres 2010 ließen sich im Stadtarchiv historische Dokumente finden, die die Frankenhäuser Wirkungszeit Johann Georg Friedrich Bischoffs neu beleuchten.
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